Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1933
- Issue
- Nr. 5 - Mai (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 56 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Und so wird' für uns das so oft mißbrauchte und falsch verstandene Schlagwort von der Lehensnähe der Religion zu einer sittlichen Forderung! Ihre Lebensnahe l>eweist die jüdische Religion, indem sie an die Menschen jüdischer Abstammung den ganzen Reichtum jüdischen Glaubens, jüdischen H eges, jüdischer eltanschauung heranbriugt und sie lehrt, daß für den jüdisclien Menschen Kultur und seelische Befriedigung nur auf solcher Grundlage erwachsen. Wahre L chensft ä li e führt zur Verwirklichung d e r Religionim Leben. Religion in diesem umfassenden Sinne ist 'mehr, als der enge Raum des Gotteshauses von hetite hergep und gewähren kann. Sie zu künden und zu verwirklichen, ist ein weiter Kreis bestimmt, in dem nahe am Mittelpunkt auch unser Orden steht. Ifr und seine Führer sind niitbemfen die jüdische Religion wieder zur festen Grundlage jüdischen Lebens zu machen, ihte Lebensnahe zu erweisen. Mögen in schwerer Zeit tiipfere und gottbegeisterte Führer unseres Ordens die«1 Aufgabe im Geiste und zur Ehre Gottes erfüllen! > Der Jude in der Großstadt Von Br. Ludwig Feuchtwanger Oie. Verstädterung, der unaufhaltsame Zusammensjroni in die Großstadt, ist dem europäischen Juden zum Schicksal gewordeu, zum Verhängnis und zur Kettung gleichzeitig. Oer Höhepunkt ist erreicht, die Wende nach der anderen Seite wird schon sichtbar; wir beginnen die bis heute geheime Verkettung des Ehemaligen und Künftigen zu übersehen. Es ist Zeit eine' Überschau zu versuchen, zuerst über die Tatsachen, dann über die innere und äußere Verknüpfung der Ursachen, und schließlich aus der Strukturveränderung «1er Judenschaft infolge der V erstädterung in das Künftige Zu weisen. Der Zug in die Stadt seit 1800 ist für die europäische Gesamtbovülkerung nach allen erfaßbaren Ausgliederungeu wiederholt gezeigt worden. Dabei konnte festgestellt werden, daß die Lichtung der jüdischen Einwohnerschaft in der Pro\ inz und auf dem Land rascher und gründlicher vor sich gegangen ist als hei den Nichtjuden. Burgdörfer. Lestscliinsky, Ruppin. Marcus haben ' in ihren neuesten Werken lüber die am Schlüsse Rechenschaft gegeben wird' aus den statistischen Quellenpublikationen die nötigen Gegenüberstellungen und Tatsachen. plastisch und eindringlich für jedermann, dargeboten. Das wirtschaftliche, gesellschaftlich-politische find geistig-religiöse Schicksal der gegenwärtigen Judenlieit der Welt, besonders aber der Juden der Mitte — das. sind, die deutschen — ist vonihrer vollkommenen l rhanisierung und Metropolisierung am gründlichsten /.u begreifen. Daß die Juden seit ihrer Zerstreuung überall mit nur ganz wenig Ausnahmen in die Städte jeder Art unaufhaltsam strebten und sich beinahe ausschließlich dort nach allen ihnen möglichen Arten der Siedelung und des Erwerbs entfalteten, formt ihr gesamtes Schicksal, der einzelnen und der Gemeinschaft, ihr geistiges und leibliches Los. Ah die Spitze jeder Tatsaclienbesclireibung. die sich auf den Juden in der Großstadt bezieht, ist die Beobachtung zu stellen: Schrittmacher auf dem Weg der (Geburtenbeschränkung und-Kleinhaltung der Familie ist bis heute die Stadt, besonders die Großstadt. Zur »unfruchtbaren Stadt"^der Welt schlechthin ist Berlin geworden. Von 1913 bis 1929 ist dort die Geburtenziffer auf weniger als die Hälfte, nämlich von 19,6 auf 9;6 (auf Tausend) abgesunken. Nächst Berlin folgt die zweite Weltstadt des deutschen Sprachgebiets, W ien, mit 10 auf Tausend. Paris hat demgegenüber noch eine [Geburtenziffer von annähernd 15 a. T., London sogar 15,8 a. T. Beide Weltstädte, Paris und London, liegen diiniit auch über dem Durchschnitt der deutschen Großstädte (13 v. T. >. In den 4 Jahren 1928—1931 sind in Berlin insgesamt rund 34 000 Menschen mehr gestorben als geboren wurden; das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Städten wie Bayreuth oder Gießen oder Paderborn! Der Geburtenrückgang bei den Juden ist noch größer als bei der übrigen Bevölkerung; das ist oft tabellarisch gezeigt worden. Im Zug zur Großstadt hatten sie inj immer stärkerem Tempo die Vorhut. In den | 45 deutschen Großstädten (über 100 000 Einwohner)L die es 1925 gab, lebten von der nichtjüdischen Bevölkerung 26,4%, von der jüdischen 2*4 m$l soviel, nämlüjh 66,8% In den 7 Städten Deutschlands mit über 54 Million Einwohner (Berlin, Hamburg, Köln, München, | Leipzig Dresden, Breslau) wohnte 1925 ein etwa viermal größerer Anteil aller deutschen Juden als dem Anteil der gesamten nichtjüdischen Bevölkerung entspricht. Lestscliinsky gibt über das Wachstum der jüdischer Bevölkerung in den sieben größten Gemeinden Deutsch lands folgende Tabelle: .1 1816 185p .1871 1925 Berlin . . . 3373 9 5953) 36 015 172 67!: Frankfurt a. M 4 309 5 200 7 620») 29 38; > Breslau . . 4 409 7384 13 000 23 240 Hamburg , 7000 10 000 13 796 19 791 Köln . . 150 1 286 3 172 16 091 Leipzig . . 1401) 320 2 551*) 12 591 München 380*) 1 2524) 2 903 10061 Zusammen 19 761 35 037 79 057 283 8416 % aller Juden 7,7 8,5 16,8 50,3 *) 1832. *) 1812, *) 1849, 4) 1852, 5) 1867, ‘) }875. 56