Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1933
- Issue
- Nr. 5 - Mai (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 58 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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äußerte »ich vor 100 Jahjren in »einem Tagebuch (22. Mai 1830) über das Leben in kleinen und großen Städten. Man werde in kleinen Städten leicht zum Menschenfeind, zum Lästerer Gottes und seiner weisen Ordnungen, weil liier die Laster der Menschen einzeln liervor- I raten und verachtungswürdig erschienen. Große Verbrechen geschähen so feiten, daß man im einzelnen Falle die Täter schonungslos als schuldig verdammte. In großen Städten dagegen, besonders in der Weltstadt Paris, erschienen die Schwächen der Menschen als Schwächen der Menschheit und Verbrechen und Mißgeschicke—^ls heilsame Krankheiten, die die Obel des-ganzen Körperi, diesen zu erhalten, auf einzelne Glieder würfen. Die Häufigkeit der Verbrechen überzeuge von ihrer Notweitdigkeit und gewähre damit einen Trost.! Sören Kierkegaard setzt sich in seinen „St:idien auf dem Lebensweg“ mit dieser Äußerung Bonus auseinander. Kierkegaard sieht darin eine Flucht vc r der irklichkeit der menschlichen Existenz, eine Flucl t in die „Sicherungen“ unfrin die Tröstungen der „tabellarischen Übersicht“. „Eine so zart besaitete Natur wie Börne merkt es sofort wenn das Leben ilir-zu nahe trit; aber solange man selbst kein Unglüek hat, findet man i n seiner Behaglichkeit Mittel, sich das Peinliche vom Leib zu halten. Dem Armen kann man seine Tür verschli;- ßen; und sollte jemand vor Hunger umkommen, so sielit man in seiner Tabelle naeh, wie viele jährlich Hiinge-s sterben.... und man ist beruhigter.“ Durch die betäubende Unruhe der Großstadt hält sich der Jude vielfach die innere Unruhe und Fragwürdigkeit seiner Existenz vom Leibe. Aber auch der verinnerlichte und religiöse Jude fai d in der Großstadt die ihm am Herzen -liegenden Einric l- ' taugen. Persönlichkeiten. Lern- und Sehulungsmöglichkriten in reicherer Auswahl und meist auch auf hüherepi \i\eau als in der Provinz oder im Dorf. In Fraukfu Berlin, Breslau. Hamburg. München. Köln kann auch i -treng traditionell gerichtete Jude in jeder Lebenslaue nach seiner Form unter den bestmöglichen Bedingung?n leben. lehren, lernen und seinem Beruf ungestört na "dum. t, Ipr ch- Seit \ielen Jahrzehnten ist das jüdische Kleinstadt lel>en in unaufhaltsamem Küekgang. In der Großsti dt sind für «las spezifisch jüdische Leben — in und außerhalb der Gemeinde, in und außerhalb der Sy goge im weitesten Sinne — die Gefahren zw l>edeutend erhöht, aber auch die Mögliclikeiten uad Aussichten einer Erneuerung viel reicher. Der Jude g< lit als jüdischer Mensch in der Großstadt leicht verlor >n. Gewiß: der gewaltige, noch andauernde Blutverlust des Judentums in den letzten 100 Jahren ist auf die Lau flucht unmittelbar zurückzuführen. Der Anschluß g :ht häufig verloren; das Verfallensein an jede Art des grjßstädtischen „modernen Heidentums“ ist häufiges Schick- *aar dsal. Auf der anderen Seite können echte, gute, im Tiefsten 'jüdische Anlagen in.,der Großstadt unendlich sorgsamer und sachgemäßer gepflegt und fortgebildet werden. ,1 Ehe in einer abschließenden Betrachtung [ der Einfluß der Großstadt auf das jüdische Leben näher b<^ sproehen w ird,müssen wir uns kurz äußer-deutschen jüdischen Sachverhalten in den Massensiedlungen der modernen Großstadt zuwenden. Die Stadt als berufliches Zentrum ist bei den Juden der Diaspora eine allgenieine dauernde Erscheinung, dife nicht an einzelne Ländt'r gebunden ist. Für den Osten sind die erreichbaren iZählcn im ersten Band von Arthur Ruppins „Soziologie der Juden“ zu finden; dort (Band I, S. 111 f.) ist auch die Verteilung der Juden auf Stadt und Land für die (janze Welt aus den verschiedensten Quellen, meist allerdings aus \"erniittlungs|iteratiir, näher beschrieben. Dicj Bedeutung der Großstadt für die Juden der-Welt ist danach einzigartig. Die 6 europäischen Städte mit der zahlreichsten jüdischen Einwohnerschaft sind Warschau, Budapest, Wien; Odessa, Berlin und Lodz. Die größte Zusammenballung von Juden in einer Stadt ist in New York (1927: 1 765 000 Juden); heute lebt etwa ein Achtel aller Juden der Welt in dieser Stadt. Wichtig ist die G h c 11 q b i 1 d u n g innerhalb der modernen Großstädte. Nach dem Vorgang der Untersuchungen! des Kölner soziologischen Seminars unter der Leitung von L. v. Wiese über das Amsterdamer Ghetto (vgl. ^Zwischenmenschliche Probleme des Ghettos“ von Willy Gierlichs in „Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie“ X/3) noch andere Juden*Viertel moderner Großstädte methodisch zu untersuchen und zu beschreiben! (für New York vgl. Ruppin a. a. O. Bd. I S. 124 f.), is^ eine dringliche Aufgabe. | I Im allgemeinen wird -der Fehler gemacht, deq Einfluß der Großstadt auf das religiöse und das gesamte jüdisch^ Lehen zu negativ zu betrachten. Leo Baej:k hat im „Morgen“ (Jahrgang 1929) die großen Gefahren der Großstädte für das religiöse Gemeinschaftsleben der Juden in dem Aufsatz „Gemeinde in der Großstadt4 (jetzt wiederabgedruckt in der eben erschienenen Samm lung Baeck, Wege im Judentum, Berlin 1933, S. 288-30Q) , sehr beredt geschildert, aber zuni Schlüsse auch der Revolution der großstädtischen Jugend gedacht als dei Revolution zu neuers Religiosität! Die Auflösung ■ dei alten frommen Landgemeinden, die Yerwandlung dei „Hausvaters“ (baal habajis) zum Steuerzahler, c er Er satz der persönlichen Wertung und Beanspruch ing ii der Kleinstadt durch die finanzielle Leistung in der Großgemeinde, all dies braucht der Religiosität, dem vertieften A’erständnis für 'das religiöse Problem und die jüdische Aufgabe noch nicht an und für sich entgegen zu sein. Die jüdischen Massen allerdings gehen in der Großstadt meist an das Geschäftliche und Tecbnisch«, an den Geschäfts- und Erwerbsgeist verloren. Aper iip 58