Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1933
- Issue
- Nr. 5 - Mai (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 54 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Lebensnähe der Religion Von Br. Felix Goldmann Die „Lebensnahe der Religion“ konnte im Judentum erst zu einem Problem werden, nachdem unter dem Einfluß der Assimilation die Geschlossenheit der jüdischen Anschauungswelt geschwunden war. Das . überlieferte Judentum kannte einen Gegensatz zwischen Lehre und Leben darum nicht, weil die Religion zunächst alle LebenserscUeinungen ausbildete und beherrschte, so daß es kein Gebiet menschlicher Kultur gab. das nicht dem KinfluU des Religiösen untertan war. Darum ist der Begriff des Profanen im modernen Sinne dejn jüdischen Denken fremd, olil unterscheidet man zwischen „Heiligem“ und „Profanem“ (kodesch, clioll. Aber letzten Hildes ist das Heilige nur das u nmit t e lliar mit Gott in Verbindung stehende, der dem Gottesdienste und der Lehre gewidmete Ta" festlicher Versammlung, während das Profane Gott mittelbar in der Arbeit und den Beschäftigungen des Alltags heiligt. Beide sind aber grundsätzlich "Von gleicher Bedeutung, in beiden lebt wahre Religion, und sie bedingen einander. Nicht darf das Gleichgewicht, verschoben 'werden, und .sorgfältig wird vor allem darauf geachtet, daß nicht etwa die unmittelbare Beschäftigung mit der Gotteslehre, das Grübeln über ihre Sätze, die Verbindung mit dem Göttlichen durch Opfer und Gehet, die Oberhand gewinnen irtul als wirkliche, höhere Religion gelten. Auch das Profane ist göttlich! Und von dieser Warte aus erschließt sich auch das Verständnis für die letzte Bedeutuftg des so oft verkannten Gesetzes im Judentum. Daß fast jede Handlung durch das Gesetz geregelt ist, daß es in die seltsamsten.'für das moderne Empfinden jeder religiösen Weihe entbehrenden Kleinigkeiten des Alltags eingreift, ist Ausdruck dieser Einheit. Das Gesetz verwirklicht, das Gesetz stellt die Einheit aller Lehenserscheinungen her. sie alle der Herrschaft der Religion unterwerfend. Für das alte Judentum gab es das Problem der Lehensnähe nicht, weil die Religion das I.eben selber war. ohl wußte man. daß die Vorgänge des .Menschenlebens in ihrem L7rsprunge diese Weihe nicht .besitzen, daß sie sittlich indifferent sind. Aber der alte jüdische Kulturbegriff kennt keine Dinge, die religiös’ gleichgültig bleiben können. Alles Geschehen gewinnt erst Sinn durch das Eindringen religiösen Geistes, alle I-ebetisformeu und alle Tatsachen sind vor die Entscheidung gestellt, oh sie mit der Religion gehen oder oh sie sich g e g e^n sie erklären. Widerspruch ist Sünde! Nur was im Geiste des Religiösen wirkt, ist Kultur! Lud Lebensnahe war für die Religion selbstverständlich, weil sittliches, kulturelles Lehen ohne ihre Grundlage nicht denkbar?war. Andere Religionssysteme haben diese Einheit, nicht iiltcmommeu. Sie legten den Schwerpunkt des religiösen Willens in das Spekulative. Das Alte Testament und der Talmud kennen eine Theologie und eine Dogmatik a s religiöse Betätigungsgebiete nicht, und! daß Glaube sei machen könne, ist ihrer Gedankenwelt fremd. Die V Schiebung des religiösen Wertes der Seele in die Wcjlt <les reinen Glaubens brachte aber e qe andere Bewertung der allgemeinen Lebenserschein'iingen mit sich, ui|«l es ist kein Zufall, daß das pauliniscl ie Christentum d is Gesetz aufhob. Nur solange hatte es J jnn, als Lehre und Lehen sich gegenseitig bedingten lind von gleichem W.erte waren. Die Überhöhung und Heiligung der Frag-n des Glaubens und der religiösen Theorie brachte ga iz naturgemäß eine Herabsetzung der •l’jormen und Har dlungen des allgemeinen Lebens mit feicli. Sobald min wahre religiöse Innigkeit mehr in t tr innerlichen I!escliaulichkeit des Glaubens und der religiösen Erken ltnis bewies, war der religiöse Wert d ar Alltagsarbeit jeringer geworden. So entsteht der Hegriff eines „Profanen“ auf ganz anderer Grundlage, und eine Spannung zwischen ihm und dem Heiligen ist geschaffen, die zu einem Zerreißen der Bindungen führen kann und führt. Lehre und Leben gehen ihren eigem h eg ohne Rücksicht aufeinander, und die immer schwächer werdenden Zusammenhänge lassen Entwicklur gen zu, die z im Gegensätzlichen führen. Religion i rnd Leben füll 'en jedes ein Sonderdasein: und gehen'ihre Wege gar zu weit auseinander, so fühlt man die Notwendigkeit einer Anpassung, eines Ausgleichs. Und da in unseren Ta;en das Leben mit seinen vielfachen, Spinell umfassen len Kulturerscheinungen als die stärkere Macht auft itt, setzt sich das Bewußtsein von den Spannungen in die Forderung nach der „Lebensnahe 'der Religion“- im. Früher, als die Religion noch größere Macht besaß, autele die Forderung dem-'Sinne nachi ohne daß freilich diese Formulierung gebraucht wurqe, „Religio tsnälie des Leben s“.! Was sich nun in anderen Rejigionssystemen ihrer Theorie natumotwendig ergibt, ist im Judenl lediglich Folge der Assimilation! Wenn auch bei die Forderung einer Lebensnahe der Religion erb wird, so ist ihre Berechtigung nichtj zu bezweifeln, zeigt aber ein gestörtes Gleichgewicht an. sie ergibt daraus, daß die Anschauungen deri Umwelt'auch jüdische Denken grundsätzlich beeinjflußt und geär dert haben. Im modernen Juden ist die Einheit von Religion und Kulturgesinnung verloren gegangen. Und wem im lieben anderer Religionsgemeinschaf len sich aus Gründen, die hier nicht erörtert werden aus um J Ullü 4ben Sie sich das können, sogar ein (Gegensatz zwischen ihnen herausgebildet hat, so ist auch das J udentum davon nicht verschon; geblieben. Vunderlich wäre es, wenn dem nicht sc wäre! Demi wir' leben inmitten einer. Kultur, bei der die Möglichkeit eines von religiösen Einflüssen freien! Profanen sici aus