Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1933
- Issue
- Nr. 5 - Mai (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 52 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Xui der geistig kranke Mensch löst sein Tun \oni logischen Denken ab. So ist religiöses Denken .-eine im Wesen des Glaubens begründete Notwendigkeit, und alle Mystik muß zu ihm einen Zuganz haben! "I Es ist allerdings ein Denken völlig eigener :Art. von dem rein logischem der Wissenschaft wohl zu unterscheiden, ein Denken in Werten und über erte. d. li; ein weltanschauliches Denken, das zugleich dem Menschen eine geschlossene ’ Lebensansicht gewähren wilj. und so liegt es nicht völlig diesseits der rein Ionischen Erkenntnis. 'Das kausale Begreifen ist der Religion tiicht das einzige Kriterium der W ahrheit. weil der Mensch nicht nur ein Wesen des Intellekts ist. weil das Problem der Individualität auch nicht annähernd \on der Wissenschaft her sich lösen läßt. - das-heißt die Frage, die an jeden herankommt: was bin ich »litten in dem drängenden Getriebe, welche besondere Stelle nehme ich mit meiner Eigenart körperlicher und seelischer Struktur darin ein und welche Leistung ergibt sieb von hier aus für "mich? Dieses religiöse Denken ist dem wissenschaftlichen gegenüber nicht von geringerer Geltung, sondern für die Erkenntnis und Deutung des Lebens beweiskräftiger als alle reine Logik und Kausalität. In Wahrheit lebt auch, der exakte Forscher in religiösen Wertungen und Deu- *_ tun gen. weil das wissenschaftliche Denken die Spannungen und Antinomien des persönlichen, seelischen Seins nicht Ausgleichen und harmonisieren kann. —Das Gerne ist religiös;“’ sagt Emerson. Kein Mensch entbehrt dieses religiösen Denkens. Der Unterschied zwischen dem schlichten Glaubensmenschen einerseits und dem Religionsstifter und Theologen andererseits besteht darin, daß jener nicht zu klaren, geordneten und einheitlichen religiösen Gedanken und Grundsätzen gelangt, während diese reine, tiefe und systematische Erkenntnis gewinnen. Welches sind die1 charakteristischen Merkmale des religiösen Denkens? Hier ist vor allem der Blick auf die Totalität der Welt und des Lebens hervorzuheben. Die Wissenschaft sucht das einzelne zu erkennen und schreitet stufenweise fort, um allmählich das_L’niversum in seinem ganzen "Zusammenhänge zu begreifen, wird sich aber auf diesem Wege darüber klar, daß mit der _ Hilfe des Verstandes » das Letzte und Wertv ollste des Lebens nicht ausgeschöpft werden kann, Der Mensch kann es aber nicht lassen, das Ganze des- Weltalls verstehen zu wollen. Das führt ihn zur Gottesidee, durch die allein alles. Dasein und alle Entwicklung in ihrem -'inn und in ihrer Ordnung denkbar w ird. Durch Gott werden über alle realen Gegebenheiten hinaus die nie erkennbaren Fundamente der Welt dem inneren Sein sichtbar. Damit ist zugleich der Drang nach Einheit ausgesprochen. Wie alles Denken überhaupt ist das religiöse vornehmlich Denken der Einheit. Die höchste Lebenseinheit aber wird durch den einzigen Gott garantiert. L'nd endlich geht alles religiöse Denken den Weg von innen nach außen. - Alle U issenschalt aber ist von außen nach innen gerichtet und bleibt stets’vor den Toren der Seele stehen. Die^Welt der Tatsachen findet oft keinen Zugang zu der innerlichst bewegten Welt der- Persönlichkeit. Alles Schicksal ist im letzten Sinne Geheimnis und erhält kein« reine Belichtufig durch die Erkenntnis der äußeren Dinge und Ereignisse. Die intimen Lebenszusammenhänge bleiben unverständlich. Darum stellt 'die Religion die Speie des; Menschen in einem Maße in den Vordergrund, wie es durch keine andere geistige. Macht geschieht. Sie will flas Leben von innen her meistern. Die Gewalt der Imjerlichkeit löst die Probleme des Lebens. Gleich dem körperlichen Organismus. der die aufgenommenen Stoffe jder Außenwelt durch seine eigenen Kräfte verarbeitet. s^>ll der Mensch das All und das Leben, das individuejje und kollektive. von sich äus erkennen und aus ’^en. sichtbaren Bruchstücken das Reich der anderen eit, der Welt des Ideals, das erfüllt werden soll, aufbguen. Diese Eigenart des religiösen Denkens prägt sich in-einer eigenen Begriffs- und Ideenbildung au*. Gott. WPlt. Mensch und die Relationen: Gott und Welt. Gott und Mensch gewinnen ihre Besonderheit und werden •Lurch Offenbarung. Wunder. Prophetie. sianismu und und andere fundamentale Gjedanken erklärt Theodizee. Mesgestützt. Der Wert des Menschenlebens und der Natur werden herausgestellt. Optimismus oder Pessimismus liegen als ursprüngliches Lebensgefühl jeder Religion zugrunde und machen alle religiösen Ideen und Forderungen verständlich. Bei dieser Sachlage der besonderen und urspriing-, liehen Art. die das . religiöse Denken darstellt, muß streng betont werden, daß Religion au^ dem Kulturprozeß in aller Zukunft nicht hinwegzudei^ken ist und durch kein anderes geistiges Lebensgebiet ersetzt werden kann. Alle .Versuche, die gemacht worden sind, um an die - Stelle des Glaubens die Wissenschaft, Philosophie. Moral oder Kunst zu setzen, mußten scheitern, weil die reli-' giöse Einstellung zu Wjelt und Menscjh dem Wesen des Geistes adäquat ist. Es gibt Epochen, die den Zugang zum religiösen Denken nicht finden!, wie Zeiten des Skeptizismus emporkommen, die de» Zweifel an allem Wissen zur Lebensansicht erheben, qnd wieder andere, die die Aktivität des Lebensdranges s^*weit übersteigern, daß ethische Gesinnung von der' äußeren Moral aller menschlichen Beziehungen überschattet und auf allen Gassen und dem Markt des Lebens Jder notdürftig verhüllte Egoismus gepriesen wird. Wirjsehen endlich Perioden, die zu reinem künstlerischem Empfinden keine Stellung gewinnen können und das künstlerische Schaffen durch das Nützlichkeitsprinzip der [Umwelt oder durch Krisen der Wirtschaft beeinträchtigt) wird. "So hat auch die Religion ihre Höhen- und. Tiefenlagen der Bewertung. Das man aber immer wieder! zu Ihr zurückkehrt, findet seine Erklärung einzig in der Tatsache, daß sie für das innere Sein des Menschen unentbehrlich ist und durch nichts ersetzt werden kannj. Die naturgemäße Empfindung bricht dann durch, dajß ojine den Glauben eine Verarmung der Seele eintritt. [ 52