Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1933
- Issue
- Nr. 5 - Mai (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 48 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6727475-6029207-6074882--2950-4869518- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
daß in den mittelalterlichen Zeiten, da sq gelten ein frischer Hauch von außen in die jüdischen Gassen und in die jüdische Seele drang, das Geistesspiel auf dem’ engen Boden um so krampfhafter wurde. Das Wort „Lernen“ gewann damals eine spezifisch jüdische Bedeutung. Es galt nicht bloß vom Talniudlemen. Jedes Buch wurde „gelernt“. ■ Selbst die Methode des freien* geistigen Spiels von Frage und Antwort zwischen Schüler und Lehrer, ja sogar der Singsang, der sich bei diesem Spiel eingebürgert hatte, begleitete die Unterhaltung zwischen dem Buch als Lehrer und dem Leser als Schüler. Jedes Buch, das gelesen wurde, wurde zum Lehrer, mit dem man sich unterhielt, als ob der Autor selbst gegenwärtig wäre. Man nalim nicht stillschweigend das Gelesene hin. sondern diskutierte laut mit ihm und kommentierte es bei sich selber. Glücklicherweise haben nicht, alle diese Kommentare das Licht der Welt erblickt, viele schlummern noch handschriftlich in Bibliotheken und Familien; die Zahl der im Drück erschienenen ist ohnedies reichlich groß und in Anbetracht der mittelalterlichen Engt nicht immer sehr wertvoll. Aber sie alle sind Dokumente rührender Art für diese auch in der Abgeschlossenheit - ununterbrochene Methode jüdischen Lehrens und Lernens. Als der junge Moses Mendelssohn am Tore von Berlin gefragt, was er dort wolle, zur Antwort gab: „Lernen“, war es gewiß diese gelohnte Methode geistiger Beschäftigung, an die er dachte, und die er ja auch zunächst noch in der Hauptstadt bei seinem früheren Talmudlelircr R. Davidfrankel fortsetzte. Aber er hatte' zu. Hause bereits heimlich den More Nebuchim des Moses Maimonides so „gelernt“, und nunmehr „lernte“ er in Berlin auch andere Bücher, anfänglich ganz ebenso für sich ohne Lehrer und Unterweisung, bis er endlich im Verkehr mit Männern, die einen ge-: regelten Bildungsgang besaßen, die Gefahren dieses Autodidaktentums begriff und übetwand. So ist es denn verständlich, daß er und seine Freunde vor allem einen geordneten Unterricht wieder'in die Judengassen eingeführt wissen wollten, daß sie für ein nutzbringendes Lehren und Lernen wie in früheren Zeiten eintraten, für die Wiedereinheziehung der ganzen Umwelt und Kulturwelt in den geschlossenen Kreis der jüdischen Tdeen. In der Tat ist auf diesem Wege der Allgemeinbildung des Lehrens und Lernens in neuer, weit gesteckter Freiheit dfe geistige Ümschaltung der Juden in bewundernswerter Schnelligkeit erfolgt, in einer Zeitspanne, die im geschichtlichen Ablauf geistiger Entwicklungen ein Nichts bedeutet. ■ Und «loch hat das Judentum der Überschätzung des Reingeistigen, «lern Übermaß, des Lehrens und Lernens ein Gegengewicht verliehen, das starken Halt gebot. Das war das alte Wort: „Nicht'das Studium ist die Hauptsache, sondern das Tun.“ Es wird so vielfach variiert — auch in den Sprüchen der Väter —, «laß es nicht bloß ’a1« Ausspruch eines einzelnen Gelehrten, sondern als all gemeine grundlegende Anschauung gewertet werden darf. Wie man bereits in der geistigen Arbeit, in der Methode des Lehrens und Lernens selber ein festes Fundament legte und schon früh aller Überspitzung das talmudische Wort entgegensetzte: „Erst das gründliche issen und Ordnen, dann erst das Geistreichsein und . I’ilpulieren“,. so unterbaute man das gesamte Wissen mit! der praktischen Übung im Leben und verscheuchte-damit noch eine andere Gefahr, die aus anderen Religio- J nen her dem Judentum drohte und überhaupt in jeder Religion leicht droht: das reinste religiöse Ideal in einer j W eltflucht, in einer mystischen, völligen Versenkung ins Göttliche zu suchen. Das religiöse Ideal des Judentums-* liegt nicht in der Selbstgenügsamkeit und Selbstvergessenheit des Einsiedlers, sondern in der selbstlosen Betätigung unter den Menschen.^ Die Pflicht' gegen Gott läßt sich nur in der Pflicht .gegen seine Geschöpfe erfüllen. Auf diesem Gebiete Hegen denn auch die Vorschriften. die Gebote des Judentums,'für die es keiijC ■ Lockerungen gibt, mag auch das Denken, das Lehren, das Lernen freiesten Spielraum .für sich beanspruchen, So haben es denn auch die geistigen Führer des j J udentums, die „Lehre r“, gehalten. Es gibt drei j typische Beispiele dafür in der jüdischen Literatur- | geschickte. Hillel erklärt: Ein Unwissender kann nicht fromm sein; derselbe Hillel legt jedoch zugleich I die exegetischen Regeln fest, die es gestatten, im Lehren und Lernen durch Ableitung aus der Thora neuen Gesetzen eine für das Leben bindende Kraft zu geben. Moses Maimonides ist der Überzeugung: Nur der Weise, der Philosoph ist der Fromme; derselbe Maimonides verfaßt zugleich den großen Gesetzeskodex des Mischne Thora, der alle religiösen Normen der Jahrhunderte in unvergleichlicher Weise fixiert. Und Moses Mendelssohn verlangt volle Freiheit für sein Denken; derselbe Moses Mendelssohn verleiht zugleich j in seinem „Jerusalem“ dem Judentum den Charakter j einer ausschließlichen Gesetzesreligion. Geistige Freiheit und praktische sittlich-religiöse Bildung, dieses. Typische in Gehalt und Methode des Lehrens und Lernens erfährt in diesen drei Typen großer jüdischer geistiger Führer seine stärkste Prägung. Doch noch ein anderes erklärt sich aus solcher Prägung des jüdischen Lehrens und Lernens. Gelehrte gibt es im Judentum so zahlreich wie in keiner anderen religiösen Gemeinschaft. Denn Lehrer konnte ein i jeder werden und sein, wenn er das weite Wissen *und di« lebendige Betätigung aufwi^s. Wer dies beides besaß; konnte den Titel Rabbi tragen, den einzigen, den das Judentum zu vergeben hat. Auch Moses trägt keinen anderen.* Aber es ist wiederum bezeichnend, daß die Tradition nur ihm, nicht den anderen Propheten diesen Titel verleiht. Sie fühlt mit Recht, daß dieser Größte schon von Egypten her zu allem Prophetischen auch alles Wissen seiner Zeit in sich trägt, während die anderen nicht Männer des Wissens, nicht Gelehrte sind, sondern nur schlichte Träger der Inspiration, der, von allein menschlichen Wissen völlig unabhängigen göttlichen ‘f ' t . I 48