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Der Orden Bne Briss · 1933-02-01 · Nr. 2/3 - Februar/März (2.1933) · p. Seite 24

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1933
Issue
Nr. 2/3 - Februar/März (2.1933)
Date
1933-02-01
Page
Seite 24 (sequence 12)
Language
German
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Ober Else Lasker-Schüler r Ungebrochen und abseitig eine Lebenslinie zu ziehen und sie vor sich bin zu leben, die schönsten, lockersten Strophen einer ganzen Literaturepoche zu schreiben und /.wischen Leben und Dichtung unter keinen Umständen ciuen Unterschied zuzulassen: dessen war diese Frau, dessen ist sie fällig.. In einer Zeit wie-der heutigen steht sie als Fremdling, als Seltsamkeit: als ein wirklicher Dichter. Darum wirkt sie wie die bewegte Welle selbst, auf und ab, grell umj jäh umschlagend. eine ildnis in den unten Stuben. Das Getriebene, das Geschleuderte ihres \\ esens meldet sich, wo immer ihr bürgerlicher Körper weile — Un- „ tergrundbahn, Cafe, H ohnhaus. Aber was da aiisbricht. ist das l'rwesen des Dichters, nichts ande-J res. Klar verneinend, was ihrer < irundforderung nach wesentlichem Sein nicht standhielt, floh «ie in die halhtropische^ fieberhafte und fluktuierende Luft des literarischen Cafes, und dort blieb •de: Von dort aus sandte sie Ge-‘ dichte, denen von der Lyrik ihrer Generationsgenossen nur wenige Dehmel - Strophen und George- Zyklen an Rang und Echtheit gleichkommen. Von dort aus legte sic Dokumente ihres Herzens in Prosaseiten nieder, die das Gedächtnis einiger Menschen auf Jahrzehnte retten werden, und deren neueste eben in den Büchern „Konzert” und* ..Arthur Aronymus. die < rcschichte meines Vaters“vereinigt w urden ( \ erlag Rowohlt k. Von da aus erklangen ihre Strophen — un- \<rgängliche Gebilde der Liebe, der Gesichte, der Anbetung und Zärtlichkeit.- Ihr „Tibetteppich“. ihre „Hebräischen Balladen“, ihrevielen heißen und so locker daherschwebenden \ erszaubereieu werden neben dem besten Männerwerk die Ehre unserer Lyrik repräsentieren. wann immer nian diese Epoche beurteilen wird. Das lyrische Gedicht lebt von sehr wepig realer \1 eit. und es bedarf nur der fühlenden, nicht der technisch-hauenden \ emunft. Darum hatten Frauen in der Lyrik von je Zugang zur großen Leistung. Immer wirkt dann aus dem einen, unzerteilbaren Zentrum ihres Wesens, dem jungen Herzen, eine zärtlich atmende, wach-weise Sprachkraft. Dann empfängt sie die H eit durch das Medium ihres Gefühls anschaulich, 'in Bildern und befremdenden Vergleichen. I„Jakob war der Büffel seiner Herden“.) Sie sicht dichtend. Sie ist mitunter eine ihrer eigenen Gestalten: . dann djehtet sie sich selbst. , Es hat niemals Zeiten gegeben, die die echten Dichter ehrten. Man ließ sie bestenfalls gehen. Meist zerstörte man sie durch bissigen H iderstand. machte sie halb toll durch Gleichgültigkeit, trieb sie zum Verenden oder außer Landes. Von \illon und Christian Günther über v T\ : \ MM .- .. Lenz, Hölderlin, Kleist, Lenau, Büchner, Hyine, zu Shelley und Byron, zü Wedekind, Strindberg, Georg Heym, der nur zufällig ertrank, zu Georg Trakl, der sich tötete, weil er die Große Zeit nicht aushielt, zq Gustav Landauer, der ein Dichter in Menschen- und Lebensformen war, geht ein Strang edler Herzen, die Fremdlinge im Alltag waren und auch so behandelt wurden. Auch Else Lasker-Schüler wird nicht so geehrt, wiel es sich gehörte: durch eine ruhmvolle Gabe, die ihr die Jorgen des Tages , ersparte — dieser Frau, die in die Gesellschaft der erlauchten europäischen | Lyriker, gehört. Wäre sie wenigsten» in jenem einen Piinkte sich untreu geworden, der von der öffentlichen Torheit allgemein verlangt wifd, wenh einer Jude ist und in deutschem, französischem, englischem Geistzusaminenliange dichtet:: wäre sie nur so allmenschlich geblieben wie Mombert, so preußisch! wie Lissauer! Aber sie war die braune Wüstentochter, einbrechend in die Buchenwälder des Halbnordens, und unter dem runden, ebenmäßigen Gezweige der Linde schrie sie mit herrlich-rauhen Rhythmen nach den Palmen der hanaanitischen Zelte und verwandelte sich in Gestalten J akobs, Abrahams und J osefs — in .ihrer Unmittelbarkeit seit Rembrandt nicht mehr angeschaut wie von den Augen dieser Frau. Ja, von allen heute Dichteni.ni.1 den blieb sie die Weiblichste im 1 * ‘" Gefühl, im Wort, 'in der Geste. Ihr fehlt ganz jenes nur allzu tragische Lebensgefühl, das die Huch, die Handel-Mazetti, schon vorher die Droste, dazu trieb, nur ja „männlich“ zu dichten. War man Bchon bloß als Weih auf die Erde geboren, so machte man den Defekt wett durch Huldigungen, die man dem männlichen Prinzip kraft des Stiles darbrachte. -— Else Lasker-Schüler aber, Frau, Jüdin, deutsche Dichterin — dieser merkwürdigen deutschen Poesie die echte Farbe „wüstenbraun“ zufügend, für dih^Friedrich) Nietzsche entzückteste Nerven gehabt hätte — ist einei und unteilbar, eine Person, ein Geist, eine lebendige Gestalt. Altert sie? Untersteht sie dem Gesetze der Wandlung, wie wir alle? Ja, vielleicht; im bürgerlichen Leben. Aber in der Wirklichkeit, in der Seele, dort wo das Medium der Unsterblichkeit sitzt? Eine Else Lasker-Schüler gibt es, die tragisch altem' mag, wie jeder Mensch. Aber eine gibt es, die niemals altem wird — niemals, will sagen, auf lauge hin nicht. Sie ist so unzeitlich wie die Worte, die einstmals morgenfrisch aus ihrer sprechenden Seele brachjen — so unalternd wie eine Quelle, von der auch niemand zu sagen vermag, vor wieviel Jahren sie auflyach, eine Scholle zu tränken. Arnold Zweig. I \ \ k I K M. n M I H ••"»Ujnii Solutr« |*.*wl l *> 24

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