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Der Orden Bne Briss · 1932-11-01 · Nr. 9 - November (11.1932) · p. Seite 126

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1932
Issue
Nr. 9 - November (11.1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 126 (sequence 2)
Language
German
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Ge Fi ieli e liehkeiten der Boykotthetze, ohne sich der gerichtlichen Verfolgung auszusetzen, so v man — ohne sich - einer Übertreibung sc machen — sagen darf, daß heute niemand, Hetze betreibt, besondere Folgen für sich zu braucht. Zahllose jüdische Existenzen in dt Städten sind der Boykotthetze bereits zum fallen. Aber auch in den Großstädten sind d kungen leicht festzustellen; gibt es doch selbst bereits Geschäfte, die es sich leisten können, Tür eil» Plakat anzubringen, daß der Besuch Kundschaft nicht erwünscht ist. Wenn dies vereinzelt vorkommt, so ist die' Tatsache an s tomatisch für den Umfang der Boykotthetze. Ähnlich liegen die Dinge bei den akademi eben Je- ' , t rufen, wo sowohl in den Standesvertretüngen rler Arzte und Rechtsanwälte als auch in einer weitve ‘breiteten Presse m schärfster Weise gegen die Inanspruchnahme jüdischer Ärzte ur»d Rechtsanwälte gehetzt wir« . Es sind bereits zahlreiche Fälle bekannt, in denen di‘se Hetze die Existenz jüdischer Anwälte imd Ärzt^ erschüttert und zum Teil vernichtet hat. — Aber auch im I aiubverk, also in jenem Teil der Wirtschaft,- von dem man den Juden immer den Vorwurf gemacht hat. daß sie in ihm nicht vertreten sind, weil sie schwere körperliche Arbeit leftig als im Handel und in den freien Berufen. In d«in Innnnselieuen. ist die Boykotthetze nicht weniger ahr einer itig, daß luldig zu der diese befürchten kleinen Dpfer gee Auswirin Berlin an ihrer jüdischer auch nur cli sympgen werden Nazizellen gebildet, vor den W '< -rkstätten jüdischer Handwerker werden -Flu"Zettel verteilt, in denen mit der Forderung nach einem «.Schutz sehen Handwerks“ vor der Inanspruchnahme Handwerker gewarnt wird. des deutjiidiseher Besonders schwer haben zurzeit die jüdischen Künstler wie Schauspieler. Musiker. Schriftsteller usw. unter! den'Boykott-Tendenzen zu leiden. Mit dem Srhlagwort ..Rettung der christlichen Kultur“ werden jüdische Künstler aus ihrem Wirkungsbereich verdrängt. Der Rundfunk. in dem früher jüdische Künstler sich an hervorragender Stelle betätigen konnten, wird von Tug zu Tag mehr von Juden gesäubert, wobei nicht nur der Durchschnitt der jüdischen Künstler betroffen wird, sondern auch Männer, deren Namen in der ganzen Welt Geltung haben, müssen es sich heute gefallen lassen, daß ihre Mitwirkung am Rundfunk nur deshalb verhinJert wird, weil sie Juden sind. Die „Entjudung“ der Theater hat bereits einen Umfang erreicht, daß in den Provinztheatern bald nichts mehr zu „säubern“ sein wird; für die Saison 19.11 12 sind nach vorsichtiger Berechnung an mindestens .10 Provinztheatem, in denen Juden früher beschäftigt wurden, keine jüdischen Schauspieler engagiert worden. Auch im Film ist es nicht heiser, selbst jüdische Produzenten glauben heute der Zejtströmung Rechnung, tragen zu müssen und Juden bei dier Mitwirkung der sogenannten „vaterländischen“ und „nationalen“ Filme auszuschalten. In den Kreisen der Musikkünstler, wo bis jetzt antisemitische Tendenzen nicht zu verzeichnen waren, wird, unter Führung eines beamteten Professors der Staatlichen Hochschule für Musik, der Kampf gegen jüdische Künstler geführt und ihre Verdrängung aus dem Musikleben betrieben. Am schwersten haben jedoch unter der Boykotthetze die jüdischen Arbeiter und Angestellten zu leiden. Wir halten aus Gründen der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung eine erheblich gesteigerte Zahl der jüdischen Arbeitnehmer und Lohnempfänger zu verzeichnen. Diese stehen hei ihren Bemühungen um Erlangung einer Stellung einem für sie außerordentlich eingeengten und eingeschrumpfteruArbeitsmarkt gegenüber. Die Zahl der Firmen, die bereits offen zugehen, daß sie Juden nicht mehr beschäftigen, w*ird von Tag zu Tag größer. Nicht zu übersehen ist die Zahl der Firmen, die dies zwar nicht eipgestehon, aber bei der Vornahme von Einstellungen jüdische Bewerber nur deshalb ablehnen, weil sie Juden sind. Die Fragebogen großer Banken, Geschäfts- und Industrie-Unternehmungen" enthalten fast überall die Frage nach der Konfession, die doch weder für die Eignung oder die geforderte Leistung im Betrieb von Bedeutung sein kann. Nicht nur in der Industrie, wo es bereits seit langem kaum noch möglich ist, jüdische Techniker, oder Chemiker unterzuhringen, sondern auch bei den Banken und kaufmännischen Unternehmungen, wird es für Juden immer schwieriger eingestellt zi» werden. Dort, wo sie aber bereits eingestellt sind, sorgen die überall vorhandenen Betriebszellen der nationalsozialistischen Partei dafür, daß die jüdischen Angestellten möglichst bald beseitigt werden. Geht dies nicht auf dem Wege der für derartige Einflüsterungen meist sehr zugänglichen Personalverwaltungen, so wird gegen jüdische Angestellte mit allen Mitteln der Brutalität gearbeitet, bis ihr Widerstand gebrochen ist und sie selbst ihre Stellen verlassen. Bei nicht jüdischen Unternehmern, die Juden beschäftigen, wird von außen so lange gedrängt, mit Schädigung de4 Geschäfts gedroht, bis sie sich im Interesse ihres Geschäfts gezwungen sehen, ihre jüdischen Angestellten zu entlassen. Die Folge dieser Zustände ist eine außerordentlich gesteigerte Erwerbslosigkeit und damit verbunden eine unerträgliche Not weiter Kreise der jüdischen Bevölkerung. Wenn diese Not infolge der eigenartigen Berufssc^iiehtung der Juden auch statistisch nicht voll erfaßbar ist und meist füy den Statistiker „unsichtbar“ bleibt, s<j wissen wir doch ^us den Erfahrungen des täglichen Lebens, aus den Anforderungen, die heute an die Wohlfü hrtseinrichtungen der Gemeinden gestellt werden, welche außerordentliche Höhe die Not der Juden bereits erreicht hat. Tn dieser Situation, in der das um seine Existenz schwer ngende deutsche Judentum isoliert und auf sich allein gewiesen ist, kann nur auf dem Wege der Selbsthilfe ne Linderung der Not bewirkt werden. Es ist das historische Verdienst der deutschen Logenbewegung, uns iesen Weg der Selbsthilfe bereits vor mehr als 36 Jahren ezei^t zu haben. Schon im Jahre 1896 ist auf Ani egung von Dr. Maretzki der erste jüdische Arbeitsiiachweis in Berlin gegründet worden. Dieser Gründung olgten sehr bald Arbeitsnachweise der Logen in Köln, Frankfurt, Stettin usw. Die Vermehrung der Arbeits-

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