Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1932
- Issue
- Nr. 5 - Juni (6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir verweisen an dieser Stelle auf die Jaeoii Wassermanns .TRede an die Jtigend (»eiste- (S. 65). W. kennt die Not der Ju von der Herabininderung von \ italität. v innerer Freiheit, von tätigem Villen, die ganzen Nation verhängnisvoll beeinflußt. ül i d Bnprechuag von. er das Lehen im fend und spricht Auftrieb, von e Seelenlage der Es geht heute wirklich — so führt er aus — um Sein'öder Nichtsein, wenn wir von einer Katastrophe des Geistes sprechen. Und doch ist das Lehen ..im Geiste-, die geistige Existenz, das einzige und dauerhafte Bollwerk gegen den Ansturm der ’ZahlIosen=die Reheilion der Barbaren. Walter Rafhenau zu seinem 10 jährigen Todestag am 24. Juni 1932. Von Br. Expr.Dr. Willy Cohn (Breslau) Sind es wirklich schon zehn Jalyre. seitdem K altlier Rathenau ermordet wurde» Sind es erst zehn Jahre? In dem ungeheuer raschen Tempo unserer T; ge. jn den sich überstürzenden 'politischen Ereignissen- Tie »t für diejenigen, die damals noch nicht Männer waren, die Gestalt des Politikers Walther Ratlienau schon sehr weit zurück. Für uns deutsche Juden ist es wichtig, uns das Schicksal dieses Mannes in diesen Tagen zu vergi genw’ärtigen. \or zehn Jahren tötete man letzten Endes d?n Außenminister Rathenau deswegen, weil er als Jude es wigte. in der deutschen Republik ein so hoh?s Amt zu bekh idert. Heute nach zehn Jahrenr möchte man am liebsten in v eiten Kreisen des deutschen Volkes der Gesamtheit der deutschen Juden das Bürgerrecht aberkennen. Heute schützt nitht einmal-zurückgezogenes. nur auf sich seihst gestellte« Lehen vor \ erfolgimg. Rathenau der Jude! Ganz allmählich erst wuchs in -einem Lehen tler Wille zum Judentum. V ie so viele seiner Generation in einer Eingehung anfgewac i«en, die zu jiidiscfien W erteil keine Fühlung hatte, blieb er Jude, weil die Flucht ans dem Judentum ihm schmählic 1 erschien. Seine Briefe, die uns heute sein Kesen mit Schattenseiten vor Auge führen, lassen jüdische Entwicklung verfolgen. Hn Jalne 1911 schrieb er jüdischen Jugendallen Licht- und' uns auch seine die Vorenthaltung de bedenken, daß an die,.Mitteilungen des 5 erhandcder verbände Deutsehlands:“ ..Wenn die deutschen Juden sieh über bürgerlicher Rechte beklagen, so sollten sie al- (Gesamtheit bisher so gilt wie nichts unternommen luaben. um den Staat zu einer Änderung sefner Judenpolitik zu bestimmen.“ 1925 schrieb er: ..Welche \ ermessenhei« und Gotteslä-torung liegt dlirin. wenn ein \ olk sich als das Auserwählte betrachtet! Auch bet den Juden war dir-e Meinung ein Svnntnin des \ erfüll-. Hier i-t besondercharakteristisch, w den Begriff der Anserwähltheit. die ja ’ anderes ab eine Aiiserwähltheit zu Pflic griffen hat. An K ilhelm Schwaner. dem er sich ganz besonders erschloß, schrieb er einm e wenig Rathenau lekanntlich nichts iteri bedeutet, heilt «einen Briefen I: ..leb habe und kenne kein anderes lllut al keinen anderen Stamm, kein anderes V olk als 5ertreibt man mich von meinem deutschen Boden, so bleibe Du sprichst von von einem von M&t ihnen verbindet en verbindet, die i ’li deut-rh. und es ä .ylert sich nichts, neinein Blut *1111(1 »Jvtamni. selbst einmal meinem 5 olk. und meinst die Juden, mich da-, was jeden Deutschen mit ih Bibel, die Erinnerung und die Gestalten des Alten und Neuen Testaments.“ Als Rathenau zu Beginn des Weltkrieges die-Kriegsrohstoffwirtschaft in Deutschland organisierte, wurde er grade deshalb später unerhört angegriffen. Wynn er am 17. Mai 1916 an Emil Ludwig schrieb: ..Daß ich als Privatmann und Jude unaufgefordert dem Staat einen Dienst geleistet habe, könne i beide beteiligten Gruppen mir nicht verzeihen, und ich glaihe nicht, daß sich zu meinen Lebzeiten diese Stellungnahme ändert“, so' merkt man. wie durch diese Verfolgung sein jüdische 11lewuL«tsein wächst. Er hat es übrigens immer ahgelehnt. Gemeinde in Berlin in die Reformgeme nde überzutreten. d« ul«rhrs. deutsches. aus der Jüdischen In diesem Sinne schrieb er einmal an den Rabbiner Dr. Ludwig A. Rosenthal in Berlin: ■*" ..Entscheidend ist für mich lediglich die Frage, oh das Judentum seinem religiösen Inhalt nach als so dogmenfrei angesehen werden kann, daß ein reiner, weder durch Kirchenvorschriften. noch durch Ritualgesetze beschränkter Monotheismus in ihm Raum hat." Meine eigenen Prüfungen, und Erwägungen veranlassen mich, die Frage zu bejahen und ermöglichen mir dadurch das Verbleiben im Kreise der kulturellen und religiösen Einheit . . .“ Daß Rathenau auch niemals gewillt war, wegen einer äußeren Stellung sein Judentum aufzugeben. beweist ein vom 12. 12. 1917 datierter Brief an Frau General von Hiiidenbiirg. Offenbar hat die Dame ihn angefragt oder aufgefordert, oh er sich nicht für ein öffentliches Amt zur Verfügung stellen würde. Rathenau schreibt: ..Ihr Gedanke ist richtig und wird, wie ich hoffe, durchführbar sein. Freilich muß ich bitten, dabei nicht auf mich zu rechnen. Meine wirtschaftliche Tätigkeit befriedigt mich, meine literarische ist mir Lebensbedürfnis, und dazu eine dritte, die politische, zu gesellen, würde nicht nur meine Neigungen übersteigen. Hätte ich aber die Neigung, auf politisches Gebiet midi zu begehen, so wissen Sie. verehrte gnädige Frau, daß alle äußeren Umstände dies verhindern würden. Wenn auch ich und meine Vorfahren nach besten Kräften unserem Lande gedient haben, so hin ich. wie Ihnen bekannt sein dürfte, als Jude Bürger zweiter Klasse. Ich könnte nicht politischer Beamter werden, nicht einmal in Friedenszeiten Leutnant. .Durch einen Glaubenswechsel. hätte ich mich den Benachteiligungen entziehen können, doch hätte ich hierdurch nach meiner Überzeugung dem von den herrschenden Klassen begangenen Rechtsjiruch Vorschub geleistet.“ Der große Causeur. Bernhard von ßülow, spricht in seinen ..Denkwürdigkeiten” auch von Walther Ratljenau. Er erzählt, wie Rathenau hei ihm empfangen wurde. Dlamals war Ratlienau ,kaum 40 Jahre alt. Er trat in das Zi^nmer mit den Korten: ..Eure Durchlaucht, bevor ich der punat eines Empfanges gewürdigt werde, eine Erklärung, die zugleich ein Geständnis ist. Durchlaucht, ich bin Jude!“ Biilow spricht voa dem sehr großen Selbstgefühl, das I^atheuau beherrschte, nimmt ihn aber ganz energisch gege(i den Vorwurf übergroßer Eitelkeit in Schutz! j Neuerdings enthüllen die -Briefe an eine Liebende“, die die Veröffentlichungen seines Briefwechsels abschließen, doch auch ein ganz anderes Bild von jenem Menscheri. den man immer als einen etwas kühlen Kopf anäah. Gjerade diese Briefe sind geeignet, uns auch den Menscjhen Rathenau näher zu bringen.! W'as uns in diesen Tagen Ijewegt, i«t die ganze Tragik des Schicksals Rathenaus, die uralte Tragik des Jjidenschicksals. die auch Leistling nicht unter den Völkern zur Geltung kommen läßt, wenn diese Leistung nicht im Dilpnste des Judentums, sondern im Dienste der Menschheit unjl des Vaterlandes stand. I Wenn doch einmal die Völkerversöhnung aus biner Utopie zur Wirklichkeit geworden ist. dann wird unter ihren Wegbereitern auch der Name W'alther Rathenau gepriesen werden, der im Vertrage von Rapallo mit‘Sowjet-Rußland den Weg wies, den Neuaufbau der Welt durch Streichung alter Verpflichtungen zwischen den Völkern anzubahnen. 60