Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1932
- Issue
- Nr. 4 - Mai (5.1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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gestellt wird: „Warum bindest Du Dich, um unmenschliche Aufgaben zu erfüllen, an einen so engen Kreis, so einseitig an die Menschen ^gleicher Art ijnd Herkunft?“ Oder vielleicht fragt einer sogar: „Ist’s nicht besser und an der Zeit, dieser Gemeinschaft, «pie keine Zukunft hat, und der aller Haß und alle Feindschaft der Menschen gilt, zu entraten?" _ Wir wollen uns die Antwort auf diese , Frage nicht leicht machen, wollen ihr unser „Und dennoch!“ nicht bloß^ in trotzigem Stolz entgegensetzen, nicht bloß erwidern, was so oft erwideft wird: ein Mensch wie ich flieht' nicht. Ein Mensch von Ehre und Gewissen verläßt die Gemeinschaft nicht im Augenblick, wo sie bedroht und bedrängt Ist. Sondern wir wollen in bewußtem Vordringen zur Erkenntnis Vom Wesen unserer jüdischen \ erbundenheit di e tiefsten Gründe-unserer bewußten Bejahung der jüdischen Gemeinschaft iuis enthüllen. Wir sind auf Ge leih und Verderben 'miteinander als Judenverbünd -n, nicht darum, weil Haß und Feindschaft der ant eren uns zusammenschmieden, auch nicht bloß dadurc 1, daß in uns allen bewußt und unbewußt die gleiche 1 Erinnerungsbilder aus Haus. Familie Und nächste ■ Umwelt lebendig wirksam sind. Was uns der jüdischen Bindung so eng und fest verhaftet, ist nicht bloß pie naturgegebene Tatsache des in uns strömenden gleichen Blut- ' stromes oder das in Gegenwart . und Zukunft hinauswirkende geschichtliche Erlebnis der Ahnen, sondern ist «-hi Glauben und ein W ollen. Es gibt keinen Juden, er sei auch noch so ungeistig und noch so weit entfernt vom W issen um den Sinn des Judentums, es gibt keinen Juden, der sich mit dieser W eit Und dieser Menschheit .in all ihrer Unzulänglichkeit abzufinden bereit und imstande wäre. In uns Juden allen ist vielmehr Sehnsucht und Hoffnung, daß diese Welt und diese Menschheit, nicht der Weisheit letzter Schluß ist. in uns allen ist Glaube, daß wir. die Menschen,' die Kraft haben, die Umwandlung des Lebens, der Menschen um der Dinge, zu vollziehen, und in uns allen ist vor al lern und in einem Grade, den keine andere Menschengriippe besitzt, das W ollen, an dieser Aufgabe mit der Einsetzung der ganzen eigenen Kraft mitzuwirken. Jiidenlum ist Verwirklicbungswille, ist das innere Gebot des'Herzens,.die sittliche Tat zu tun. Gewiß: wir erhaltet unsere Ge-, meinschaft auch, weil wir die Art unseres.L -bens lieben, wie man die eigene Familie liebt, aber wir tun es mehr noch darum, weil wir das Bewußtsein um Empfinden haben, daß die Menschen unserer Art die stärkste Potenz für die Umwandlung der Menschhei zu besseren Lebens- und Genieinschaftsformen sind. W ir Juden sind, wie uns auch die kulturelle Angleichung an das Leben der Umwelt von den alten Inhalten jüdisch-geistigen Lebens fortgetragen haben mag, die Kämpfer für die Vermenschlichung der W eit, für den Sieg der sozialen, politischen und sittlichen Gerechtigkeit rnd Freiheit geblieben. | Und nun verstehen unsere neuen Brüder sicherlich schon, warum wir sie zur Mitarbeit an den sittlichen Aufgaben des Lebens gerade in unseren, den jüdischen Gemeinschaftsbund rufen. In unserem Bunde finden jüdische Menschen nicht nur die Menschen, mit denen sic alle Grundlagen des Lebens, Artverwandtscliaft, Erinnerungsinlialte und Lebensgefühl teilen, sondern dieser Bund ist auch der einzige, in dem der W ille jüdischer Menschen zur Mitarbeit an den sittlichen Menschheitsaufgaben durch' den gleichen Willen der Vielen, die adäquate Kraft des Wollens und Handelns, den stärksten Auftrieb, die stärkste Steigerung erfährt. Und so ist unser „Und dennoch!“, das wir der Frage nach dem Recht und der Pflicht zur Bejahung des Judeseins entgegensetzen, nicht bloß Ausdruck von Trotz und Stolz, sondern Ausdruck unserer Kenntnis um das letzte Geheimnis unseres Lebens und Form unseres W illens, die sittliche Aufgabe des Menschen mit dem stärksten Effekt zu erfüllen. J Wenn wir in'dieser .Erkenntnis am Schlüsse noch einmal ' zum Ausgangspunkte zurückkehren und die Frage wiederholen, ob Idee und Leistung unserer Gemeinschaft dem entsprechen, was jene beiden Großen, mit deren Anrufung wir begannen, gefühlt und gewollt haben, so wird unsere Aufmerksamkeit auf zwei Manifestationen ihres Geistes gelenkt. Also spricht Goethe: „Selig, wer sich vor der W eit Ohne Haß verschließt, Einen Freund am Busen hält, Und mit dem genießt, Was, von Menschen nicht gewußt. Oder nicht bedacht, Durch das Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht.“ Und also tönt’s aus der Lehre Spinozas: „Das W esen jedes Dinges, also auch des Menschen, ist die Selbsterhaltung. Jede Steigerung seiner Daseinskraft wird als Lust empfunden.“ t In dieser Stunde, da sich neue Menschen einem Bunde von Brüdern zugesellen und sich dadurch die Möglichkeit geben, neue Freunde zu gewinnen, in dieser Stunde, da wieder einmal neue Menschen mit dem Anschluß an jüdische Menschen eine Tat der Selbsterhaltung tun, schaffen sich diese Brüder das, | was Goethe und Spinoza als das Glück des Lebens erkannt .und verheißen haben. Möge diese Verheißung in unserm Bunde zur lebendigen Wirklichkeit werden! ★ 44