Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1932
- Issue
- Nr. 4 - Mai (5.1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dem sich das lobenswert jener beiden Groß :n manifestiert? Wir sind gewiß nicht so vermessen, uns Menschen des Alltags und der Niederung nit jenen beiden Auserwählten in Parallele setzen zu wollen. Aber wenn Bewunderung geistiger Größe überhaupt einen Sinn haben soll, dann kann es doch nur der sein, das eigene Wollen, unabhängig von der Möglichkeit, das Werk des bewunderten Vorbildes zu vollbringen, zum mindesten an dessen geistigem und sittlicbejm Ideengehalt zu orientieren Aus solchem Gedankengange heraus drängt sich uns in der Stunde der -Einführung neuer Brüder ir unseren Bruderbund notwendigerweise die Frage auf, ob das, was wir Bne Briss uns als Aufgabe gestellt haben, de r Geisteshaltung jener beiden Großen, deren Erinnerung in diesem Jahre so oft beschworen wird, entspricht. J'ene': orderten und verwirklichten für sich die schlechthin letzte Freiheit der Persönlichkeit; der eine von ihnen, Goethe, lebte auf der Höhe seines Leberts ein Leben der Einsamkeit im Geiste, das «ich das Recht vindizierte, aller Bindungen an bürgerliche Sitte, an Volk und Vaterland für die eigene Person zu entraten.'^ Spinoza aber dachte die Gedanken seiner Lehre mit solcher unerbittlichen Strenge und Konsequenz zu Ende, daß er es sogar auf sich iialim. sich von den tausendjährigen Bainden Ist also jüdischer Gemeinschaftsgebundenheit zu lösen nicht das,__was wir' als das Denken und Leben jener beiden Großen zu erkennen haben, dem, wa s wir zu verwirklichen um bemühen, geradezu diametral entgegengesetzt? Wir Bne Briss wollen doch gerade eleu Briss, den Bund, die Bindung des Menschen an eien Menschen, die Einordnung des Einzelnen in die Gemeinschaft eler Vielen und die Anknüpfung an elas Histori«ehe eie« Jüdischen Lehens. Werden wir! Iso nicht verlegen schweigen müssen, wenn jemand uns di rauf hin weist, daß das, was wir als den Sinn unserer Gemeinschaftsarbeit erklären, weder dem Andenken jen -r beiden großen Geister, noch — und damit rühren vy r an ein neues Problem — den geistigen Strümunzejri" dieser unserer Zeit entspricht? Ja, auch in die geistige Haltung dieser unsL-rer. Zeit, so möchte Cs „uns scheinen, will sich der le :zte ] Sinn unseres Strebens als Bne Briss schlecht einfiigen. Und das ist vielleicht die ernsteste Frage, die uns alle ganz besondervielleicht neue Brüder bewegt. Im Augenblick des Schrittes zu uns liegt die Frjge nahe: ar es das Rechte, das wir taten? Wir dürfen solcher Frage mit gutem Grunde und Gewissen antworten: Es war das Rechte, weil es' der menschliche und der jüdische V eg des Lebens ist, den die neuen Brüder fortan mit uns gemeinsam gehen wollA. Es war das Rechte, wenn es auch den Begriffen dieser Zeil so völlig entgegengesetzt zu sein scheint, den Weg der Bindung an die Gemeinschaft und den Weg der Verknüpfung mit dem Geistigen und Sittlichen zu^gehen, Wie ist doch in-dieser Zeit, die sich uns als eine Epoche fortgesetzter Revolutionierung im Geistigen offeibart, alt Reaktion auf den Zusammenbruch aller früheren Bindungen ein Widerstand gegen alle Verknüpfung der Menschen überhaupt emporgewachsen! ^Keiner will keinem Gefährte hier sein!“ Mißtrauisch geworden gegen jeden, in jedem den Konkurrenten und Widersacher auf dem eng gewordenen Felde des Kampfes um das Brot witternd, fliehen die Menschen die Gemeinsamkeiten und spotten über die Toren, die sich vertrauensvoll auf Menschen verlassen, Menschen sich nähern, menschliche Bindungen des Vertrauens und der Treue eingehen. Und dieser Spott wird innerhalb des jüdischen Lebensbereiches vielfach zu überlegen lächelnder Geringschätzung, wenn die Bindung des Juden sich nicht an eine allgemein-menschliche, sondern an unsere, die alte jüdische Gemeinschaft vollzieht. „Was soll Euch denn,“ 60 setzt nian sich uns entgegen, „die Bindung an diese Gemeinschaft? Ihr verhaftet Euch damit doch einem Organismus, dessen Zeit längst abgelaufen ist, einer Gemeinschaft zumal; die doch nur Objekt der Verachtung und der Feindschaft aller ist, und Ihr bezieht Euch doch nur in jene Atmosphäre der Feindseligkeit ein, wenn Ihr diese Bindung an das Jüdische eingeht oder neu bestätigt.“ Es will mir scheinen, daß die Männer, die sich von heute an urisere Brüder nennen, eüien Anspruch darauf haben, in dieser Stunde dert vollzogenen Entscheidung von .uns zu hören, welche Antwort wir auf diese beiden Fragen, die nach dem Recht und. der Pflicht, überhaupt neue menschliche Gemeinschaftsbindung zu suchen, und auf die andere, warum der jüdische Mensch der jüdischen Bindung verpflichtet ist, zu geben - haben. Diese Antwort kann keine andere sein als die^des alten jüdischen Optimismus, der allem angeblich von Klugheit und Vernunft Gebotenen das Wort entgegensetzt: „Weaf gam sot — und dennoch!“ _ Die Argumente, die die Menschen von heute für ihre Behauptung anführen, es sei hoffnungslos, sich auf menschliche Bindungen zu verlassen, es sei auch in Zukunft nur mit einem Ringen der Egoismen gegeneinander. zu rechnen, diese Argumente hören sich zunächst wirklich bestechend an. Wir haben ja tatsächlich in einer Revolution von vierjähriger Dauer, die wir mit einem unzulänglichen Worte „Weltkrieg“ nennen, schaudernd erlebt, wie alle angeblichen Bindungen der Völker und Staaten, Bindungen durch und an gemeinsame Zivilisation und Gesittung, an einem Tage zu ’ Ende waren. Kein „Reich der Liebe“, das eine „Religion der Liebe“ in fast zwei Jahrtausenden angeblich aufzurichten sich bemüht hat, hielt in jenen Jahren vor dem „heiligen Egoismus“ der Völker und Staaten stand; an seinem Platze stand mit einem Male das Vakuum der großen Desillusionierung. Und wir erleben heute vielleicht mit noch größerem Entsetzen, wie eine Welt, unsere Welt der Staaten und Völker, keine Antwort auf den Schrei von Millionen nach Arbeit und Brot findet, weil diese zerriss, ne Menschheit nicht den Mut aeGiringt, die Güter der Welt in einer Weise neu zu 42