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Der Orden Bne Briss · 1932-02-01 · Nr. 2 - Februar/März (2.1932) · p. Seite 16

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1932
Issue
Nr. 2 - Februar/März (2.1932)
Date
1932-02-01
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
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Man kann zwei Erklärungen* dafür hera »ziehen. \ ielleieht liegt eine Minderwertigkeit des Verdauungsapparate# \or.. In der Tat bestätigen viele Forscher das übermäßig häufige V orkommen gew isser Org: nkrankbeiten l>ei den Juden. „Diabetes ist offenbar ein Privileg der Juden“ behauptet M. l'ishh'erg, dein wolil nichts ferner las. als den Juden besondere Krankheit;n anzuhäiiireu. Fiir «lie Verbreitung des „schlechten Essers“'in jüdischen Familien können wir darin aber .keine Erklärung finden, denn es ist nicht anzunehmen, w rd auch nirgends-behauptet, daß es so viel Juden'mit Minderwertigkeiten im Yerdauungsupparat gäbe, wie ichlechte F.s-cr bei-den Kindern Vorkommen. Diese sind vielmehr verzärtelte Kinder. Und da sie. schnell begriffen haben, welcltc übertriebene Wichtigkeit dcj« Nahrungsaufnahme heisomossen wird, so greifen sie an dieser Stelle an, um ihr Geltung-Streben durchzusytzeii. Es können da natürlich verschiedenerlei Fornien in der Betonung (Jer W ichti^keit sli-r Nahrungsaufnahme Vorkommen: Überfüttern oder zu große \ngst vor Überfütterung; übertriebene Vngst gelegentlich Yrrdauung.-.-türungeij, Zwing zum F--rji. wo da- Kind offenbar keinen Hunger hatte usw., ii-"w. Welchemin auch die erstk-n Anlässe zum Eß- . streik dieser Kinder sein mögen: er stellt ein Y ittel dar, die Eltern die .Sirge um das Kind immer wieder erleben zu kt—en. womit es sich selbst in-{den Mittel)mikt des lutere—e-, der Sorge, der \ erzärtelung. der Eltern stellt. Die Wirkungen der \ erzärtelung auf das Kind la—en sich in dem W orte Schwererziehbarkeit zusammeiifa— en. Von ihrer leichtesten bis zur schwersten Form, der erwahrlosung und Kriminalität, bezeugen i die \ crlialtmig-weisen des Kindes, daß cs einen Zustand wieder her-lellen will, in nelclictn es selbst ini Mittelpmikt alb-- lutere—es -tand. Sein \ erhalten ist nur auf *sieh selli-t bezogen, egozentrisch im liöchsti'ii .Maße, während e- »ich ni<Jit mit der Umwelt verbinden, nicht ..kooperieren" kann ' Adler >. Sehwererziehbark >it ist Unfähigkeit zur „Kooperation”. Es offenbart stell der enge Zii-ämmeidiang zwischen der F.rzij-hbarkcit eines Mensehen und der Au-hihlung M'ines Gemeinschaftsgefühls; gleichzeitig auch die außerordentliche Abhängigkeit beider von der \ erzärtelung. Je größer die \ er lärtelung, de-to größer der Geltungsdrang: je stärker ditser, desto geringer da- Gemeinschaftsgefühl: je bedeut mder die >puiinung z.wi-e(ien Gcltungs-treben und Genu inschaftsgefiihl. desto geringer die Möglichkeit erzieher scher Beeinllu—uiig. I Da die \ erzärtelung jüdischer Kinder soi überaus verbreitet i-t. dürfen wir. nach dem eben Gepagten zu schließen, häufigeres Vorkommen von Schwer?rziehbarkeit bei-ihnen vermuten. Es gibt zwar noch keine umfassenden Feststellungen über diese Frage. Wenn wir uns nur auf die Erfahrung verlassen dürfen,, ir üssen -wir eine erschreckende Häufigkeit schwer erziehbarer Kinder bei uns annehmen: Kinder, die mit Eß- und Gesundheitsstreik operieren, Stotterer, Bettnässer, Kinder mit allen möglichen Tics, solche, die sich immer bedroht und angegriffen glauben, Kinder, die zum Lügen, Prahlen und sonst asözialero Verhalten neigen, scheinen sich häufiger bei jüdischen Kindern als bei nichtjüdischen der gleichen sozialen Schicht zu finden. In den meisten Fällen dürfen wir die Verzärtelung, dafür verantwortlich machen. _ Schließlich sei noch ein wichtiger Zusammenhang etwas deutlicher erhellt. Auf die enge Verbindung von Gemeinschaftsgefühl und Geltungsdrang war schon hingewiesen. Diese Verbindung ist umgekehrt proportional: Je größer das Geltungsstreben, desto geringer' das Gemeinschaftsgefühl. Die Verzärtelung steigert —1 wie schon mehrfach gezeigt — das Geltungsstreben. Daraus ergeben sich für die Eingliederung des Kindes in eine Gemeinschaft wichtige Folgen. W ährend das Kind, das ohne Verzärtelung aufwächst, schnell den Anschluß an andere Kinder, andie Klassengemeinschaft, an gemeinnützige Tätigkeit in derselben findet, gelangt das verzärtelte Kind, wenn es durch Kindergarten oder Schule genötigt ist, zur Gemeinschaft Stellung zu nehmen, zunächst allemal in die Isolierung. Von Haus aüs gewohnt, seinen Willen durchzusetzen, indem es sich die Schwächen der Eltern zunutze macht, findet dieser Wille hei seiner Altersgruppe Schranken, welche der Wrille aller, der Gemeinschaftswille, errichtet hat. Dieser Wille äußert sich in Gesetzen („Die Spielregeln der menschlichen Gesellschaft“), denen die sich unterwerfen, die .1n der Gemeinschaft teilhabeu. Das verzärtelte Kind * hat derartige „Spielregeln“ in der Familie nicht kennen gelernt. Es ist daher'auf die Situation, in der es eines unter vielen ist. nicht vorbereitet. In der Familie kannte es nur einen Kompromiß: „Ich gehöre euch, Wenn ihr mir zu Villen seid!“ Die Gesellschaft ist zum Abschluß eines solchen Kompromisses nicht fällig. So muß das verzärtelte Kind sich der schweren Aufgabe unterziehen, unter Überwindung seines Geltungsstrebens sich der Gemeinschaft einzuglicdern, sonst gerät es in die Isolierung. Ob das eine oder das andere erfolgt, hängt von mancherlei Umständen ab; einer von entscheidender Wichtigkeit ist das größere oder jgeringere“ Verständnis und Wohlwollen für das Anschluß heischende Kind.! i Die Auswertung der in dieser Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse für die Erziehung des jüdischen Kindes liegt deutlich auf der Hand. Die übljen Folgen der Verzärtelung müssen beseitigt werden durch die Aufklärung des Kindes über seine unlösbare Verbundenheit mit der Gemeinschaft. Seinem Geltungsstreben muß die Richtung auf nützliche Mitarbeit in der Gfesellschaft gegeben werden. Wichtiger noch ist vorbeugende Erziehung der Eltern, deren Aufklärung über die verhängnisvollen Folgen der Verzärtelung, aber auch über tferen Ursachen, insbesondere über die von uns als Brutrettungsinstinkt bezeichnete. Genügt doch oft genug die . Erkenntnis eines Zusammenhanges, um Ursache) sowohl als irkung aufzuheben. 16

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