Mannheim
Compact Memory

Der Orden Bne Briss · 1932-02-01 · Nr. 2 - Februar/März (2.1932) · p. Seite 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1932
Issue
Nr. 2 - Februar/März (2.1932)
Date
1932-02-01
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6727475-6029206-6074863--2748-4869327
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Verzärtelung des Kindes Von Hugo Rosenthal I. Die Verzärtelung «teilt in ihren letzten psychologischen Ursachen den Versuch der Mutt ii. dar, die Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Säuglings zu verewigen. Solange di s' Mutter ihr Kind mit dem eigenen Blut nährt, gehört es ganz ihr. Durch die Geburt wird diese höchste Abh ingigkeit unterbrochen. Sie muß den größten Teil i irer Ansprüche auf ihr ^Fleisch und Blut“ aufgeh'er; sie ist nicht mehr unersetzlich, auch ein anderer als die' Mutter kann das Neugeborene aufziehen. In dem Maße nun, als das Kind der Mutter leiblich „entwächst“ steigert sich deren Wunsch, das Kind in Abhängigkeit zu erhalten. Als Mittel zur Verwirklichung dieses Vunsclies — richtiger: dieses Machtstrebens! — bietet sich die Verzärtelung dar. Indem die Mutter sich in hundert Dingen dem Willen des Kindes unterwirft, erreicht sie, daß seine Ablösung von ihr immer weiter hinausgeschoben w ird. Das Kind seinerseits nimmt die Abhängigkeit in den Kauf, um seinen Willen, sein Geltungsstreben durchzusetzen. So wird die Verzärtelung von Aluttcr und Kind zu verschiedenen Zwecken benutzt. die doch nur Äußerungen. derselben seelischen Kraft sind: des Geltung«- und Machtstrebens.- Es ist klar, daß die Verzärtelung zunächst immer von der Mutter ausgeht. Eine ursprüngliche, physiologisch begründete Empfindung, wie die schwangare Frau sie hat: ich möchte das Kind nie hergehen ■— k'nnt der Mann naturgemäß nicht. Dennoch setzt sehr früh auch die Verzärtelung des Vaters ein. dessen Machtst-ebcn in ettstreit mit dem der Mutter um den Besitz les Kindes. d. h. um seine Abhängigkeit tritt. 'S ie dug das Kind schon in frühem Alter diesen Wettstreit zu seinem Nutzen auszuheuten weiß, ist bekannt genug. Grad und Maß der Verzärtelung hängen von mancherlei Umständen ah. Am stärksten ist sie hei einzigen Kindern. Bei zwei Kindern äußert sie sich'gewöhnlich so. daß der Vater das eine, die Mutter das and :re Kind mehr verzärtelt. Man pflegt dann die Verzärtelung damit zu begründen, daß man nicht ansehen könne, wie das andere vorgezogen werde. In Wirklichkeit vill jedes der Eltern den höchst möglichen Grad von Mteilt über das Kind erzielen. Bei drei und mehr Kindern richtet sieh die Verzärtelung vor allem auf das jüngste Kind, namentlich, wenn es ein „Nachkömmling“ ist. Hier wiederholen sich die seelischen Vorgänge, die bei dem einzigen Kind beachtet werden. Ein wichtiges MomenJ tritt aber noch hinzu. Die größere Kinderreihe bewirkt, daß mit jedem neuen Kinde das vorhergehende gewissermaßen aufgegeben wird, daß es sich daher in größerer Unabhängigkeit von den Eltern — also in größerer. Selbständigkeit — entwickeln kann. Das jüngste Kind wird aber länger als die andern in der Abhängigkeit erhalten. Indem es die Unabhängigkeit der Ä' teren gewahr wird, revoltiert es gegen die eigene Ahh ingigkeit. Die Individualpsychologie hat auf diese Ste Jung des Jüngsten als des sich Auflehnenden, Trotzigen, nachdrücklich hingewiesen. n.! Die Verzärtelung, erreicht in der jüdischen Familie einen Grad, der auf die differentielle seelische Entwicklung des Kindes von Einfluß ist. Die Gründe hierfür sind teils in der Struktur der jüdischen Familie, teils in besonderen stammesgescliichtlichen Momenten zu finden. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu überschreiten, will ich mich mit kurzen Andeutungen begnügen. Die jüdische Familie hat ihre Struktur bekommen durch die Idee der ^Erhaltung des Gottesvolkes“. Sie greift darum oft über den engen Rahmen des Familienverbandes hinaus. Der Gedanke einer „Hausmacht“, der Stärkung und Festigung der eigenen Sippe, wie er der abendländischen Familie eigen ist. lag der jüdischen ursprünglich (wenn wir von der biblischen Zeit absehen) fern. Die Erhaltung des Gottesvolkes wird nicht gewährleistet durch Schaffung einer Hausmacht, sondern nur durch reiche Nachkommenschaft. Es lag darum keine Notwendigkeit zur Sicherung des Familienverbandes und Erhaltung des Familienbesitzes durch Gewalt vor, deren Anwendung in der abendländischen Familie eine bedeutende Rolle spielte. Die christlich-abendländische Familie ist rational, sie ist gekennzeichnet durch ihre Statik, die jüdische Familie ist irrational und gekennzeichnet durch ihre Dynamik. Diese Eigenart ermöglichte die Entstehung besonders inniger Beziehungen der Familienglieder untereinander, ebenso wie das allgemeine Ziel: Erhaltung des Gottesvolkes zu innerer Entzweiung kaum Gelegenheit bot. Anders äls in der christlichen Familie, in der das Ziel: 'Erhaltung der Hausmacht oft genug zu feindseligen Auseinandersetzungen zwischen den zur Herrschaft bestimmten und den übrigen Gliedern der. Familie führte. So ist die jüdische Familie schon auf Grund ihrer Struktur der Verzärtelung viel geneigter als die christliche. Die Innigkeit der Familienbeziehung erfährt aber durch ein historisches Moment eine bedenkliche Steigerung. Die blutigen Verfolgungen .-und häufigen Evakuierungen ketteten die Glieder der Familie immer enger aneinander und schu-- fen eine Art Treibhausatmosphäre. Dazu beförderten sie in den Eltern die Entwicklung eines Instinktes, den wir bei vielen Tieren beobachten, wenn sie ihre Jungen gefährdet glauben. Man könnte gradezu von einem Brutrettungsinstinkt jüdischer Eltern sprechen: sie glauben immer ihre Brut bedroht. Durch solche Umstände erfährt die Verzärtelung des Kindes einen besonders hohen Grad. Ein nennenswerter Unterschied zwischen ost- und westjüdischen Tamilien hinsichtlich der Verzärtelung ist nicht vorhanden. Wenn bei den Ostjuden der Brntrettungsinstinkt bis in die jüngste Vergangenheit hinein stets neue Nahrung erhielt, so scheint er bei den Westjuden auch noch nicht erloschen zu sein. Auf alle 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.