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Der Orden Bne Briss · 1932-01-01 · Nr. 1 - Januar (1.1932) · p. Seite 6

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1932
Issue
Nr. 1 - Januar (1.1932)
Date
1932-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Berthold Auerbach. Von Kurt Walter Goldschmidt. Anläßlich des 50jährigen Gedenkt 3g e s mab- Scniiiclit und ■heil idem der •oßcr i li m «■inet den Die ungeheuer aufgewühlte Zeit mit ihrem schbaren W irhel \on Eindrücken, oft auelj nur vor sationen ist der pietätvollen Riickwärtsgewumdtbeit günstig. Auch Bessere und Beste werden rasch gründlich vergessen. Die Lieblinge de? literari Publikums vollends sinken zumeist au^ blende Tagesglanz ^ns ewige Dunkel. Jean l’auf ptwa. ein; Abgott der Lesewelt und sogar wirklich ein g Dichter — wieviele Gebildete kennen heyt von mehr als (len Namen'/! Spielhagens Romane, sprühend aktuell und vielbegehrt, moderti heut in Bibliotheken. Auch Berthold Auerbach. der Dichter j ~ und Literat, hat kaum noch eine Gemeinde imdLt im Wesentlichen glich nur ein N ame geblieben, de: den Literaturgeschichten, den Konvei|sationsl(‘\ikcH, aber immerhin, auch aus dem Gedenken' der .Nachwelt nicht ganz zu tilgen ist. Das gibt zu denken. Ks ist natürlich nicht geschlossen. daß auch der Dichter und Lijerat Aueihaeh früher oder später wieder eine mindekeits bedingte Auferstehung feiert. Zu L herprüf uugeii und Ln [Wertungen fühlt sich eine redliche und gerechte K ritik immer wieder gedrängt. I ml die Schätzung; Autors bewegt sieb ja in einer gencrafjniieulan; und absteigenden Kurve. Aber das L iteraris in Auerbach steht hier gar nicht so sehr iji Frage. V ein Name, wie der seine, trotz allem Leuchtkraft \ ollklang behält, so muß das wohl iibei’ das die greifbare Leistung, hinaus seine tiqferet haben. Ls ist ein typischer \ organg.i der siel mancherlei; geistigen Gebieten beobachten läßt, z. B.. ist trdtz aller künstlichen W iederbelejbungsversliehe für un* im /Wesentlichen eine historische jGröße — er hat außerordentliche Anregungen gegeben und als Ferment weiter. nies auf-. h e cmi und rk", uidc aufegel aber wirkt Auch Berthold Auerbach., der ,\J e n s e li ist größer, wichtiger, liachw irkender als 'sein W erk, »eine Persönlichkeit, 'sein Schaffen, sein Schicksal h dien etwas Typisches. Lrhildliches, Beispielhaftes. Kr stellt stellvertretend, zusammenfassend für yiele gle eher Art. Kr verkörpert in fast klassisch gu nennt nder Klarheit und Plastik das Wesen und (^cscbick >iner Menschengemeinschaft, eines Lebenskreises. Das leutsehe Judentum, das in sich zum Einklang des deutschen und jüdischen W esens strebt, bat in ihm einen Vertreter stärkster und ergreifendster Prägung, (gerade hit er nichtnur historische Persönlichkeit: gerade d i Seite seines W esens wirkt heut brennend Laktuell“. r ist e s e Und / ■ seines Hinscheidens — 8. Februar 1882. über das Aktuelle hinaus überzeitlich, zeitlos. Denn immer wieder in gärenden Zeiten flackert das alte W ehe des Judentums wieder auf; immer wieder hat der Jude Anlaß, sich als Gottes Lieblings- und Stiefkind zugleich zu fühlen. Gerade die geschichtlichen Augenblicke büehstgesteigerter Verwirrung und Erregung machen den Juden immer wieder zum „Sündenbock“ der Völker. — Man liest mit Ergriffenheit, daß Auerbachs, des glühenden deutschen Patrioten, erste Frau in den Anfängen der Revolution von 1848 hei einer Art Pogrom in Heidelberg ums Leben kam. — Ja. Auerbachs Schicksal ist gerade völlig un- und überhistorisch, unheimlich lebendig und voll schmerzlichster Analogieen zur Gegenwart. Die deutsch-jüdische Doppelpoligkeit seines Wesens, ihre großen svnthetischen Möglichkeiten und schon vers wirklichten Teil-Erfüllungen, aber auch der unausrottbare Rest von Problematik ifVnl Tragik -- dies scheint mir das persönlich und typisch Bezeichnendste, Dauerwertigste des Menschen Auerbach zu sein. Gerade die Besten stehen auch heut und gerade heut wieder mit gleicher Tragik im gleichen Kampf. Auerbach war nichts weniger als ein platter oder feiger „Assimilant“; er hat gleich stark sein Judentum wie sein Deutschtum bejaht, und er ist, wie so manche unter uns, mit dem edlen und naiven Glauben ins Leben getreten, daß Judentum, und Deutschtum friedlich-harmonisch — wie im \ olksganzen, so auch ii» der Totalität der Seele —- nebeneinander, Ln einander bestehen könnten,'daß diese seelische Doppelung nicht Spaltung, sondern Bereicherung bedeutet. So hat er als bewußter Jude um das Deutschtum gerungen, bis daß es ihn segnete. (Richtiger ausgedrückt, er hat nicht um das Deutschtum gerungen, er' hat es in sich gefühlt, erlebt, b e - ‘sessen — als undiskutierbaren Bestandteil seines ' | Iclis.i Das Deutschtum war übrigens weit davon entfernt, ihn zu segnen. Es ist die Tragik seines Lebensabends, daß es ihn enttäuschte, und zurückstieß. — Berthold Auerbach, der sonst so Idyllisch-Harmonische, ist als deutscher Jude der typische Zweiseelenmcnscli. der klassische „Doppelpolige“. Das heißt: in ihm selbst, wie in so vielen hervorragenden deutschen Juden, vertrugen sich die beiden Seelen ausgezeichnet; aber dieser Friede wurde ihm mißgönnt , und von außen gestört. Es lassen ^icli bezeichnender Weise in seinem Leben und Schaffen eine durchgängige deutsche und jüdische Parallelreihe feststellen. Zeitlehens hat er sich als Jude gefühlt: er wollte ursprünglich Rabbiner werden;.er hat 6

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