Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1932
- Issue
- Nr. 1 - Januar (1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ischen Kontinent ihm auferlegt, wie sie sich i pater Heine, Victor Hugo oder Emile Zola erschloß, spal tet er auch hier die einheitliche Grunclaufgabe in ein rein geistiges, also ganz unwirksames elthürgertum und jenen politischen Quietismus, der die großen Gru »peil Aufgaben individualistisch abzubiegen versucht nach dem berühmten Rezept: ..Ein Jeder kehre vor seiner Tür. und rein ist Stadt und Landquartier.“; Daher kann er weder die Kämpfe und Krämpfe i|ni Gruppen befreium: verstehen. die \ierzig Jahre seinejs liebem hindurch Europa schütteln -— Befreiung *der Bauern, Fraii<>«, Kinder. Juden, Kleinbürger vom j|oyh der regierenden Patriziate und Junkertümer, noch auch dort mitgcheu anders als in ästhetischem Wohjgefiihl heim Falle Byron - - wo nationale Minderheiten die Grundlageirz'um neuen Fhiropa und einer neuen W eltgeschichte zu schaffen versuchen. Geistige Befreiung: da i ‘t er überall dabei. Wirkliche Befreiung: da stellt er überall zpi den Mächtigen wie sein Schüler Schopenhauer, der;in Frankfurt, vom Fenster, seines gutgeleijenen Hause* aus. dem österreichischen- Offizier den 'VIdsteclicr borgt, damit die höhmisehen Infanteristen nur ja gut in die Vorkämpfer der deutschen Freiheit und Einliieit hineinziisohießeii vermöchten. V. as bedeutet ein geistiger Mensch, ein Genie. Gesamtperson wie Johann Wolfgang Goethe für die Natirtn. die ihn hervorbrachte, und fiir dij? Mensel heit, deren Stellvertretung innerhalb seines Umkreises icine Nation i-t? Eine wirkende Kraft, einmalig, koithar und [verpflichtend. Der Dichter alg Trjäger schöpferischer Fantasie ist ein Organ seines VoJkes unc der Menschheit, das die Aufgabe hat. das Chaotische zu dem laftet durchleuchten und zu formen nicht ntur auf Papier, sondern mit seiner lebendigen Person, vor allem, was gleich ihm damit beschäftigt ist. das Daukel zu dkirehdfingen. r^as Ungefomite zu bändigen, das Schreiende in menschliche Rufe umzusetzen. Beethoven, als eij das Titelblatt der Eroika ddrehriß und .mit! •’iißcn trat. Weil sich der erste Konsul der Republik in einen Kaiser der Bajonette verwandelte, stand ganz im Züchen jener Sendung, durch die das Genie sich aus der Masse der Talente heraushebt. ir messen Johann ^clfgang von Goethe hundert Jahre nach "seinem Tode;in der Aufgabe des Genies seihst. < Unsere ‘Blicke sind nicht hämisch und krittelnd, sondern zornig und fordernd; das brennende Recht,- das durch sein Herz ging, als er jung war, hätte niemals in einen alternden Faust sich verwandeln dürfen, der sich symbolisch bescheidet und lieber dem Meer Land und Raum für arbeitende Menschen abringt als den herrschenden Klassen seines 'Staates und Reiches. Darum lieben wir ihn doch: ja, indem wir ihn an Beiner eigenen Idee messen, lieben wir ihn mit der Liebe Chirons, den er sagen läßt: „Den lieb ich, der Unmögliches begehrt.“ Fünfzig Jahre seines Lebens hindurch, des reichsten und gesegnetsten, das in Deutschland gelebt wurde, seit Johann' Sebastian . Bach die Augen schloß, hat Goethe immer nur das Mögliche begehrt und freilich .auch erreicht. Wir halten das Ideal der Persönlichkeit, das er aufstellte, für so verfrüht, daß es heute bis zur Unsichtbarkeit untergegangen zu sein scheint. Ein Ideal, ein großes herrliches Leben ist es darum doch, und die Trunkenheit, die unsereinen erfaßt, wenn wir in seinen Versen, seinen , Briefen, seinen Gesprächen auf gehen, ist nur derjenigen .vergleichbar, die den Platoniker glücklich machte. Nachahmen werden wir ihn darum nicht. In einer Epoche,, in der ein Krieg von vier Jahren genügte, um alle Höhlungen unserer Zivilisation aufzusprengen, so daß Jalir für jalir Hekatomben von Existenzen in ihren Schlünden und Kratern versinken, in der das Recht auf Eigentum ebenso zu zerbrechen scheint wie das Anrecht des Menschen auf Arbeit —- in einer solchen Zeit Selbstbescheidung zu predigen und die Formung der Persönlichkeit: das muß wohl ungeduldig machen. Aber wenn vielleicht nach einem Kampf von hundert Jahren neue menschliche Gesittung auf gerechteren und also festeren Fundamenten errichtet sein wird, und^wenn von den Werken Johann Wolfgang Goethes vielleicht nur ebenso viel übrig sein wird wie heute von denen Voltaires, wird die Gestalt dieses Mannes, die unablässige Bemühung, mit der er an sich formte, vorbildlich erscheinen wie nur je. Dann wird sich zeigen, daß das Unbedingte an ihm, die redliche Hingabe an die Ausbildung aller ' Fähigkeiten stärker ist als alles Bedingte, ob es seiner l rnwelt entstieg, seinem ‘ Elternhause oder der Zerklüftimg seiner eigenen Seele. Dann wird dem Menschen <les 21. Jahrhunderts die Existenz des Bürgers Goethe fern und zugleicherzeit innerlich nahe sein, ein Gestirn am Himmel der Menschheit, das mit Kräften und Schwächen den Deutschen unvergänglich um den Horizont der werdenden Menschheit kreisen lassen wird. 1 1