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Der Orden Bne Briss · 1932-01-01 · Nr. 1 - Januar (1.1932) · p. Seite 2

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1932
Issue
Nr. 1 - Januar (1.1932)
Date
1932-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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IT. Die Epoche, die im Jahre 1914 über Deutschland hereingebrochen ist, veranlaßt und freventlich heraufbeschworen vom Übermut eines inlperi Systems, ist der Goethe-Verehrung von Jahr zu träglicher geworden. Wir sprechen nicht .von flüchtigen und Tagesflüchtigen, die sich in Werke einschließen wie in einen befriedeten Fantasie, .während es draußen arg und ärger zugeht^ diesen Naturen täte Tausendundeine Nacht oder (las wundervolle Gesamtwert Jean Pauls dieselben Dienste. Dem Menschen aber, dem heutigen Deutschei llislischen Jahr abdeii elt- GoelliCs Park der hin Goethe kein Opium, sondern Trost. Rat und II: lfe sucht. Wird, besonders* den Jüngeren und den Verarmenden.- ininier weniger und weniger wirkliche Lehen bilfe zuteil. Wozu aber hat eine Nation ihre geistigen Vorbilder, wenn sie nicht auch in Zeiten wachsender Bängnis und Ausweglosigkeit groß und tröstlich lastehen, Auskunft geben. Mut zusprechen, das Lehen n it seinen Krisen sinngebend deuten, ohne es zu verkleinern? Dies w[ar die Funktion Dantes und de# Sophokles, Shakespeares und des Cervantes. Tolstois und Zolas. Sie warfen sich den Mächten der Zeit kämpfend und zornig entgegen, sie verhöhnten sie und bändigten si?, indem sie sie gestalteten. Auch wo uns keine Zeile ihrer Briefe und persönlichen Äußerungen erhalten ist, findet der Mensch bei ihnen Rat. Halten wir aber einen Augenblick den Niederschlag von Goethes persönlichem Lehen in der Fülle seiner Dokumente beiseite, lassen wir die Bände des dichterischen Werkes allein zum Wettbewerb zu, so bleibt, verglichen mit den' anderen, verhältnismäßig wenig welthaltiger Daseinsgestaltung und Daseinsdeutung übrig. Es bleibt.'immervjiir den allgemeinen Leser, nicht für den spezifisch gebildeten Goethe-Freund gesprochen; für einen durchschnittlichen Studenten, Kaufmann, Angestellten von 19.12, eine Fülle sündervoller Gedichte bestehen, die ihm sein "Gefühls- und Geistesleben klären helfen, es bleibt ..Hermann und Dorothea“, es bleibt die Gretchen-Tragüdie, Faus I. Teil —1 auch hiervon bis zur Begegnmig mit Gretchef mehr als eine .dunkle Deutung des faustischen eines in Pubertät ringenden jungen Menschen, det nicht weiß, wie er den kleinen Kosmos seiner Seele aus dem i. j eu t wenig ranges Chaotischen herausführen soll. Das‘Vorspiel auf de Theater wird ihn befremden, die majestätisch herrlichen \erse des \orspiels im Himmel ihn her; lisch —! innerlich seine eigene Sache geführt finden ’iird er lediglich von der Begegnung mit Gretchen ah, uii 1 er reifer wird, dürfte ihm die skeptische Frag “ nicht erspart bleiben, die Stendhal stellte, ob’es liänilic i eines Bündnisses mit dem Teufel bedürfte, um ein kleines Nähmädchen zu verführen. III. Es zeigt sich Goethe in seiner ganzen mächtigen Breite und Höhe gebunden an die bürgerliche Welt, die bürgerliche Kultur, ja an die besondere deutsche bürgerliche Bildung des 19. Jahrhunderts. Sie war in den berliner Salons, den Kreisen der Romantiker zum ersten Male W irklichkeit geworden, als Vorposten gleichsam und bezaubernde Errungenschaft nach der französischen Revolution: mit dem wachsenden Wohlstand des Bürgertums ergriff und durchdrang sie immer breitere Kreise; zur Höhe führten sie schließlich die Zöglinge der deutschen Professoren in Literatur und Philosophie, all der großen und kleinen Kuno Fischer, Hemian •Grimm, Erich Schmidt, Friedrich,Gundolf. Diese Menschen, die Zeit hatten und Muße, und denen die echten . Lehensnöte und -aufgahen abgeblendet waren, die das Regieren den Bismarcks überließen, den deutschen Reichstag für ein normales Parlament hielten und das 'Wirtschaftsleben im kapitalistischen System für das einzig Vernünftige und Denkbare; die dem Arbeiter innerhalb seines Rahmens wohlwollende Berücksichtigung seiner Kultur-Ansprüche zubilligten, vorausgesetzt nur, daß er ein fleißiger Arbeiter bliebe — diese Menschen also erkoren in Goethe die Rechtfertigung ihrer eigenen Haltung. Den beständigen Krisenzustand des Lebens ahnten sie nicht, glaubten vielmehr, Entwicklung, stilles Behagen und eine bedürfnislose Sicherheit seien die Kennzeichen unserer Epoche, dank der fortgeschrittenen Zivilisation und ihrer immer wachsenden Bildungsmöglichkeiten: sie mußten einfach in Johann Wolfgang Goethe den vollkommenen und vorbildliclien modernen Menschen erblicken, von ihm überwältigt werden, das große Erlebnis seiner Person* seiner Werke in ihrer Ganzheit, im einzelnen wie in der Zusammenstellung leidenschaftlich bejahen, ausdeuten, .durchfühlen und durehwiihlen. Für sie ward dann W llhelm Meister die Gestaltung des vorbildlichen bürgerlichen Jünglings, lösten die W ahlverwandtsehaften die Probleme von Ehe untl Leidenschaft, gaben die Wanderjahre den Aufbau einer utopischen Gesellschaft frei, ließ Reineke Fuchs ein behäbig spöttisches Abbild von den Händeln dieser Welt aufscheinen; Werthers Leiden befriedigte ihre jugendliche Schwermut und Sehnsucht, Götz und Egliiont zeigten ihnen Männer, die vergangene Geschichtsepochen als Kräfte trugen und veranschaulichten, Iphigenie und Tasso erschlossen ihnen in einer gleichsam reinen Anschauung und Einfühlung Reiche der Seelentragik, und Faust II. Teil krönte und beschloß in einer dunkel-bunten Allegorie das Leben eines tätigen Menschen, um den kosmische Kräfte rangen, ihn zu bilden und das Positive und Schöpferische in der Welt, das Gebärende, das ew ig Weibliche durch ihn zu stärken. Ein 2

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