Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1931
- Issue
- Nr. 10 - November
- Date
- 1931-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Schnitzler war der Wiener Dichter der letzten Epoche schlechthin, der glänzendste, geistreichste und anmutigste Schilder;r des jetzt untergehenden, etwas leichtsinnigen, iqelancholisch-graziöscn, österreichischen Bürgertums. Aber er war auch in eminentem Sinne gleichzeitig 'ein jüdischer Dichter. Jüdisch an ihm war lie unnachahmliche Mischung von Sarkasmus und Schwermut, Spott und Trauer, jüdisch an ihm war die sjein ganzes Schaffen durchziehende Erl ösungs Sehnsucht, von der die erotische Note nur eine Variation war: die Trauer des. ewig-einsamen Individuums, welches das nie zu verwirklichende Einswerden mit qcm steten *Du« im Mitmenschen, mit denn Tiefsten, hinter allen Dingen Stehenden vergeblich Erstrebte. [Jüdisch an Schnitzler war die rührende Klage des in rätselhafter Art Deklassierten, dessen Seelische Bodenständigkeit .zweifelt wird. In seinem jüdischen Roman ins Freie*, in seinem1 Judenstück be- »Der Weg »Professor Bernhardi«, einem schläckenlosen, dramatischen Meisterwerk, und in manchen anderen Erzählungen hat Schnijzler diesem spezifisch-jüdischen Gram einen unvergänglichen Ausdruck gegeben. . Von äußerem Erfolg ward der Dichter fast bis zuletzt verwöhnt; aber da, wo sich sein Privatleben von jüdischer Tradition entfernte», trafen ihn t herbste Schmerzen. Seine Ehe zerbrach ihm, seine einzige,, märchenhaft-schöne, von ihm über alles geliebte Tochter entfloh durch: Freitod aus einer sic nicht befriedigenden Mischehe. Diesen Schicksalsschlag hat Schnitzler nie verwunden. Und auch literarisch-geistig vereinsamte er nach dem Kriege immer mehr. In seinem reichen so vielfältigen Lebenswerk ist so gut wie nichts Belangloses, Oberflächliches! Der größte Teil seiner dichterischen. Produktion hat dauernden, zeitlosen Wert... __ <i Stefan Zweig. .1 Am 28. November feiert eine der repräsentativsten, und erfolgreichsten Persönlichkeiten des modernen geistigen Judentums seinen 30. Geburtstag: Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren. Einer alt angesehenen, begüterten jüdischen Patrizierfaraille entstammend, hatte er das Glück, eine überaus Sorgfalt ge Erziehung zu genießen, sich von Jugend an der Kunst.und Wissenschaft widmen und in der Vorl riegszeit die ganze Welt bereisen zu können^ Diese unbehinderte Entfaltung macht aus dem großen Schriftsteller und bedeutenden Menschen einen »guten" Europäer« im .Sinne Nietzsches, einen . »vielseitigen Deutschen«, der auch von Anfang an. die spezielle Mission seines jüdischen Blutes zu erfüllen versuchte: mitzuwirkbn, daß sjch der universelle Typus des Geistigen in der zerstörten Welt wieder gestalte. j Außer einer Fülle reifer uiid formvollendeter Gedichte schrieb Zweig Novellen, die zu den »interessantesten«, neuartigsten und fesselndsten der nwWernen Literatur gehören. Zeitlos und keiner Mode unterworfen sind seine ibeisterhaften EssayS und historischen Monographien, die gleichzeitig schlackenlose, stilistische Kunstwerke sind. Eine überragende Stellung nimmt der Dichter als Kulturmittler und Künder fremden Schaffens ein; er hat Verlaine, Baudelaire, (Verheeren, William Blake, Andre Suares nicht nur (»übersetzt«, sondern kongenial nachgedichtet und difse fremden Geister der deutschen Kultur nahcgebra|cht. Als Dramatiker hat Zweig tj. a. in seiner biblischen Tragödie »Jeremias« den! gequälten Völkern unserer Zeit einen Spiegel vorgehaltcn und wieder den Aufblick zu einer ewigen, hinjter allem Geschehen stehenden Gerechtigkeit gezeigt. Von echt-jüdischem Ethos erfüllt sind Zweigs wundervolle Legendendichtunge^i »Die Augen des ewigen Bruders« und »Rahel reefitet mit Gott«. Des Dichters bisheriges Schäffen ist ein ungemein reiches und vielfältiges. Mögen dem jetzt Fünfzigjährigen noch etliche Jahrzehnte gesegneten Wirkens beschieden sein! ...n. Georg Hermann zum M). Geburtstag, T. Ojct. 1931. _ Wollte man Georg Hermanns Wesen auf eine kurze Formel bringen, so müßte man sagen: »Hier ist ein Künstler am Werk«, nicht ein Dichter — er lehnt diese Bezeichnung ab — eher schon ein Schriftsteller, in jenem weitesten Sinne, in der Kompliziertheit. wie er ihn selber einmal charakterisiert hat: »Er betet das Leben an, das er bezweifelt. ' Er schildert es, ohne ihm Ünzugehüren. All sein Erleben ist zerrissen von Kritik und Selbstbetrachtung. Da er nie vergißt, daß das Leben "ein Problem ist, vergißt das Leben ihn. Da ihn nur die Qual der Arbeit reizt, hat das Geschaffene keinen Sinn mehr. Im Schaffen vergeht er nach dem Leben, und im Leben würde er nach dem Schaffen vergehen!« Das ist in der Tat Wesenheit der künstlerischen Natur überhaupt, i m Leben und zugleich Uber dem Leben zu stehen, von 1 Lebensdurst und Schaffensdrang erfüllt zu sein, sein eigenes Schicksal aber zu objektivieren, es in sein Werk aufgehen zu lassen. Fast alle Hauptgestalten in Georg. Hermanns Romanen sind künstlerische Natüren, haben zum mindesten irgendein Verhältnis zur lohnst, wie Jason Gebert, Heinrich Schön und Dr, Herzfeld, so auch Fritz Eisner (im »Kleihen Gast«) und Doktor Schmidt (in »Tränen um Modesta Zanjbonü). Denn er ist selbst aufs innigste mit der Kunst und ganz besonders auch mit der bildenden verbunden. Sein Haus, ist angefüllt mit schönen Dingen aus. vergangenen Zeiten und fernen Ländern, mit Plastiken und Bildern, mit schönen Gläsern und Figuren, mit Geräten und Möbeln. Denn 'das Sammeln gehört zu seinem Dasein. Von seinem tiefen Verständnis für künstlerisches Schaffen zeugt das schöne Rembrandtbuch und die Würdigung Max Liebermanns, die er — als einer der ersten — schon vor Jahrzehnten geschrieben hat. Seine Art zu schauen und zü schildern ist die eines Malers, er liebkost' die Natur, die Dinge, das tausendfältige Allerlei des Lebens, die Vergangenheit ist ihm wie die Gegenwart lebendig. Immer hat er auch zu den Zeitproblemen Stellung genommen, hat z. B. im »Doppelten Spiegel« In-scharfer Weise mit dem Antisemitismus der Intellektuellen abge- — 157 -