Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1931
- Issue
- Nr. 4 - April
- Date
- 1931-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Hamburgisdien Dramaturgie am Ende des 1\. Stückes dem tragischen Dichter verbietet, hinsichtlich der Charaktere von der geschichtlichen Wahrheit abzugehen. Die Charaktere sind nach Lessing heilig,. der Dichter darf sie verstärken, aber nicht wesentlich verändern. Desczyk schließt mit einem Schillerwort, einem Hinweise auf die nach Desczyks Meinung »rohe und pöbelhafte Denkart des Künstlers«:. Diese Kritik Desczyks ist auch für uns Juden und besonders für unseren’Bruderkreis, dem Duldsamkeit vornehmster Lebensgrundsatz ist, recht lehrreich. Zumal in Zeiten, in denen die weltanschaulichen Gegensätze ein Volk so fürchterlich zerklüften wie augenblicklich, soll man an Anschauungen, wie sie hier in Erscheinung treten, lernen und gegebenenfalls sein eigenes Verhalten danach einrichten. Denn es kommt ja gar nicht darauf an, ob ein Mann wie Desczyk tatsächlich Anlaß hat, sich verletzt zu fühlen. Ich finde das vielmehr bedeutsam, daß es ihm offenbar ähnlich gegangen ist, wie schon zahllosen unserer Glaubensbrüder, die im Theater einen zweifellos verzeidiheren, als minderwertig dargestellten Juden vor- 4 gesetzt bekamen, den die kritiklose und nur zu gern belustigte Umgebung als einen typischen Juden ansieht und belacht. Hier fühlen wir uns zu allen Malen als Glieder der jüdischen Gemeinschaft peinlich berührt und verletzt. Nach des Verfassers persönlichem Eindruck, den er in einer wundervollen, eindrtidcsreichen Aufführung im Hessischen Landestheater gewonnen hat, mag Desczyk insofern recht haben, als Bruckner sicher nicht von einer kirchenfreundlichen Auffassung getragen ist. Als antireligiös habe ich das Stüde indessen nicht empfunden. Diese Auffassung/kann m. E..nur derjenige haben) der. die persönliche Religiosität und die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft gleichsetzt. Für mich sind die Höhepunkte des Brudcnerschen Dramas die Doppelszenen, in denen so meisterhaft in gleichzeitiger Darstellung die Vertreter Spaniens' und Englands gegeneinander ringen, und wahrhaft erschüttert wurde ich von der Kirchenszene. Ich möchte meinen, daß der Dichter sein Werk vielleicht nur geschrieben hat, um in dieser Gipfelszene an einem geschichtlichen Beispiel den Menschen unserer Tage die ganze Vermessenheit, den hellen Wahnwitz, die zutiefst unreligiöse Haltung zu zeichnen, die wir alle im Weltkrieg einnahmen, als fast die ganze Menschheit, jeder in seinem Heerlager, von dem höchsten Wesen auf den doch gerade so leidenden Menschenbrü ler auf der Qegenseite die Niederlage herabflehtc. Ich erkenne hierin im Gegensatz zu Desczyl höchste Sittlichkeit, wahrhaft religiöse Gesinnuig, wie sie . auch z. B.1 in Maurice Rostands erschütternder Anklage, in seinem »Mann, den sein Gewissen trieb« [enthalten;ist, daß die Geistlichkeit den Krieg nidjt hätte reditfertigen dürfen. Und daß Bruckner beide Teile vor allem als leidende Kreatur zeichnen wollte, scheint mir zweifellos die Schlußszene zu ergeben, die Desczyk wegen verschiedener Uebertreibungen als »unsagbar widerlid « empfindet. Ich will dabeij. die Möglichkeit offen lassen, daß vielleicht der-fejine Takt des Darmstädter Spielleiters manches >ion dem ausgemerzt hat, was Desczyk als verletzend empfindet. Ueberhaupt darf dieses Kunstwerk nicht ausschließlich aus seiner Wirkung auf den Leser beurteilt werde n, und den darstellerischen Höhepunkten gegenüber scheint es mjir bedeprunp« los, wenn etwa ßrucjkner, wie ich;rtach Desczyk annehme, zahlreiche Einzelzüge falsch gezeichnet hai; vielleicht in der künstlerischen) Absicht, jdie Gegensätze besonder: stark herauszparbeiten, Jim nachher um so wirkungsvoller zeigen zu können, daß wir doch alle gleichleidende und geplagte Menschen sind. Es ist deshalb auch tief bedauerlich, daß ein geistig höchst shender Kritiker wie Desczyk in einer bestimmt ein: eitigen-Betraditungsweise den Verfasser eines solche 1 Kunstwerkes derart angreift. Und nun die Lehre für uns: Es läßt sich nicht vermeiden, daß ein und dasselbe Kunstwerk auf verschiedene Menschen je nach deren Herkunft und Bildungsgang g inz verschiedet) wirkt. Der Gebildete soll es aber vermeiden, tnit einer engherzigen, 1 einseitig g dühlsbetonten Auffassung an ein Kunstwerk herar zugehen / und vor allem soll er nicht überempfinc lieh sein. Auf der anderen Seite kann man von einem wahrhaften Künstler allerdings verlangen, laß er die berechtigten Gefühle seiner Mitmenschen nicht gröblich mißachtet, wie es z. B. in dem Pi ozesse Grosz zum Ausdruck gekommen ist. Wenn ich auch Desczyk im Endergebnis nicht beistin imen kann, so zeigt mir doch die Tatsache, daß er sich so im Tiefsten verletzt gefühlt hat, daß offensichtlich defDichter die Grenzen des für sei i künstlerisches Zjel unbedingt Notwendigen übersd ritten haben muf . Wie würde aber die Kritik erst lauten, wenn Herr TheocJpr Tagger-Ferdinand Bruckner gar ein Jude wäre? 61.