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Der Orden Bne Briss · 1931-02-01 · Nr. 2 - Februar · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1931
Issue
Nr. 2 - Februar
Date
1931-02-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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sich in steter Entwicklung befindend — in religiösen Dogmen Form gewinnen sehen. Offenbar ist es ein biologisches Gesetz, daß die »Masse Mensch« nur dann eines allmählichen Fortschrittes im Sinne zunehmender Identifizier jng fähig ist,, wenn ihr das in uns eingepflanzte,‘ 'ft Wirklichkeit sich spontan von innen heraus entwickelnde göttliche Gesetz der Menschenliebe in der Form eines ihr von außen her aufgezwungenen Gesetzes dargeboten wircf, das ein die Welt beherrschen 1er, außerhalb dieser Welt stehender persönlicher Gott erschaffen hat. Vielleicht bleibt es künftige!, höheren Entwicklungsstufen der Menschheit Vorbehalten, daß nicht nur eine ^kleine Oberschicht, sondern auch die Masse fähig wird, Gott nicht mehr außerhalb der Welt zu suchen, sondern als Jene große geheimnisvolle und uns Einzelwesen l etzten Endes immer unbegreifbare Kraft zu spüren, die in uns selbst wie in allem Seienden lebt, i nd nach deren unerforschlidiem Gesetz unser al er Sein und Entwicklung sich vollendet. Doch kehren wir zurück zum Ausgangspunkt dieser Betrachtungen. Wir wollten zu erkennen ■ versuchen, was für Eig enschaften in der menschlichen Psyche von Natui angelegt sind, mit deren Spontanentwicklung der sich persönlich möglichst passiv verhaltende Erzte ier also rechnen kann, und interessierten uns dabei c or allem für die Menschenliebe, die nach der heute noch weit verbreiteten Ansicht vieler Menscien, insbesondere vieler Moraltheologen im Gegensatz zu der im Grunde »bösen, sündigen Natur des Menschen steht- Wir kamen zu der Ansicht, daß die Menschenliebe in dem Augenblick als »natürliche« Eigenschaft des Menschen im Laufe der Erd£ntwicklung aufgetreten sein muß, als es zur e rsten Gemeinschaftsbildung kam, und daß sie weiterhin ständig, wenigstens bzgl. ihrer Wirkungs b t e i t e, wuchs, je größerem Umfang die Gemeinsd aftsbildung'^annahim Ob sie im gleichen Maß und Tempo auch in die Tiefe gewachsen ist, ob dies Gefühl also heute einp sehr viel größere Wirkung i i der Psyche des einzelnen Menschen hat, einen stärkeren Ausschlag beim Zustandekommen seines praktischen Verhaltens im Einzelfall ergibt als b:i den Menschen primitiver Entwicklungsperioden e twa am Beginn der uns historisch einigermaßen bekannten Zeiträume, ob mit anderen Worten dii kulturell-ethische mit der zivilisatorisch-ästhetische i und formalen Entwicklung Schritt gehalten hat -- diese Frage ist damit freilich noch keineswegs jeantwortet, und ich möchte glauben, daß man sie leider verneinen muß. Auch wepn man eine Entwicklung der Menschenliebe nicht nur in ihrer Extensität sondern auch in ihrer Intensität zugibt, so wird man doch sagen müssen, daß allgemein-menschliche Wesenszüge sich sehr, sehr viel langsamer im Laufe der Entwicklung ändern als die Formen, in denen sie sich auswirken und die dem oberflächlichen Beobachter leicht eine Aenderung des Wesens selbst vortäuschen können. Ich glaube, daß die Intensitätsentwicklung der Menschenliebe viel mehr ein wichtiger Faktor der Menschen» als der Menschheitsentwiddung ist. Die M e n s c h h e i t s entwicklung vollzieht sich nach großen biologischen Gesetzen, wie die Entwicklung alles Lebens überhaupt, sie wird zwar zweifellos von Einzelindividuen, den großen, die Masse turmhoch überragenden historischen Persönlichkeiten gewaltig beeinflußt, in denen die großen, uns im letzten Grunde immer, unbegreiflichen Gesetzlichkeiten nach dem Willen einer höheren Macht, wenn »die Zeit für große Umwälzungen reif ist«, Form und Gestalt gewinnen, aber die Einwirkung des Einzelindividuums wird dabei nie imstande sein, das Wesen dieser Gesetzmäßigkeiten maßgeblich zu beeinflussen, und wo Einzelindividuen, die »zu früh geboren«, »ihrer Zeit weit voraus« sich gegen den Gang der Entwicklung aufbäumen, da wird nach kleinen Richitungsändejungen, Hemmungen Und Förderungen immer wieder das Pendel der Geschichte einschwingen in seine ihm gesetzmäßig vorgeschriebene Richtung. Ganz anders in der Menschen entwicklung. Auch hier sind die Entwicklungsmöglichkeiten nicht, schrankenlos. Eine begrenzte Summe von seelischer Substanz und damit eine gewisse Begrenzung der Entwicklungsmöglichkeit nach Extensität und Intensität ist jedem Menschen bei seiner Geburt mitgegeben. Wie aber zweifellos die körperliche Entwicklung eines Menschen bzgl. etwa der Kraft seiner Muskulatur, der Widerstandsfähigkeit seines Organismus gegen klimatische und krankheitserregende Einflüsse der Umwelt, also alles dessen, was wir als seine körperliche 'Funktionsleistung bezeichnen können, weitgehend von dem Milieu abhängig ist, in das er im Leben gestellt wird und somit mehr oder weniger bewußt auch von ihm selbst und seinen Mitmenschen beeinflußt werden kann, genau so ist die Entwicklung seiner seelischen Persönlichkeit bzgl. der Funktion s I e is t u n g abhängig von seinem Milieu. Die Farbe der Augen, der Schnitt der Nase, die Form seines Ohres etwa wird unter allen Umständen — von groben künstlichen Eingriffen natürlich abgesehen — völlig unbeeinflußbar sich überall in immer gleicher Weise entwickeln. Aber wie trotzdem eine hochgradige Unterernährung, 28

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