Mannheim
Compact Memory

Der Orden Bne Briss · 1931-02-01 · Nr. 2 - Februar · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1931
Issue
Nr. 2 - Februar
Date
1931-02-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/6727475-6029203-6074845--2566-4869154
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sobald ein Wesen in einer Gemeinschaft lebt, beginnt sein natürliches und 'an sich völlig amoralisches Streben nach Lust, häufig in Kollision zu geraten mit der Tatsache, daß die zur Erreichung der erstrebten Lust erforderlichen Handlungen einem anderen Wesen seiner Gemeinschaft Unlust bereiten. Da es infolge des eingeborenen Identifizierungsgefühles diese Unlust des anderen als e i g e n e Unlust mitfühlen m u-ß, so wird es in seinem ursprünglichen Luststreben und dem aus ihm entstehenden Handeln gehemmt, denn jede Unlust — und die Identifizier üngsunlust istein durchaus rleal^s Unlustgefühl — löst in uns Strebungen und damit indirekt Handlungen aus, die von der erlebten oder erwarteten Unlust fortführen. Es wird von der individuellen Veranlagung und Entwicklung des Einzelwesens iabhängen, wie stark sein Identifizierungsgefühl und damit die Hemmung seines -ursprünglichen Lusttriebes durch die »Rücksicht auf Mitmenschen«, um es invgewohnten Sprachgebrauch auszudrücken, sich im Einzelfall bemerkbar macht, d. h. in seinen Handlungen auswirkt. Am wertvollsten im Sinne eines Gemein schaftslebens werden naturgemäß diejenigen Individuen sein, die ein sehr starkes Identifizierungsgefühl besitzen, die also durch das »Mit-leiden« der Unlustgefühle anderer so stark beeinflußt werden, daß sie in ihrem praktischen Verhalten immer weitgehend auf die Gefühle ihrer Mitmenschen Rücksicht nehmen, um diesen starken Identifizierungsunlustgefühlen zu entgehen, und starke eigene Antriebe zum Handeln erhalten überall da, wo sie durch ihr Verhalten Auslösung von Lustgefühlen bei ihren Mitmenschen erwarten dürfen, die sie ja als eigene Identifizierungslust »njit« erleben und infolgedessen erstreben. Es sind das also diejenigen Menschen, die von Nattjr aus eine große »Menschenliebe«, wie wir das im gewöhnlichen Sprachgebrauch nennen, besitzen. Überblickt man in ganz großen Zügen die Entwicklung des Gemeinschaftslebens der Menschen, von Urzuständen der Naturvölker bis zu den Endzuständen hoher Kulturen — sei es vergangener, gegenwärtiger oder kommender. — so ergibt sich m. E. folgende große Linie: Es entsteht zuerst die Familie, in deren Rahmen die Anpassung der einzelnen Familienmitglieder aneinander erfolgt. Die Familie schließt sich als zunächst wohl durchaus egoistisch eingestellte Lebensgemeinschaft nach außen hin ab. Identifizierungsgefühle kommen zur Geltung im wesentlichen nur den Familienmitgliedern gegenüber. Nach außen hin herrscht, auf primitiven Stufen Rücksichtslosigkeit, man geht, um zu eigenem Lusterleben Je' zu gelangen, ohne hemmende Identifizierungsunlustgefühle über die Leichen außerhalb der Familie stehender Menschen hinweg. Noch auf viel höheren Kulturstufen sehen wdr.die Reste dieser Einstellung der zur Sippe ausgeweiteten Familie in dem bei vielen Völkern j, verschiedenster Rasse sich entwickelnden Moralkodetc der Blutrache. Langsam entwickelt sich aus Familie und Sippe der Volksstamm, und während das Idtnti.fizierungsgefühl sich ausweitet auf eine um vieles größere Gemeinschaft, wird aus dem Eamilidn- und Sippen- Jiaß der Stammeshaß. Offenbar .is: es ein Naturgesetz, daß nur auf blutgedüngter > Boden jeweils eine kleinere Gemeinscha t zur nächsthöheren wachsen kann, denn fast überall indef Weltgeschichte sehen wir Ströme «von Blut fließen, ehe aus einzelnen Volksstämmen ein großes Volk sich zusammenschließt, in dessen G renzen langsam das Iden» tifizierungsgefühl an Geltung und Wertung gewinnt, während nach außen hin nunmehr an die Stelle des Stammhasses der Nutionalitälenhaß tritt. Wir alle haben die Frucht dieses Haßes, das Weltblutbad, erlebt, und jeder feiner fühlend!» Mensch hofft, . daß es das letzte große Bl iitbad der Weltgeschichte gewesen ist, dessen nach Millionen zählende Opfer wenigstens den Mut erboden bereitet haben, auf dem aus der V o I k s jjemeinsdiaft eine größere Völkergemeinschaft wachsen kann, die die Menschen weißer Rasse zu einer großen Gedamit schon das g auf unserem langsam, so doch stet seit Menschengedenken muß in den Mantel eines Mora 27 moralisch-ethischen ngekleidet werden kodex, den wir — meinschaft zusammenfügt. Daß Endziel der Menschenentwicklung Planeten erreicht sei, darf man wohl kaum zu hoffen wagen. Denn da die eherr ert Naturgesetze Sprünge in einer biologischen Entwicklung nicht zuzulassen scheinen, steht zu befürchten, daß vor Vereinigung der verschiedenartiger! Rassen zu einer einzigen Menschengemeinschaft wiederum ungeheuerliche Blutopfer , erforderlich sein v^erden. Uebersehen wir so! mit einem Blick die große Entwicklungslinie der G emeinsch? ftsentwicklung, so drängt sich uns ohne we (eres der Schluß als zwingend auf, daß das Idemifizierungsgefühl oder mir anderen Worten die Menschenliebe eine wenn * auch g sich h< »her. ent wickelnde > angeljor ene Grundeigenschaft der menschlichen Psyche ist. Wie langsam das Erstarken dieses Gefühles bei der Masse; also beim Durchschnittsmenschen erfolg t, zeigt m- E. am besten die Tatsache, daß immer wiedef der Satz: »Was du nicht willst, das m< n dir tu, das füg' auch keinem andern zu«", der eigentlich! für jeden Einsichtigen als Grundlage seines Verhaltens ausreichen müßte,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.