Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1931
- Issue
- Nr. 2 - Februar
- Date
- 1931-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gerade and kr iftig gewachsener Menschen entwickelt. Es ist dem gewissenhaften und tiefer spürenden, gegen sich selbst efrlichen Arzt und Erzieher eine große Erleichterung, um diese im Menschen von Anbeginn seines Le Jens wirkenden, letzthin immer nu? als göttlich .— das wilf sagen unserem beschränkten Mensd lenverstand unbegreiflich — ,zu .bezeichnenden, audi schwere Fehler wieder 'ausgleichenden Kräfte;u wissen Denn wer möchte wohl Arzt oder Er; ieher sein mit dem Bewußtsein, daß jeder Fehlgriff und wer kann behaupten, daß ihm nicht auch bei sorgfältigstem Arbeiten ab und an ein solcher unterläuft — zu einer dauernden Schädigung des vertrauensvoll seinen Händen über«' antworteten Menschen führen muß. Wenn wir nun heute auf den Standpunkt gelangt sind, daß die ge stige und seelische Entwicklung des Menschen im Gr jnde am sichersten und besten durch die eingebo enen Entwicklungstendenzen gelenkt wird, und wir am besten tun, uns in diesen Entwicklungsprozeß so wenig wie möglich einzumischen, so erh:bt sich für den zunächst einmal beobachtenden und diese Beobachtung denkend verarbeitenden Erzie ler die Frage: Welches sind denn die wesentlichsten »natürlichen« Anlagen und wohin führt eine sold e »naturgemäße-* Entwicklung der Menschenkinder? Ist anzunehmen, daß sie in einer Richtung tendiert, wie sie der Sittenkodex unserer Kultur den Menschen als ein erstrebenswertes Ideal vorzeidinet? Ist das Menschenherz nicht eigentlich »böse von Jugend auf«, und mußte nicht, wie Dogma uni Moralkodex so vieler Religionen lehren, erst das von außen an die Menschheit herangebrachte »Gesetz« dem von Natur bösen Menschen den Weg zur Höherentwicklung und Gesittung zeigen? Ist also nicht der Erzieher berufen, durch seinen E nfluß an sich vielleicht natürliche, aber moralisdi minderwertige Triebe im wachsenden Menschen mehr oder minder gewaltsam zu' unterdrücken, die ohne sein Eingreifen bald üppig wuchern und die moralisch hochwertigen Triebe unterdrücken würden? Sind z. B. gerade Mensdien» liebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit nicht Eigenschaften, die dem ange borenen Egoismus des Menschen direkt zuwider! aufen und ohne energisches Eingreifen der Erziehungspersönlichkeiteti sich überhaupt nicht oder dodi nur mangelhaft entwickeln könnten? Muß also ein moderner Erzieher, der auf diese drei Eigenschaften den höchsten Wert legt, nicht gerade für allergrößte Aktivität in der Erziehung eintreten? Wollen wir uns rieht Tauf die im ganzen doch noch wenig umfangteid len Erfahrungen über Erfolge moderner Pädagogik verlassen, so sehen wir uns zur Beantwortung obiger Fragen vor die Notwendigkeit gestellt, auf dem Wege des logischen Denkens zu untersuchen, ob Menschenliebe,. Gerechtigkeit und Duldsamkeit Entwicklungsziele sein können, die letzten Endes in der menschlichen Natur angelegt sind urtd demnach also nur der nötigen äußeren Entwicklungsbedingungen bedürfen, um von selbst zur vollen ^ntfaltung zu kommen, oder ob es sich um Eigenschaften handelt, die durch die Erziehungskunst der im Grunde vorwiegend egoistisch und selbstherrlich organisierten Natur künstlich aufgepfropft werden müssen als eine Errungenschaft der Kultur.;/ Gehen wir bei diesen Überlegungen aus von zwei psychologischen Grundtatsachen, die m. E. nicfyt zu bestreiten sind. Die erste ist das * Lustunlustgesetz,. jenes »eherne Naturgesetz«, nach dem wir Menschen alle leben und das am schärfsten' und klarsten bisher vielleicht von^ E. Tietjens in seiner »Desuggestion« formuliert worden ist mit den Worten: »Der Lebenstrieb des Menschen äußert sich in unserem Bewußtsein als ein gesetzmäßiges, fortwährendes Streben, Lust zu erleben und Unlust zu vermeiden.« Die zweite Grundtatsache ist der Satz: Der Mensch ist, soyeit wir ihn jedenfalls in der Erdgeschichte einigermaßen verfolgen können, ein Gemeinschaftswesen, d.h. ein Wesen zu dessen Wohlbefinden es gehört, nicht allein für sich, sondern mit anderen Wesen seiner Art zusammen zu leben. Eine unbestreitbare psychologische Voraussetzung für das Zusammenleben in einer Gemeinschaft ist aber das Vorhandensein einer Eigenschaft, die wieder E Tietjens sehr treffend als die Fähigkeit zur »Identifizierung« bezeichnet hat und die darin besteht, daß das Einzelwesen die Fähigkeit besitzt, nicht nur seine eigene Lust und Unlust zu fühlen, sondern auch die Lust und Unlust seiner Mitmenschen als eigene Lust und Unlust »mitzufühlen«, das Leid des anderen als »Mitleid« selbst zu erleiden und über die Freude des anderen sich »mitzufreuen« (sich also sozusagen mit ihm zu »identifizieren«). Aufbauend allein auf diesen beiden Grundtatsachen läßt sich leicht und mühelos eine natürliche Ethik entwickeln, die sich sachlich weitgehend mit uralten ethischen Grundforschungen großer Religionsstifter, deckt, aber des religiös-dogmatischen Mantels entbehren kann und uns ohne weiteres aufzeigen wird, in welcher Richtung die Entwicklung junger Menschenkinder gehen kann oder muß, bei deren Erziehung wir uns weitgehend pädagogischer Aktivität enthalten und uns möglichst mit der Gestaltung ihres Milieus begnügen. 26