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Der Orden Bne Briss · 1930-12-01 · Nr. 12 - Dezember · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1930
Issue
Nr. 12 - Dezember
Date
1930-12-01
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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Die Rede, die Thomas Mann am 17. Okt. 1930 im gemessen demokratischen Parlame und der südeuropäische. gehalten hat,, liegt nunmehr als Beethovensaal in Berlin Broschüre vor uns. Thomas Mann, der »ich selbst als ein Kind des deutschen iBürgertums bezeichnet, sendet sich mit seinem »bedrängten Selbstgespräch« an dieses deutsche. Bürgertum, um zu jener Besinnung be zutragen, die ihm noch imiqer als etwas Deutscheres erscheine als die jetzt ausgegebene Parole des Fanatismus zur Rettung des Vaterlandes. Der .Ausgang der Reichstagswahlen könne dicht rein wirtschaftlich erklärt wer len. Das deutsche Volk werde durch den Versailler Vertrag i adikalisiert. Hinzq kämen Zweifel daran, ob die im westeuropäischen Stil parlamentarische Verfassung, die Deutschlar d nach dem Zusammenbruch des feudalen Systems als dis gewissermaßen historisch Bereitliegende übernommen habe, seinem Wesen vollständig ansei. Die bisher unternommenen Versuche, den tarismus zu überwinden, der ostdie Diktatur einer Klasse also und die des demokratisch erz rügten zäsarischen Abenteurers, seien der Natur des deutschen Volkes aber noch viel blutsfremder als das, wogegen zu eiitm Teile die Geste der Wahlen vom H. September sich gerid tet habe. ' Der Nationalsozial smus' hätte als Massen-Gefühlsjetzt erwiesene' Macht gewinnen können, wenn ihm nicht. aus geistigen Quellen ein Sukkurs gekommen wäre, der eine relative Wahrheit besitze. Mit dem wirtschaftlichen Nitdergang. der Mittelklasse habe sich die Empfindung einer Z< dtwende verbunden, welche das Ende der von der französische i Revolution datierenden bürgerlichen Epoche und ihrer Ideen reit ankündigte. —Eine neue Seelenläge der Menschheit habe sich künstlerisch im expressionistischen Seelenschrei, philosophisc t als Abkehr vom Vernunftglauben, als ein irrationalistiscfae ■, den Lebensbegriff in den Mittel- ■punkt des Denkens stell enden Rückschlag ausgedrückt. Von “einer ihrem Wesen nach zum Orgiastischen, zur bacdiischen Ausschweifung neigende 1 Naturreligiosität sei viel in den Neo-Nationalismus unserer Tage eingegangen. Dazu komme eine gewisse Philologen - Ideologie, Germanisten - Romantik und Nordgläubigkeit aus akademisch - professoraler Sphäre, die noch gefährlicher se en als die Weidfremdheit und politische Romantik, die uns in den Krieg geführt hätten! Von solchen geisti;en und pseudogeistigen Zuströmen gespeist, vermische sich c ie Bewegung des Nationalsozialismus mit der Riesenwelle e [zentrischer Barbarei und primitiv« massendemokratischer J: hrmarktsroheit, -die als e:n Produkt 'der abenteuerlichen En wickfüng der Technik über die Welt gehe. Fanatismus werc e Heilsprinzip, Begeisterung epileptische Ekstase. Das ’unschbild vollkommener nationaler Simplizität 'Sei aber nii ht zu verwirklichen in einem alten, reifen Kulturvolk. ' V Der katholische 'Te I des deutschen Bürgertums sei auch politisch im Schoß der Kirche geborgen und, nicht ohne Neid dürfe man es aussprechen, wohl geborgen. Die andern würden mit einem Bej riffe geschreckt, mit dem ein schlauer und schädlicher MißbraUh getrieben würde, nämlich mit dem Worte »marxistisch«. Der sog. Marxismus der deutschen Sozialdemokratie bestehe heule in der Praxis in der'Betreuung einer dreifachen Aufgabe; sie bemühe sich, die Soziale und wirtschaftliche Lebenshaltung der arbeitenden Klasse zu schützen und zu bessern, sie wolle die doppelt bedrohte demokratische Staatsfortn erhalten,, und sie wolle die aus dem demokratischen' Stiatsgeist sich ergebende Außenpolitik der Verständigung und des Friedens verteidigen. Es sei wahr: die gesellschaftlich : Klassenidee könne .ihre rein ökonomische Herkunft nicht verleugnen. Die sozialistische Klasse sei aber geistfreundlich in dei Praxis, und das sei das Entscheidende. Die sozialdemokratische Partei habe das Reich gerettet. Wohin aber der Nationalsozialismus uns führen würde, das wüßten wir : us dem einfadienJGrunde nicht, weil er es selber nicht wisst. Stresemann habe auf seine eigene Partei sich nicht stüt;en können, sondern sich tatsächlich auf die Sozialdemokratie gestützt. Seine PojHtik müsse fortgesetzt werden. Bei allen Diskussionen über das Schicksal Europas stelle Frankrei h ' aber die These der Sicherheit in den Vordergrund. Die beste, die wirklichste Sicherheit Frankreichs sei jedoch die' seelische Gesundheit I des deutschen Volkes, die durch unweise Friedensbedingungen aufs gefährlichste gestört werde. Jeder Außenpolitik entspreche eine Innenpolitik, die ihr organisches Zubehör darstelle, mi ihr eine unauflösliche geistige und sittliche Einheit bilde. Der politische Platz des deutschen Bürgertums sei heute an der Seite der Sozialdemokratie,' wobei das Wort »politisch« im Sinne dieser äußeren und inneren Einheit zu veistehen sei. Seit den, berühmten »Betrachtu igen eines Unpolitischen« hat sich Thomas Mann verschieden dich mit staatspolitischen Fragen beschäftigt. Immer haben seine philosophischen Er-, örterungen und geistigen Mahnrul e stärkste Beachtung gefunden, mochte man seinen Gedank engängen zustimmen öder nicht. Man mag auch jetzt irh Zweifel sein, ob Thomas Mann den Bestrebungen der deutsd en Sozialdemokratie voll gerecht geworden ist, man mag auf der anderen Seite seine Folgerungen und Forderungen able inen. Jeder .nachdenkliche Leser und Hörer wird sich gern mit diesem tiefsinnigen Appell, der ' aus schwerer Sorge um Deutschland erwachsen ist, beschäftigen. Fritz Goldsdhmidt <Spinoza-Loge>. Ci Ei, Heinrich Kurtzig: Kaufm Jahrhundertwende, — Jahre in einer, kleinen ostdeutschen Grpi Menschenwürde, — Glaube a, das Milieu, in das uns Heinrich Ku Frank, die Geschichte eines Juden seinerzeit, Kämpfer, Sucher und täuschungen, Verluste, ja sogar d Romantik nicht rauben konnten Verwirklichung seiner Ideale strebt, " Wege, durch soziale Reformen und großkaufmännischer Ideen zu erreich a steten Sehnsucht nach einem Führer, V merkwürdigsten Menschen, deren S teilen er sich zur Lebensaufgabe m Ja, es gibt wirklich, noch Mept: phantasiearme Zeit hinein solche Aber sie kommen aus jener Zeit, liehen Feierstunden über Gottesi andersetzte und in der man in sehnsüchtigen Liedern einer Nacht liebt diese Menschen, weil sie Glauben an das Gute, an das Wi weil von ihrem glaubensstarken FJ, ausstrahlt. Heinrich Kurtzig gibt uns Heimat: das gute jüdische Haus, c ie tradition. Und all denen, die in Grenzmark verwurzelt waren, gil t m i. ann Frank. Friedlicher Beschaulichkeit nzstadt, — Glaube an gundestreue, — das ist tzifc /versetzt. Kaufmann achtziger Jahre, Kind chter zugleich, dem Ent« :r Krieg den Hang zur eser junge Jude, der nach die er auf künstlerischem schließlich durch Ausbau n sucht, gelangt in seiner einem FeuergetSt zu den hicksal und Interessen zu 4<ht. sehen, die sich in unsere Ideale bewahren konnten, i der man sich -in abend« d Menschenwerk auseininden Sommernächten den gall lauschte. Und man e Kinder sind, die den under in sich tragen,j und lerzen Ruhe und Feiertag seinem Buch ein Stück alte jüdische Familien« Osten, in der einstigen dieses Buch noch mehr : 238

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