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Der Orden Bne Briss · 1930-12-01 · Nr. 12 - Dezember · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1930
Issue
Nr. 12 - Dezember
Date
1930-12-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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wert an sich, wie dieser Persönlichkeit für jede Wahrheit kommt und wo sie und Bewertung nicht Simchowitz ist groß geworden, an das eigentlichste Kennzeichen überhaupt. Aber das ist ja schon als Prozeß 1mj tiefsten und innersten Grunde jüdisch : Die Aufm hmefähigkeit und -bereitschaft und Schönheit, woher sie auch auch steht, ihre Anerkennung allein, sondern auch ihre Durch» dringung mit eigener 1, und damit ihre Nachsch'affung und Neuschöpfung. »auf den Knieen der Thora« Bibel, Talmud und Midrasch geistig herangewad sen, in einer Atmosphäre und Umwelt, denen disses Schrifttum nicht nur Re» ligionsijuelle gewesc n ist, sondern insbesondere auch Literatur, klassischer Ausdrude großer Vorgänge und erhabener Ideen, sprachlich und gedanklich bis zur höchsten Vollendung gediehene K u n s t. Auf diesem Wege bekam ein angeborener und unge« bändigter Wissensdrang Ordnung und Richtung, Maß und Sicherheit/ eine blühende, schweifende Phantasie vereinigt^ sich mit den Forderungen eines klar ab wägenden Verstandes, einer scharfen Dia» lektik und kritischen Urteilskraft, wie ja auch gerade im Talmud diese beiden zunächst entgegengesetzt erscheinenden Elenente sich überall ergänzen und durchdringen. Am allermeisten aber befruchtete seinen geistigen \ Werdegang und seine innere Entwicklung aus dies :m jüdischen Schrifttum das Poly» historische an ihn, die Einbeziehung alles Wissens» werten, das es -in dem damals überschauten Welt» bild überhaupt nur ge geben hat. Daran' wurde, der Grund gelegt zu der erstaunlichen Vielseitigkeit und fast unübersehbaren Anzahl von Interessengebieten, die dieser ewig suchende, nimmermüde Geist sich erschlossen und deren Beherrschung ein hervorstechendes Merkmal seines Wesens und Wirkens geworden ist. Daß er, zur Universität gereift, Medizin studiert hat, liegt auf eben dieser Linie — aber nur von außen her. .Wissensdurst, vielleicht auch praktische Erwägungen defc Elternhauses, führen ihn zunächst in~Tfleser Richtung, aber — ein eingeborener Jünger Aeskulaps ist er nie gewesen, und darum hat er hier jn Köln, wo er sich als Arzt niedergelassen hatte, den Schlangenstab sehr bald mit der Feder vertauscht, das fOrdinieren mit dem Sinnieren, die Diagnose am kranken Körper mit der Untersuchung des Menschheitlithen überhaupt in seinen Auswirkungen aufj den Gebieten des Denkens und Dichtens, des Förschens und Gestaltens. Das Erkannte aber m tzuteilen, anderen zu offenbaren, ist ihm ebenso I Bedürfnis, wie das Erkennenwollen selber. Die / ^rt und Weise dieser Wiedergabe und Weitergal« war und blieb in der Hauptsache Zeit seines Lebens i e f e r u n g, die JVenn ich einen der Terminus Ausdruck bringen, und im allerweitesteo Umfange die — mündliche Ueber Vorlesung und der Vortrag, jüdischen Gedankenwelt entnommenen hier gebrauche, so will ich zum daß auch dieser Zug seines Wesens ein jüdisch ererbter gewesen ist. »Von Mund zu Mund« das ist uralt-jüdische Tradition, unc ureigenstes Element trotz der vielen Hunderte von Aufsätzen, die er geschrieben hat, aber ja auch für den großen Sprechsaal der Gegenwart, für Zeitung und Zeitschrift. Unc was 'seine Vorlesungen und Vorträge gewesen sind, wie er im lebendigen Verkehr mit dem Zuhörer beim ersten Satz das Fluidum herstellte, um es bis zum letzten Wopte zu erhalten, wie nicht mir sein Mund sprach, sondern gleicherweise sein Auge und die Hand, die den Zwicker abnahm, un über das Konzept und seine Stichworte hinweg den freigewordenen Blick und die freigeformte Rede in die Zuhörerschaft hineinzuleiten, wie er auf diese Weise das Vortragspult seiner trägen Sd »verkraft entkleidet und mit des eigenen Geistes L ebendigkeit beflügelt hat — nun, das haben wir ja alle miteinander oft und oft, aber in immer erneute ■ Freude und Dankbarkeit miterlebt und mitgenosnen. Also: Bücher hat Simchov itz nicht geschrieben. Er hat keine wissenschaftliche Untersuchungen angestellt und ihr Ergebnis in Fach- und Spezialwerken niedergelegt — dem stand das Universelle seiner geistigen Art entgegen, ^ein nicht zu stillender Literaturhunger, der ihn ebenso in den Geistesschätzen der Vergangenheit unermüdlich suchen und verborgene Kostbarkeiten finden ließ, wie er ihn zu jeder Neuerscheinung des allgemeinen Wissens hinführte, nicht nur in deutscher, sondern auch in französischer und englischer Sprache, um neue Erkenntnis zu schöpfen und kritische Betrachtung anzustellen. Er hat keine Bücher geschrieben, aber er hat das Buch, das gute Buch, geliebt. Er hat sich darein mit zärtlicher Inbrunst versenkt und sich damit in schwärmerischer Neigung verschwenderisch umgeben — für seine Bibliothek, eine Büc Versammlung ebenso guten Geschmackes wie weiter Gesichtskreises, ist dem sonst so anspruchslosen urd sparsamen Manne keine, den Forderungen seiner B ildung entsprechende Ausgabe zu viel gewesen. — Trotzdem sind zwei stattliche Bände vorhanden, die seinen Namen tragen und als, seines Geistes Binder anzuspreeben sind, wenn der Inhalt auch nur zum Bruchteil seiner Feder entstammt. Er hat vo n Juli 1902 bis Juni 1903 eine Halbmonatsschrift herausgegeben, mit dem bezeichnenden Titel »Dis Kultur« und mit führenden Männern und Frauen des deutschen - 224 -

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