Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1930
- Issue
- Nr. 11 - November
- Date
- 1930-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Unter der Spezies des Denkens betrachtet — das wir noch nicht entbehren können —, ist »die Welt der Seele nidit die letzte, die Welt des Denkens .nidit die erste. Es gibt somit eine »“Gottseite« und eine »Weltseite« als Richtung der Schöpfung. Die Welt des Denkens verlangt die Tat, die Ethik und Sinnlichkeit. Wir dürfen vor der'Reife diese, Modalitäten der Weltseite nicht verlassen. Die Welt der Seele ruht <von jener Seite betrachtet). In ihr löst sich Denken, Tun und Werten j_ in Gott.« Wie sich aus dieser kurzen Selbstdarstellung des Rathenausdien Systems ergibt, hat er einerseits die Entwicklungstatsache und die Leib-Seele-Einheit, wie wir sie in allem modernen naturwissenschaftlichen und psychologischen Denken finden, bejaht, hät aber andererseits diese naturwissenschaft- * liehe Seite seines Weltbildes, ähnlich wie seinerzeit Carus, der Freund Goethes, mit einer religiösen Zielstrebigkeit verknüpft. Die metaphysische Abrundung, die in allerneustgr Zeit die relativistische Physik erfahren hat, ist hier mit geradezu erstaunlicher Sicherheit vorweg genommen. Andererseits scheint auch eine leichte Andeutung buddhistischer . Ideet) vorhanden zu sein, die unserem westlichen Denken und Fühlen im allgemeinen immer verschlossen bleiben werden so, wenn Rathenau einmal bekennt, es sei, als ob in ihm zwei Menschen lebten, von denen der eine erwächst, der andere sfirbr, und dann fortfährt: »es stirbt der Begehrende, — es erwachst der Andere, den ich kaum mehr Ith nennen darf.« Aus dieser eigentümlichen Einstellung zum Leben, in dem Rathenau ein srändiges Tendieren zur Transzendenz erblickte, erklärt sich auch seine Einstellung zur Religion. Dieses Leben, in höherer Verantwortung erfühlt und gelebt, i s t für ihn »Religion«, und nur so verstehen wir seinen lapidaren Ausspruch auf der ersten Seite der »Mechanik des Geistes«: »Jeder Schritt unseres Handelns ist ein Doppelschritt: halb irdisch, halb transzendent.« Die »Religionen« dagegen im Sinne von Kirche wurzeln für ihn im »dogmatisch-mythologischen«. Sie, die Kirche, lehnt er ab, und er erwartet auch nicht mehr neue Religionsstifter. Wenn wir so uns in Rathenaus Auffassung der Religion hineinversetzen, so wird seine Stellungnahme zum Jadentum in der bekannten »Streitschrift vom Glauben« in neuem Lichte erscheinen. Er lehnt hierin einen Uebertrijt zur nachpaulinisdien christlichen Kirche unter dem ausdrücklichen Hinweis ab, daß das Judentuih ihm wohl gestatte, innerhalb seines Rahmens diese Auffassung von Religion zu leben, die christlichen Kirchen jedoch nicht. Ein Mann wie Rathenau, füjr den Kirche und Religion in so krassem Maße: Gegensätze bildeten, und der selbstverständlich auch jede Verbindung von Kirche und Staat aus innerster Ueberzeugung ablehnte, konnte am Judentum, wie er es tatsächlich tat, nur dann festhafteji, wenn er_der festen Ueberzeugung war, daß das! Judentum weder eine Kirche sei, noch irgendwelche Dogmen enthalte. Klipp und klar steht es eja in der »Streitschrift vom Glauben«: »Der mosaische Glaube ist nicht nur kirchenfrei/ er ist auch dogmenlos.« In dieser Auffassung des > Judentums steht Rathenau unter den zeitgenössischen Juden nicht vereinzelt da. Es ist dieselbe Auffassung, wie sie zu Zeiten Lessings von Moses Mendelssohn vertreten wurde. Darüber hinaus aber 'enthält die Rathenausche Einstellung zum Judentum noch etwas höchst Persönliches. Er bekennt offen, daß er j»auf dem Boden der livangelienj« stehe. Für ihn war Christus ein jüdischer Prophet wie alle anderen, und es ist vielleicht manchem Zuhörer, niemals jedoch ihm selbst, merkwürdig erschienen, daß er die Gedächtnisrede am Grabe seines Vaters mit einer neutestamentarischen Betrachtung über ein Jesus-Wort beginnen läßt Und mit den? altjüdischen Priesjersegen beschließt. Ihm war es furchtbarer Ernst mit der Einbeziehung urdvristlichel <nicht nachpaulinjscher) Ideen in das Judentum, so ernst, daß er am 29. iNovember 19L9 an den Leutnant Hans Breisig folgende Worte schrieb: »Wir Juden aber haben unsere Sehdung nicht erfüllt, deshalb mögen Sie uns verurteilen..- Denn wir haben uns der Führung Christi nicht anvertraut, weil wir nur den katholischen und den .protestantischen, nicht den lebendigen Christus erblickten. Der aber wird uns alle führen, und e-iper Führung durch Zeitgenossen bedarf es nicht. Nicht zur Vollendung .des Familienstammes wird er uns fuhren, sondern zu dem Hause mit den vielen Wohnungen, da$ keine Proletarierkaserne/ aber auch kein Wolkenbau und Luftschloß ist« j» ' Wenn wir nun zum Schluß versuchen wollen, Rathenaus merkwürdige Stellung zum Judentum und seiner Sendung mit einem klaren Bild zu umreißen, so will es un$ scheinen, als ob Walther Rathenau sein Judentum ebenso von den »Zäunen um die Thora« befreit wissen wollte, wie heute schon einige evangelische Theologen <z B. Stolzenburg) das Christentum1 von der Beschaffung griechischer und mittelalterlicher kirchlicher Gedanken bereinigen möditen. So ist der Vergleich wohl nicht allzu gewagt, wenn man Rathenau einen jüdischen 207