Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1930
- Issue
- Nr. 10 - Oktober
- Date
- 1930-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
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Einen größeren Raum als die freien Berufe nehmen infolge der eigei artigen sozialen Schichtung der deutschen Juden vqii jeher die kaufmännischen Berufe ein. Auch hier gilt es zu unterscheiden zwischen cen Frauen, die vor dem Krieg einen selbständig :n Betrieb geführt haben (vornehmlich auf den Gebieten der Schneiderei, Putzmacherei, Wäscheherstellung und Weißnäherei im Klein- und Mittelbe rieb, Körperpflege, Haarpflege, Kunstgewerbe, Photographie, Nahrungs- und Genußmittelgewerbe) und denen es trorz Inflation und den gerade für dio jüdische Wirtschaftswelt verhängnisvollen Konzontrationsbestrebungen in Handel und Industrie glückte, ihr Unternehmen fortzuführen und der großen Zahl derer, die nach dem Krieg genöiigt wurden, sich in das Heer der Arbeitnehmer einzureihen. Für sie gilt in mindestens dem gle dien .Maße wie für den jüdischen Mann die Tatsache, daß sich - der öffentliche Arbeitsmarkt für die Juden bei zunehmender Nachfrage immemehr verengert und die Altersgrenze infolge der Tariflöhne schon sehr früh erreicht wird. Bedenkt man indes, wieviele Ehefrauen und Töchter heute wieder — rie schon früher einmal — im Geschäft des Mannet als wichtigste Stütze mit» arbeiten, ohne von det Statistik als berufstätig erfaßt zu werden, wie viele verwitwete Frauen außerdem den Betrieb des Mannes weiterführen als Leiterin von Fabriken, Ergros- und Detailgeschäften jeder Art, BankünternehmüngCn usw., so wird man die Zahl der heute noch selbständigen jüdischen Frauen im Wi^jschaftsleben nicht zu niedrig einschätzen dürfen. Unter den vom Deutschen Reichsanzeiger für 1928 aufgeführten (neu ernannten) 543 Prokuristinnen, 250|-Geschäftsführerinnen und 55' Liquidatorinnen befindet sich wohl auch eine Anzahl jüdischer Frauen Wenn man hierzu noch die Direktricen und te hnischen Leiterinnen, besonders im Bekleidungsgewerbe, hinzunehmen will, so dürfte diese Gruppe im Wesentlichen geschlossen sein. Die Zahl der jüdii chen kaufmännischen und gewerblichen Angestellte t, Stenotypistinnen, Buchhalterinnen, Kontoristinnen, Lageristinnen, Verkäuferinnen und Kassierei innen, auch nur schätzungsweise zu ermitteln, ist uimöglich.. Immerhin dürfte die Statistik der jüdisihen Arbeitsämter Berlin, Breslau und Frankfurt :inen relativen Einblick in das Verhältnis von Melfüng und Vermittlung für das Jahr 1929 ergeben wenn auch dahingestellt bleiben m^g, ein wie großer Teil der jüdischen 'Stellensuchenden durch nachweise geht. die öffentlichen ■ Arbeits» 2857 1462 241 100 622 1285 490 452 707 118 16 228 31 35 7 143 5 28 ranklurt M. Mcldg Vermiitlg, 760 107 1366 287 24 er Liebersicht zum kaufaß die Fragerufsberatung ir die akuten die sich durch I 1929 wje i b I. A b 11 g | .Berlin Brest auP ✓[ Mcldg. Wrmittlg. M«tdg. Vcrmittfg. kaufmännische Berufe g^srerbliche Arbeiterinnen Hauspersonal freie Berufe Lehrpersonal Als typisch und kritisch bei die ist das .Ueberwiegen der Meldung' männischen Berufe festzustellen, so n^di der Vorbildung, Eignung und sijh aufdrängt. Damit berühren Probleme der »Nachkriegsgeneration* dje von Grund aus veränderten Verhältnisse we s^ntlich anders darstellen, als diejenigen vor 1914. I Die Verarmung des jüdischen Mittelstandes hat die junge Generation, die jetzt erst in das Wirtschaftsleben eintritt, mit dem ihr eigenen gesunden Optimismus erkennen lassen, daß sie ohne eine tiefgreifende berufliche Umschichtung den aussichtslosen Wirtschaftskampf ihrer Eltern nur ad infinitum fortsetzen würde. Sie proklamiert dahjer auf der im Jilni des Jahres stattgefündenen Delegiertentagung des Verbandes der jüdischen Jugendv^reine Deutschlands (It. Frankfurter Zeitung): »Abhalten der Jugend, vpn aussichtslosen Berufen, Abkehif von der Anschauung, der kaufmännische Angestelltenstand sei d^s einzig Mögliche für sie, dafür Eintreten in einen gehobenen Handwerkerstand, in technische Berufe. Lfazu notwendig ein gewisser Wandel der Mentalität, ejn Bewußtsein für den Stand, in (lern man steht«. I So zeigt erfreulicherweise schon der Bericht der jüdischen Berufsberatungsstelle Berlin für 1929 die deutliche Abkehr der Jugendlichen vom kaufmänn sehen Beruf qnd die Zuwendung zu den produktiven Berufszweigen, was auch bei den Vermittlungszahlen zum Ausdruck kommt. Die Not der Zeit räumt allmählich auch bei der Elterngeneration mit dem falschen Vorurteil der gesellschaftlichen Minderwertigkeit des Handwerker» und Arbeiterstandes a^if, und diese Arbeit beginnt mit dem Maße Achtung zu erlangen, als ihr die heranwachsende Jugend zpstrebt. Dieser gesunde Umschichtungsprozeß, in djessen Mitte wir uns befinden, muß durch vernünftige Erziehung und Berufsberatung gefördert Pferden. In’der Erkenntnis dieser Notwendigkeit höt der Weltkongreß der jüdischen Frauen auf seiner letzten Tagung in Hamburg 1929 eine lehrreiche Aussprache über die Berufstjimschichtung des jüdischen Mädchens gepflogen. Wenn auch die amerikanischen Methoden, wie sie das Referat von Frau Polack schildert, auf deutsche Verhältnisse 190 i — -