Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1930
- Issue
- Nr. 10 - Oktober
- Date
- 1930-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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aus der Ferne ihr Brot holt, jetzt in die uns so vertraute Aerztin verwandeln. Aber sie ist lebenstüchtiger, lebenstapferer, von Sorge freier als ihr kluger Mann, esdieth chajil, das Weib der Kraft, nicht der physischen aber der seelischen Kraft. Ihre Waffe ist eine seelische Stärke, die man sich nicht mit Anstrengung und mit Willenskraft nach Belieben schaffen kann, die man vielmehr als ein Geschenk Gottes erbitten oder hinnehmen muß. Ihre Ausrüstung für das Leben ist ein selbstverständliches, festes Gottvertrauen. Das Leben ist seitdem für die allermeisten Menschen gewiß nicht freier von Sorgen geworden. Die Not hat im einzelnen ihr Antlitz gewandelt, manche Geißel, von der die Menschheit früher getroffen Wurde, ist uns nur noch vom Hörensagen, aus der Kriegszeit odet* aus entlegenen Ländern bekannt, so die gefürchtete Hungersnot, um deren Abwendung unsere Gebete bitten. Dafür sind Wirtschaftsdenken. Von Richard Levinsohn. In den Monaten nach der Revolution, als die Woge des Antisemitismus hochging, hörte ich in einer Studentenversammlung das Wort: »Zwischen jüdischen Bankiers und jüdischen Rechtsanwälten wird das deutsche Volk zerrieben.e Der forsche junge Herr meinte mit den Rechtsanwälten offenbar die sozialistischen Politiker Liebknecht <den er selbstverständlich für einen Juden hielt), Haase, Paul Levi, Landsberg. Er war. auf seine geistreiche Formulierung sichtlich stolz und -fand auch bei den Zuhörern lebhaften Beifall. Hier hatte man in einem Satz alles beisammen, was man den Juden an Bösem nachsagen konnte. Kapitalist zu sein, war in den Augen dieser Versammlung ein Verbrechen, und Sozialist zu sein ein noch schlimmeres. Die Juden aber hatten beides auf dem Kerbholz. Sie waren Kapitalisten und Sozialisten zugleich. Sie beteten den Mammon an und wollten trotzdem der kapitalistischen Wirtschaft ein rasches Ende bereiten. Von welcher' Seite her man auch ihr Vorgehen betrachtete: sie waren Missetäter, sie waren halt — Juden. Keinem der jungen Akademiker fiel bei der Antithese vom jüdischen-Kapitalismus und jüdischen Sozialismus ‘auf, daß es' eben eine einheitliche jüdische Grundanschauung über das Wesen und über die Form der Wirtschaft nicht gibt. Weder 4 der Kapitalismus, noch der Sozialismus ist ein jüdisches Dogma. Tatsache ist freilich, daß diese neue Heimsuchungen gekommen, die den Alten unbekannt waren,' unter ihnen als schlimmste die große Krankheit unsere - Tage, die Erwerbslosigkeit. Wirtschaft und Politik versuchen, was in ihren Kräften steht, um sie :u bannen. Daß ihr Erfolg gering ist, erfahren wii seit Jahren Am sdtwersten empfinden wir es gerale jetzt, in den Tagen, da die politische und die \ wirtschaftliche Krisis sich vereinigen. Ihre UeberWindung ist für den Einzelnen unter anderem’ auch?in religiöses lind seelisches Problem ersten. Range i. Sie wird uns gelingeo, wenn wir nicht nur leiblich, sondern auch seelisch die Enkel unserer Vorfahren sind, wertn jepes Gott vertrauen in uns lebt oder wieder auf lebt, das' aus der tapferen Fran des verzweifelten Priester- Arztes sprach, und las in einem alten Bibel« kommentar, der Medkilta, einen nojh kürzeren^ schlagenderen Ausdruck gefunden hat: jiDer den Tag geschaffen hat, hat ihm auch sein Brö# geschaffen.« beiden Prinzipien modernen Wirrschaftsdenkens am reinsten von Juden e itwjckelt worden sind. Daß die towensdiaftliche Durchdringung und Ausgestaltung des Sozialismrs das Werk des Juden Karl Marx ist, weiß jedem;ann. Aber weniger bekannt ist, daß auch der wirtschaftliche Individualismus, der liberale Kapitalismus seine wissenschaftliche Prägung durch einen Juden 'bekommen hat, durch den holländisdi. englischen Juden David Ricardo: Ricardos »Grundsätze per Volkswirtschaft und Besteuerung«, vor mehr als hundert Jahren erschienen, galten bis in das letzte Drittel des 19, Jahrhunderts hinein als die unumstößliche Wirrschaftsbibel. Die Wirkung, die von diesem Buch, ausgegangen ist, kann sich sehr wohl mit der von Marx' »Kapital« messen. Beiden Werben kommt,, obwohl siekeine Normen aufstellen, sondern nur Geschehnisse beschreiben, Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten aufzeigen, eine gewaltige ethische Bedeutung zu. Von Ricardo und von Marx leiten Millionen Menschen, vielfach ohne es au wissen, ihre Wirtsdiaftsmaximen h^r. Aus cfi :sen Fundgruben des Wissens. und der Erkenntnis stammen, in billige 'Scheidemünze umgewandelt, die Ansichten, die man in den Versammlungen, in den Zeitungen, im täglichen Gespräch hört und liest. " Will man aus den Lehren dieser beiden großen jüdischen Wirtschaftstlieoretiker eine 4 Komponente ziehen, so kann sie gewiß nicht im Inhalt, sondern 7» . 169