Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 11 - November
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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werde. Diesem Argument ist entgegenzuhalten, daß die gegenwärtige Wandlung des Konzerts selbst längst anerkannten Talenten nicht mehr die Möglichkeit gibt, das Risiko eigener Veranstaltungen zu tragen. Gerade durch diese unabänderlichen Vorgänge im Kunstleben wird es stärker als früher Pflicht der Bne Briß-Logen, nachdrückliche Propaganda für jüdische Tonkünstler von Können zu entfalten. Eine Pflkht, die voti^anderen Logen» verbänden, z. B. den Freimaurern', anerkannt und in die Tat umgesetzt wird. Wie eng und ergiebig der Zusammenhang zwischen« schaffendem Musiker und Loge sein kann, zeigt uns ^in berühmtes Faktum; Mozarts durch mehrere /Werke dokumentierte Teilnahme an der Logenarbeit des Freimaurerorden s> ' Eine seit langem zurückgetretene, in der Gegenwart <z. B. in den Veranstaltungen der (Baden-Badener »Deutschen Kammermusik«) wieder ja koalisierte Sitte könnte auch zu den guten Gepflogenheiten der jüdischen Logenverbände gehören; die offizielle Erteilung von Aufträgen. Mancher schaffende Tonkünstler, der an der Ungunst der Zeit zu zerschellen droht, bekäme neue;Impulse, wenn man ihm durch einen Auftrag zeigt, daß seiner Arbeit Beachtung geschenkt wird, und daß ihm Gelegenheit ‘zur , würdigen Wiedergabe seines Werks geboten ist. Auch die Erteilung von Stipendien an talentierte Musiker, sei es zu Ausbildungszwecken, 'sei es zur Herausgabe wertvoller Arbeiten, gehört in das Gebiet: Mdsikpflege der Logen. Wer in der Hoffnung,. seine wirtschaftlichen .Interessen fördern zu können, in eine Loge eintritt, verdient enttäuscht zu werden. Aber diese (gewiß richtige Auffassung vom. Sinn und Zweck der Logenideen braucht nicht in der Weise.negativ •ausgewertet zu werden, daß die Logenbrüder von der Wirksamkeit etwa eines pädagogisch tätigen 'Tonkünstlers keine Kenntnis nehmen. . Sie unterschätzen bei einer solchen Einstellung erheblich den ideellen Vorteil, den wieder die Loge har, wenn z. B. durch Kammermusik der verhältnismäßig leicht. in künstlerischen Kontakt zu bringenden Logenbrüder günstige Vorbedingungen für eine interne Musikpflege geschaffen werden. ’ Das erzieherische Moment aller Logenarbeit, die doch nach Möglichkeit auf die Familie übergreifen soll, [erführe so eine Vertiefung von besonderer Art. i Auf einem Gebiet des jüdischen Lebens hätten die Logen Möglichkeiten zur Einflußnahme, die bisher nicht im geringsten ausgenutzt oder auch nur erkannt worden sind: Einflußnahme auf die Gestaltung der Synagogen» m u s i k. Der Tempelgesang — so weit er sich nicht in strengkonservativem, nach der künstlerischen Seite hin kaum sonderlich Ausbaufähigen Formen . bewegt — befindet sich jetzt noch genau auf der Ebene, die ihm von kompositorisch befähigten, stilkuhdigen Männern wie Sulzer, Lewandowsky und wenigen anderen zugewiesen wurde. Keiner der bedeutenden, ini Judentum fest wurzelnden Tonsetzer der neuen Zeit hat den Ehrgeiz bekundet oder von außen her die Anregung bekommen, synagogale W e r k e für den gottesdienstlichen Gebrauch zu schaffen. Während die Mehrzahl der großen Werke der evangelischen und katholischen Kirche ihren Ursprung Aufträgen verdanken, haben wir Juden, nachdem ein gewisses, als ausreichend angesehenes Material vorhanden war,^ ohne viel den Wert oder Unwert der benutzten Kompositionen nachzuprüfen, der Tradition gehuldigt, die hier eben Erstarrung bedeutet. Die von den wenigen ernst zu nehmenden Tonsetzern vor mehr als 50 Jahren hergerichteten oder neu geschaffenen kantorälen undchorischen Gesänge sind in einer so begrenzten Menge vorhanden, daß ein Zuwachs an geeignetem Stoff, der künstlerischen Gehalt und jüdischen Geist besitzt, eine Notwendigkeit ist. Hier. wäre es also Aufgabe der Logenverbände, den Verwaltungsbehörden der Gemeinden als beratende und anregende Instanz .zur Seite zu stehen. Gerade sie können, ohne damit unmittelbaren Einfluß auf die praktische Gestaltung des Gottesdienstes zu beanspruchen, . zur Siebung des vorhandenen Melodiengutes und zur Veredelung der durchaus nicht auf einem Hochstand befindlichen Synagogenmusik beitragen. Der Weg zur Schaffung von geistlicher Musik' wäre wiederum der einer Auftragserteilung an begabte, mit den Stilbedingungen der Synagogenmusik vertraute Tonsetzer. Audi nachdrückliche Hinweise zur Mitwirkung in den Synagogenchören ließen sich noch zum Pflichtenkreis der Logen gehörig denken. * Alles,’ was die Loge als eine der berufensten Hüterinnen jüdischen Wesens für die Musikpflege tut, dient unmittelbar oder mittelbar ihrem eigenen, höchsten Ziel: den Juden emporzuführen in die reinen Bezirke eines von Seele und Geist befruchteten und zur Blüte gebrachten Menschentums. i