Mannheim
Compact Memory

Der Orden Bne Briss · 1929-10-01 · Nr. 10 - Oktober · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1929
Issue
Nr. 10 - Oktober
Date
1929-10-01
Page
[Seite] (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/6727475-6029145-6074800--2205-4868809
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

kraft des Vortrags begründet ist. Das jüdische Problem fehlt auch keineswegs in Schnitzlers Gesamtwert Melancholische Skepsis umwittert solche Werke wie das Drama .»Professor Bernhardi«, das trübe Zeitkönflikte in einen0 überlegenen, versöhnlichen Ausklang zu lösen sucht, und den Roman »Der Weg ins Freie«, dessen Titel ja <chon ein Programm, ein frommer Wunsch und eine ideale Forderung ist. — Die Skizze hat ihren Meister in Altenberg, dem Künstler der kleinen unc! kleinsten epischen Form, einer ihm eigentümlichen, liebenswürdig verspielten und doch nachdenklichen Grenzform, die zwischen Novelle und Aphorismus in zarter Schwebe ruht. — ..Erzählende Lichtungen hohen Ranges verdanken wir auch Raoul Quernheim e r , der durch die. Dichter djer ersten Reihe allzu stark verdunkelt ist: er hät ausgezeichnete Novellen geschrieben <*Der Gjeheimnis» krämer«, »Das Vermächtnis« u. a > — vpll Originalität der Erfindung, Flottheit des erzählerischen Rhythmus, seelischer Treffkraft, munterer Laune und witziger Ironie: kleine Meisterwerke itji graziös beschwingten, humoristisch-satirischen und jdoch nicht unernsten Genre. — Der Begriff »Jüdischeir Roman« verbindet sich unwillkürlich mit dem Namen Jakob Wassermann. Dieser Süddeutsche ist den OeSTerreichem nicht nur räumlich benachbart. Aber er ist dunkler, ernster, schwerblütiger, auc 1 bizarrer, zugleich leidenschaftlicher und verstandess härfer als sie, im Grundwesen also doch wohl noch jüdischer. Uebrigens ist er der geborene Erzähler, der Epiker in Reinkultur: eine jener eindeutigen Begabungen, die nicht recht begreifen können, wie iran etwas Anderes machen kann <wie etwa Ibsen nicht begriff, daß man auch Novellen und Romane schreiben könnte). Diese formale Eindeutigkeit könnte sein Menschen- und Dkhterbild verdeutlichen] wenn es nicht wieder durch andere sachliche Momente getrübt und verwirrt würde. Wassermann ist eiin Künstler von heiligem Ernst und tiefstem Verantwortungsgefühl, und es sind ihm manchmal ganz reine dichterische Werte gelungen — allerdings weniger in dem von ihm mit heißem Bemühen und erstaunlicher Fruchtbarkeit kultivierten Roman als in der Kurzform der Noyelle. Da gibt es einiges Außerordentliche von bleibendem Werte, wie »Sturreganz« und »Der Aufruhr um den Junker Ernst«. Es scheint, daß in der Kurzform Wassermanns Phantasie und Intellekt sich zu glücklicherem Gleichgewicht zusammenfinden. Vielleicht ist Wassermanns überscharfer Intellekt künstlerisch seine Gefahr und sein Verhängnis — das hindert aber nicht, den Ernst seines Wollens, die Stärke seines Könnens anzuerkennen. — Jüdisch in Art und Gesinnung, zym guten Teil auch im Stoff, islt der Roman Max Bröds. Auch im Epischen is: Brod außerordentlich fruchtbar, freilich auch ungleichmäßig und ungleichartig. ... Jedenfalls finde idt den ^»Reubeni, Fürst der Juden« ausgezeichnet., )Es Ist Brods bisher bester Wurf, menschlidi und dichterisch gleich stark. Diese Zustimmung und Bewunderung ist rein ästhetischer Art und hat mit dem- Parteiständpunkt nichts zu tun. | Brod ist Zionist loder steht doch der zionistischen Denkweise sehr 1 nahe. Jedenfalls ist es ein Werk von stärkstem jüdischen Interesse — bedeutend in Komposition, (Gestaltung und Idee. Verse verwandten Sinnes, aus der schönen »Hebräischen] Lektion«, klingen auf: »Dreißig Jahre alt bin, ich geworden, Eh' ich begann, die Sprache meines Volks zu lernen. Da war .es mir, als sei ich dreißig Jahre taub gewesen«. s, ammenlaufen, ». . A|us dem Grollen war Als klirre Wüste auf, Zus, Ein Späherpfiff, ein ganz vergessener Hörnerschall Und unsres alten Gottes Zuruf vom Gebirge.« Au< finden starke dort, wo die Epik nicht Hauptform ist, in der modernen.; jüdischen Produktion zählerische Werte. Stefan Zweig, ir der virtrose Essayist, hat sich auch als Epiker versucht — allerdings weniger in der extensiven Großfonn des Romans als in der intensiven Kleinform der Novelle. Doch seinem starken, zugleich dialektischen und systematische n Triebe schließen sich diese Ncwellengebilde zumeist pu Ketten und Kränzen zusammen, und so ergibt sich-in 'loserer Ftfgung und reicherer Lebendigkeit deih wieder ein großes Ganzes, der Romankomposition Angenähertes »Frühes Erlebnis«, »Amok, Novellen der Leiden Schaft«, »Verwirrung det Gefühle«die Tite deuten shon auf diese sowohl sachlich-psychologische wie formal-künstlerische Viel- Einigkeit. Zweig ist meisten neueren Oesterreich’er, auch al; wie die Erzähleij stark von Freud angeregt und schürf t mit Voniebe in die Zwischenjwelten’bewußtep un i unbewußten Seelenlebens hinjabi — Dichterisch-er» zählerischen Glanz haben a >er auch die beste l Essays Stefan Zweigs, wie besonders seine letzte i Darstellungen Casanovas, Stendhals und Tolstoi :, der »drei Dichter ihres Leöens« <in. recht verschiedener geistiger und; sittlicher Höhenjage fre« lieh). — Novelle und Essay durchdringen siih vollends glücklich in jenen deinen Arbeiten, de Zweig hnter dem Titel »Sternstunden der Mensd » heit« wiederum im Zeichen einer Idee zyklis h vereinigj hat. 'In knappen, starken' Reflexen sird hier hisforische Entscheidungsinomente eingefangei. i 197

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.