Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 10 - Oktober
- Date
- 1929-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Roman. Von Kurt Walter Gold Schmidt. on einem »jüdischen Roman« ist tftan nicht nur im stofflichen Sinne zu‘reden berechtigt — so sehr auch die Problematikdes jüdischen Stoffkreises die jüdischen und nicht-jüdischen Epiker, wie alledichterischen Gestalter, gereizt haben mag. Aber vor allem ist es doch .die jüdische' Eigenart, die auch dieser Gruppe von Autoren und Werken das Gepräge gibt. Wie in Lyrik und Drama, hat sich auch auf epischem Gebiete die jüdische Produktivität in reichem Ausmaße und hohen Leistungen aus* gewirkt. ' » Wie der starke Subjektivismus des jüdischen Geistes, die Fülle und Besonderheit des Innenlebens zum lyrischen Gefühlsausdruck drängt, wie die kämpferische Spannung im äußeren und inneren Dasein des Juden sich in dtn Ballungen und Lösungen des Dramas entlädt — so weist ihn äußerer Stoffreichtum und innere Problematik ^aiich auf die zugleich breit ausladende und scharf nadispürende epische Kunstform hin. So ist es begreiflich, daß wir neben jüdischen Lyrikern und Dramatikern, auch Kritikern und Denkern, nicht minder zahlreiche und bedeutende jüdische Erzähler haben. Vom jüdischen Roman und Romandichter soll also hier die Rede sein — in ganz großen Zügen, wie es ja Stoffülle und Raumknappheit gebieten. Doch braucht dies wohl nicht auszuschließen, daß auch die epische »Kleinform«, die Novelle, ja sogar die Skizze, gelegentlich gestreift wird. Um epische Kunst, die Kunst des Erzählers, handelt es sich ja hier, wie sie innerhalb des modernen Judentums in mancherlei Spielarten gedeiht. Der Roman ist ja nur die breiteste, verwidceltste und vor allem p o p u l ä r s t e , w-ell^ bunteste und unterhaltsamste epische Kunsrform, aber nicht die unbedingt reinste und höchste — dje Novelle kann ihm an künstlerischer LauterkeiF und Geschlossenheit voranstehen. Auch Nicht-Juden hat natürlich die jüdische Stoff- und Problemwelt gereizt. Unter den Neueren hat sich etwa Hermann Bahr in dem Roman »Die Rotte Korah« mit dem Problem des modernen Judentums auseinandergesetzt und verhältnismäßig unparteiisch Licht und Schatten verteilt. Aber hier interessiert uns doch eben der jüdische Epiker und keineswegs nur, soweit er jüdische Stoffe behandelt. Die Neublüte deutscher und auch deutsch-jüdischer Dichtung tritt ja zum guten Teile gerade im Roman und überhaupt in der Epik zutage, und wir haben allen Grund, uns auch hier, ganz unabhängig vom Stofflichen, des Gestaltungsreichtums und der Formkraft des jüdischen Geistes zu freuen. Immerhin liegt es nahe, daß gerade der moderne Jude, der so stark Problematiken ist und es im Guten und Bösen noch auf lange hinaus bleiben düifte, sich auch als Dichter und Denker immer wieder in Stolz; Schmerz und Zweifel auf sich selbst zurückgewiesen fühlt. Nicht so sehr auf sich als Individuum — als vielmehr auf den Typus, das Produkt aus Rasse, Zeit und kultureller Umwelt. Hier hat sich eine Art von jüdischem Mythos herauskristallisiert, in detji Historisches und Modernes mehr oder minder zusammenfließt. Aus einem solchen überzeitlichen Blutzwang heraus hat schon Heine in jenem wundersamen Fragment vom »Rabbi von Bacharadi« »gewaltig den tausendjährigen Schmerz beschworen«. Doch auch hier, in epischer Erweiterung, spricht doch vor allem der große Lyriker, ynd so liegt denn Kraft und Wert dieser Dichtung insbesondere im Lyrischen, im Atmosphärischen der Stimmung, im Musikalischen des Gefühls .... Stoffliches dieser Art, dem doch das Seelische und Dichterische so stark eingebettet ist, verfehlt seine Wirkung nicht. 1 Wir erinnern uns wohl alle noch, daß wir vor Jahren und Jahrzehnten Karl Emil Franzos' Schilderungen der ostjüdischen Ghettowelt mit reger Teilnahme und Ergriffenheit gelesen haben. . . . Rein stofflich führt hier zwanglos eine Brücke zu einem Neueren, der ebenfalls jener Welt des Ostjudentums, wenn auch in einem ganz anderen und tieferen Sinne, zugewandt ist — zu Martin B u b e r, dem Erneuerer chassidischer Mystik, der doch auch als Erzähler die tiefsinnigen Legenden des Bal-Schem, die mystischen Erleuchtungen des Rabbi Nachman wahrhaft dichterisch nachempfunden und neugestaltet hat. — Im leichteren Genre hat etwa Gronemann in seinem amüsanten Roman »Tohuwabohu« den Humor dieser Welt und ihrer Menschentypen gestaltet. — Dem modernen Lesepublikum — und der Roman ist ja so ziemlich die einzige literarische Kunstform, die noch ein großes Publikum hat — sind gerade erzählende Werke mehr als nur Schall und Rauch. Von seiner Gunst getragenf, haben sich Formen wie die der psychologischen Novelle zur Vollkommenheit entwickelt. Von früheren Schöpfungen ’ dieser Art ist uns.etwa noch Schnitzlers »Leutnant Gustl« als Meisternovelle in Erinnerung/ heut haben Novellen wie »Fräulein Else« und i die »Traumnovelle« starken Erfolg, der ebenso in der psychologischen Zugespitztheit wie in der Spann» 196