Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 10 - Oktober
- Date
- 1929-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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in dem sein Judentum wieder erwacht, wandert in seine Heimat als armer Pilger zurüdc. Audi hier scheint mir freilich, ist die dramatisch sehr schon stilisierte Wirklichkeitswelt des Bischofs weit überzeugender gestaltet als die. überirdische. Die mystische Bekehrungsszene des Baalschem ist leider die schwächste des Stücks. Auch von den Bühnendichtern jiddischer Sprache haben verschiedene in die Wunderwelt der diassidischen Legende gegriffen. Sehr bekannt ist ja durch Aufführungen in jiddischer, deutscher und schließlich in hebräischer Sprache der » D y b u k « von A n s k i geworden Die Stimmung der alten östlichen, vom Wunderglauben durchsetzten Judenwelt ist hier auch zweifellos sehr stark. Lieber den geistigen Rang freilich, den ein solches Motiv: Besessenheit durch böse Geister und richtige Tjeufelsaustreibung, einnimmt,' vermag ich nicht hoch zu denken. Sehr viel tieferer Sinh steckt in einer chassidischen Legende, von deren Dramatisierung Anski nur ein Fragment hinterlassen hat, die jetzt aber gleichzeitig von zwei Autoren in deutscher Sprache bearbeitet, fertiggestellt und der Oeffentlichkeit übergeben . worden ist: Arthur Sakheim: »Der Zaddik« — Arno Nadel: »Die Pestc. Es handelt sich um einen wundertätigen frommen Rabbi, der-heidnische Greuel bannen will,* die nächtlich in einer Mühle vor sich gehen und an der Pest schuld sein sollen, die die Gemeinde heimsucht. Der heilige Mann muß aber die Entdeckung machen, daß er in einer merkwürdigen Art Bewußtseinsspaltung selbst Anführer bei dem Greuel in der Mühle ist. Eine Art Erklärung ergibt sich, als der Rabbi vQn seiner sterbenden Mutter erfährt, daß er nicht der Sohn des heiligen Mannes fet, der im Pogrom umkam, sondern von dessen Mörder stammt, der der Mutter Gewalt antat. Der Rabbi findet schließlich Sühne und Erlösung durch freiwilligen Tod. In dieser geheimnisvollen Zwiespältigkeit eines mit edlem Sinn strebendenl Mepschen scheint mir jedenfalls mehr Bedeutung zu stecken als in der Teufelsaustreibung des »Dybuk«. Jedenfalls ist bei diesen Motiven aus .der neueren jüdischen Mystik der Zusammenhang mit den spezifisch jüdischen notwendiger und tiefer als bei den meisten der biblischen Dramen, deren es gerade während der letzten Jahrzehnte wieder sehr viel gegeben hat. Aber die Bibel, das müssen wir uns klar halten, gehört seit mehr als einem Jahrtausend zum Phantasiebesitz der abendländischen Völker/ ihre Mythen sind vertraute Träger allgemein menschlicher Probleme, und die Dichter, die einen Moses, einen Simson oder einen Saul zu Helden nehmen, verbinden damit so wenig Bewußtsein vom eigentlich Jüdischen, als ob ihre Helden Herkules, Siegfried oder Artus hießen. Ich rede vom Bewußtsein, denn in der geheimen Unterströmung muß doch wohl ein Bezug zu dem jüdischen Geist, der einst diese Gestalten geschaffen hat, dasein, wenn einem Dichter für seinen dramatischen Ausdruckswillen alttestamentarische Motive wichtig werden. — Für das Bewußtsein ist selbst der »Jeremias« von Stefan Zweig zunächst nur das Gleichnis eines tiefer blickenden und tiefer fühlenden Menschen,'der um seinen prophetischen Friedenswillen von allen gehöhnt und verfolgt wird. Erst die Schlußapotheose bringt die vom Krieg geschlagenen Juden, die aus dem zerstörten Jerusalem nun in alle Welt wandern, in einen auch inneren Zusammenhang mit der jüdischen Idee. — Um das Problem des Judentums rätselt auch das Max Brod'sche Bühnengedicht eine »Königin "Esther« herum, und berühmt <in hebräischer Uebersetzung auch in das Repertoir der »Habima« aufgenommen) ist ja »Jaacobs Traum« von Richard Beer1-Hof mann. Die Dichtung ist als Prolog einer David - Trilogie gedacht, von der wir noch nichts besitzen / und wie sie in diesem Zusammenhang einmal aussehen wird, kann noch niemand sagen. Was wir heute haben, ist eine dramatisch starke Eingangsszene, die zwischen Rebecca und Esau spielt, dann der Zusammenstoß der beiden Brüder, des naiv kraftvollen Jägers und des vergeistigt Zartem Darauf aber wird in großzügiger und ganz undramatischer Allegorie der Traum Jaacobs gegeben, in dem die Berufung des Judentums verkündet wird : Leidvoller Träger des göttlichen Gedankens durch die Welt zu sein. In .der großen Rhetorik dieses Vortrags kann man dies geistig bedeutende Szenengedicht kaum noch ein Drama nennen. Hier ist Sinnverkündung statt Darstellung eines sinnhaltigen Lebensprozesses. „ Nahezu entgegengesetzten Ursprungs ist die Schwäche des viel diskutierten Dramas von Franz Werfel, das nicht mehr auf biblischer Tradition, zum mindesten nicht nur auf alttestamentarisdier aufbaut, sondern die große historische Krise des Judentums darstellt, in der sich das Christentum ablöst. »Paulus unter den Juden« hat im Gegeneinander von Römern und Juden, von jüdischen Sekten aller Art, von Judenchristen und paulihischem Weltchristentum dramatische Bewegung genug und die letzte und höchste Szene, in der der jüdische Weise Gamaliel vergeblich um‘die Seele seines' Paulus ringt, ist sicher von großer Spannung. Aber alles bleibt kühl, bleibt bloß fn-