Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 9 - September
- Date
- 1929-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine besondere Freude bereitete mir die kunst» freundliche Gesinnung eines Logenbruders, J. Gusow» ski, der ein Bronze-Exemplar der Entwurfsbüste auf hohem dazu passenden Holzpostament stiftete zur Aufstellung in der Aula der Jüdischen Knabenschule in der Großen- Hamburgerstraße, so daß also m$tn Entwurf im kleinen nun auch dort eine Stätte gefunden hat, wo er ursprünglich zur großen Ausführung geplant war. Soweit das bisherige Schicksal meirjer Mendelssohn-Büste. ■ Die Idee der Religion bei Lessing und Mendelssohn. <Aus einem Vortrag von. Ernst Cassi Prof. Dr. Ernst Cassirer, der derzeitige Pektor der Universität Hamburg, hielt am 21. April 1929 vor den U.O.B.B. - Logen in Hamburg und' der dortigen Gemeinde einen Vortrag, dessen Gedankengang wir im folgenden, kurz wiedergeben. tDer Vortrag ist unverkürzt veröffentlicht in der „Festgabe zum zehnjährigen Bestehen der Akademie für die Wissenschaft des Judentums". Akademie-Verlag, Berlin,1929). Tenn man nach dem Sinn der geistigen Gemeinschaft fragt, die zwischen Lessing und Mendelssohn bestanden hat, so Ist es zunächst dasGe* biet der philosophischen Ästhetik und der literarischen Kritik, das den Bfjck auf sich zieht. Dieses Gebiet behandelt auch hauptsächlich der Briefwechsel zwischen den beiden Freunden. Selbst als Lessing seit langem das Gebiet der ästhetischen Kritik mit dem der religiösen Kritik vertauscht hatte, findet sich im Briefwechsel mit Mendelssohn kaum ein Hinweis auf religiöse Fragen. Hat das Problem der Religion im geistigen Verkehr zwischen beiden eine wenig bedeutsame Stelle eingenommen, oder gilt vielleicht das Gegenteil: — tritt das religiöse Problem nur deshalb zurück, weil hierüber zwischen beiden ein ruhiges und sicheres Einverständnis bestand? Daß es im wesentlichen ein und'derselbe geistige Typus der Religion ist, den Lesrsing und Mendelssohn vertreten, muß nach dem »Milieu«, aus dem beide kommen, fast wie ein Wunder erscheinen, das nur das Jahrhundert der Aufklärung zu zeitigen vermochte. Der Zögling des protestantischen Pfarrhauses und der Jünger des Talmud und des Maimonides finden sich in der gleichen Gesinnung und in einem gemeinsamen reformatorischeh Streben zusammen. Die neue AufFassung von der religiösen Wahrheit, zu der Lessing und Mendelssohn durch» dringep, hätte nicht entstehen können ohne' die Analyse des Wahrheitsbegriffes, wie sie in der Leibnizischen Philosophie dufchgeführt worden war. Leibniz hatte die reinen Vernunftwahrheiten den Tatsachenwahrheiteh, die ewigen Wahrheiten den zeitlichen Wahrheiten, die" notwendigen Wahrheiten den zufälligen Wahrheiten gegenübergestellt.Welcher Art derGewißheit gehören nun die refigiöseErkennt« nis und der religiöse Glaube *an? Ruhen sie auf einem zeitlos »rationalen oder einem zeitlujihisitoristhen Grunde? Lessing spricht eine Grundüberzeugung seines philosophischen Zeitalters aus, wenn er in den »Literaturbriefen« sagt, daß alle unsere Empfindungen von Gott für sich allein zur Begründung der Religion nicht hinreichen, sofern sie nicht zugleich die Probe des vernünftigen Denkens bestehen. Wenn die Religion einen metaphysischen G e h a 11 in sich birgt, so kann doch ihrfe Fo^rm niemals bloß-metaphysisch sein. D^r Glaube geht nicht ‘unmittelbar auf eine bestimmte Lehre, sondern er geht auf das Dasein uijd die Wirklichkeit der Lehr er, der Religionsstifter und Religionskünder. Die Religion beruht auf der Voraussetzung, daß i m Zeitlichen das / Evige sich in bestimmten, begrenzten zeitlichen Erscheinungen offenbaren könne. Ist eine solche Einheit des Ewigen und des Zeitlichen überhaupt möglich? Lessing hat dieses Grundproblem mit unübertrefflicher Klarheit formuliert: »Zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von not-' wendigen Vernünftwahrheiten nie werden.«; Drei Möglichkeiten lassen sich denken, das Rätsel zu lösen, das Lessing hier in solcher Schärfe stejllt. Der eine Weg ist der des orthodoxen theologischen Systems, das durch einen Machtspruch des Glaubens einem zeitlichen PhänomerJ eine ewige Bedeutsamkeit und Gültigkeit verleiht. Lessing und Mendelssohn sehen mit der gesamten Philosophie der Aufklärung in diesem System das Musterbeispiel eines logischen Zirkels: muß doch diej Offenbarung auf die Bibel oder die Kirche uncjl die Heiligkeit der, Bibel oder der Kirche ’ wiederum auf die Offenbarung gegründet werden. Für Mendelssohn besteht die Religion, ihrem reiii theoretischen Bestand und ihrer theoretischen Währheit nach, in der Selbstoffenbarung i der Vernunft. Sie erschöpft sich aber niemals in bloßer Lehjre, sondern eine ihrer wesentlichen Aufgaben besteht darin, das Leben des Menschen, sein Tun undj Handeln, zu durchdringen und zu gestalten. Die! Religion als Lehre wendet sich an den Menschen , 166