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Der Orden Bne Briss · 1929-09-01 · Nr. 9 - September · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1929
Issue
Nr. 9 - September
Date
1929-09-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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sendet; »Auch ich habe Kinder, die ich erziehen soll. Zu welcher Bestimmung? Ob im Sachsen» Gothaisdien bei jeder Durchreise ihren jüdischen Kopf mit einem Würfelspiel zu verzollen, oder irgend einem kleinen Satrapen das Märchen von den nicht zu unterscheidenden Ringen zu erzählen, weiß nur der, der uns all unsere Pfade vorgewiesen.« Um so bedeutsamer ist es, daß er bei diesen Klagen nicht stehen bleibt. Wie Mendelssohnalle Grund» Sätze seiner theoretischen Philosophie stets auf ein praktisches Ziel bezogen hat, so sucht er auch in den Briefen an seine Glaubens» und Leidensgenossen, diese immer wieder über einen unfruchtbaren Pessi» mismus hinweg zu tätigen Besserungsbestrebungen anzufeuern, und so tritt er auch selbst in Briefen an eihflüßreiche Männer oft genug mit Berufung auf die Gebote der Menschlichkeit und Aufklärung für die bedrängten Brüder ein. Der starke Lebensmut , des Juden und das Zukunftsvertrauen des Auf» j klärers klingen in diesen Briefen' kräftig ineinander und geben ihnen die Kraft ihrer Wirkung. Dieser Lebensmut läßt neben anderen Unvollkommenheiten des Daseins auch die Leiden des Körpers hinter; sich. Freilich spielen die Briefe oft genug auf die schwere Nervenkrankheit an, die das letzte Drittel seines Lebens beschattete, aber die seelische Kraft, die ihm den eisernen Willen zur Gesundung und eine ungewöhnliche Stärke im Entsagen eingab, durchleuchtet auch diese schmerzlichen Bekenntnisse, #■ * * * Eine ganz andere Welt umfängt uns inden außerordentlich reizvollen Blättern, die der Bräutigam Mendelssohn an seine Braut Frontet Gugenheim richtete und die in der neuen Jubiläumsausgabe der Werke Mendelssohns zum ersten Male einer weiteren Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Gewiß: auch in sie geistert schaltend das Mühen um das Bürgerrecht in Preußen hinein,- auch in sie bringen Abmachungen und Verträge die dunklen Farben! der harten Wirklichkeit. Sieht man davon aber ab, so stellen diese Briefe, in ihrer jüdisch » deutschen Sprache und-Schrift, in der leichten Tönung durch einen jüdisch-traditionellen Stil ein rechtes jüdisches Rokokoidyll dar. Die anmutige Frontet, ihre Lektüre, ihr Unterricht im Französischen, ihre Freundinnen, ihre .Geselligkeit, ihre Brautgeschenke — afl das i wird in dem gleichen graziös spielenden Frauen» zimmertone abgehandelt — vomdern Manne, der zu : gleicher Zeit an der Preisaufgabe der preußischen Aka» demie über die Evidehz in metaphysischen Wissen» Schäften arbeitet und in kaufmännischer Korrespon» denz nach allen Gegenden der Welt die besonderen Schwierigkeiten der Kriegszeit zu meistern har,. der ' zu gleicher Zeit für die Literaturb^iefe bedeutsame Besprechungen liefert und in der großartigen Änempfindungskraft seines geistreichen Stils den skurilen und tiefsinnig vertrackten Briefen eines Hamänn in gleichem Tone zu erwidern weiß. Begreiflich genug, daß dieser Mann kein leidenschaftlicher Romeo ist. Aber ein zuverlässiges, von aufrichtiger Neigung erfülltes Herz wird durch all das Spiel hindurch sichtbar. Seit dem Erscheinen des »Phädon« <17(>7) bildet sich bei Mendelssohn ein Brieftypus heraüs, der sein eigentliches Vorrecht und Bereich werden sollte: der Brief des Ratgebers, des Beichtvaters. Wir denken dabei natürlich, nicht an den gelehrten Briefwechsel, den Mendelssohn, wie andere seinesgleichen, mit Männern wie Kant, Herd;r, wie Iselin, wie Zimmermann, wie Joh. David Michaelis führte. Solcher Gedankenaustausch zwischen gelehrten und hervorragenden Männern gleicter^ Zeit bietet nichts Ungewöhnliches. Mit dem »Phädon« aber war Mendelssohn über die r< in gelehrte1 Welt, hinausgedrungen, er hatte s ch die weiten Kreise der Gebildeten und ntth Bildung Strebenden erobert. Er war von nun an der »deutsche Sokrates« des Zeitalters, der We se schlechthin, eine Art Beichtvater und Ratgeber für Angehörige aller Stände und Konfessionen geworden. Sie alle kamen zu Jhm, um in Geistds- und Seelennöten bei dem jüdischen Weltweisen sich Rat zu holen. Ob sich der philosophische LandedeL mann Herr von Platen um »Erläuterungen üfcfer Ihren unschätzbaren Phädon« soigt oder ob* der Oberförster Jung in Baruth wegen der Uebersetzujig einer Bibelstelle sich an Mendelssohn wendet, ob der Mönch Winkopp sich mit seinen Zweifeln an der Ewigkeit der Höllenstrafen zu Mendelssohn flüchtet oder der katholische Medizinstudent Pauliis Best aus Köln die Probleme der Sexualität nicht mit seiner Weltanschauung in Einklang zu bringen vermag, ob der junge dänische Staatsmann, Nationalökonöm und Philosoph *Aug. v. Hennings seinen übertriebenen Aufklärungsfanatismus in pathologisch gereizten Ausbrüchen vor den in seiner Geduld nie ermattenden Weltweisen bringt oder ob die Kurländische Pfarrerstochter Sophie Becker ihre Gewissensnot um die Vereinbarkeit der Vernunftreligion mit ihrem Kinderglauben zu ihm trägt — ihnen allen wußte er in Briefen, die von dem Licht; der Deutlichkeit, der Wärme eines menschlichen Herzens und nicht zuletzt der tiefen Weisheit leid * erfahrenen jüdischen Wissens durchdrungen waren, zu raten ür>d zu helfen. In diesen Briefen is: Persönlichkeit, Gehalt und Stil eins geworden. Sie sind der höchste Ausdruck der einmaligen und ein* zigartigen Erscheinung, die Moses Mendelssohn hielV, — ibo —

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