Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 9 - September
- Date
- 1929-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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sophen, der ein schlechter Jude ist. Auch dieser Irrtum — MendelssohrJ war nämlich kein schlechter Jude, und die Berliner Jüdische Gemeinde, die Mendelssohn ehrt, inftem sie ihn von allen Abi gaben befreit, stattet «jlamit den Dank für manche Bemühung um sie und um jüdische Dinge über« haupt ab — ist „interessant: die Berliner maßgeb» liehe Gesellschaft war kirchlich uninteressiert, und wo sie Mendelssohns Stellung zum Judentum und* sein Festhalten an dessen Gebräuchen kannte, da versuchte sie, es sich etwa so zu erklären: »Habe ich Ihnen denn nichts von Moses Mendelssohn gesagt? ... Er ist ein Mann voft der größten Redlichkeit und dem fernsten und lehrreichsten Um» gange, von allen Menschen, geliebt1 und geehrt/ übrigens aus Liebe zur Ruhe und zurti Wohlstände dem Ansehen nach ein sehr orthodoxer Jude « <Aus einem zeitgenössischen Brief.) .1 Man könnte nun vielleicht einweiffen, daß auch in anderen deutschen Städten Menschen von solcher Gesinnung lebten, die Sich Mendelssohn nicht ver« schlossen hätten. Das soll zugegeben werden, man braucht nur an Leipzig |zu denken, und doch nahm Berlin eine Sonderstellung ein. In Berlin herrschte die Aufklärung unbestrittener als sonst, sie herrschte dort 'd e u 11 i di e r als anderswo, weil ihre Berliner Fc^rm so stark theoretischen Charakter hatte (der Dichter Lessing ist nuij Beweis dafür) und schließlich, und das ist äußerst Richtig, sie war nirgendwo so gut »organisiert «i wie in Berlin: der junge Mendelssohn, der schriftstellerische An» fänger, fand in Berlin leicht eine Plattform, wo er sprechen konnte, und was ebenso wichtig für ihn war, einen Kreis, in dem er lernen konnte: den Klub. In dem »gelehrten Kaffeehaus« trafen sich Gelehrte und Künstler, man spielte Billard, las die ausliegenden Zeitungen, diskutierte, die einzelnen Mitglieder lasen eigene wissenschaftliche Abhandlungen vor. Mendelssohn schrieb für die Gesellschaft seine »Gedanken von der Wahrscheinlichkeit«/ aber, er war damals noch so schüchtern, daß er sich nicht getraute, sie selbst vorzulesen} erließ sie alsb vörlesen, aber im Anschluß daran entwickelte sich eine literarische Fehde mit den berühmtesten Gelehrten: welche Chance für den jungen Philosophen! Mendelssohns weitere Entwicklung in ihrer Beziehung zu Berlin darzusteifen, das hieße, seine Wirksamkeit und seing Erfolge überhaupt schildern/ von gelegentlichen Geschäfts- und Erholungsreisen abgesehen, hat er Berlin nicht verlassen. Aber ein Prinzipielles bleibt noch einmal zu erwähnen. Nur in Berlin, das ist schon gesagt worden, konnte Mendelssohns Wirksamkeit so umlassend und seine Berühmtheit so weitreichend werden., In Berlin aber als Schriftsi still für sich war damals durch Berlin eb :hso aufzuweisen hafte tragung in sein Und dazu kam, und daß die Zeit Iler mit »literarischer Reputation« ohne Repräsentation zu leben unmöglich wie «heute. Wer wollte den berühmten Mann gesehen und lieber noch gesprochen haben/ der literarisch Interessierte, der selbst keinerlei Verdienste glaubte mindestens eine Ein* tammbuch verlangen zu dürfen, laß Mendelssohn Kaufmann wpr für wissenschaftliche Arbeit, nür nebenher freizutiiachen war. Diese lästige Folge der Berühmtheit, pie Ueberhäufung mit bedeutenden und nichtigen Anträgen, die große und kleine Fremde an ihn richtetenf und die Furcht sich so zu verzetteln, haben Mendelssohn mit. dem .Gedanken spielen lassen, Berlin zu verlassen und sich an einem kleinen Ort niederzulassen und" dort ganz der wissenschaftlichen Arbeit zu leben. An den jungen Freund lAbbt, der damals in Bückeburg Konsistorialrat uar,_ schreibt er 1766: »Nachdem ich lange Zeit über die Bestimmung des Menschen überhaupt nachj edacht, schien es mir endlich auch einmal Zeit, auch an die meinige besonders zu denken. Ich gl« ube nicht, daß ich's noch lange zu Berlin machen werde. Sie haben gesagt, um große Dinge zu beginten, müßte man so was tun, was kleinen Geistern Torheit scheint. ' Ich finde mich . ziemlich zu so was fähig, das einer Torheit ähnlich sieht. Ich bin n illens, mich aller Geschäfte zu entsdilagen, und ajn einem kleinen Orte, wo möglich, mir selbst zu leten. Ich kann mir etwa aaf drei oder vierthalb Hundert Taler Zinsen von meinem Vermögen Rechnung inadien. Ich müßte mich sehr betrügen, wenn ich nicht jährlich auf 150 Reichs« taler^ Nebenverdienst rechnen könnte.. Sollte es nicht in dortiger Gegend einen. Ort geben, wo' ich mit meiner kleinen Familie von 400 Talern jährlich leben kann? Abe r dieser Ort müßte auch folgende Erfordernisse nalen: 1. Es müßten bereits einige, aber nicht vi^le jüdische Familien da wohnen. 2. Ich müßte mit wenigen Unkosten herrschaftlichen Schutz da bekommen können. 3. Der Ort müßte nicht ganz leer von Literatur sein, wenigstens die Bequemlichkeit haben, daß man von den Neuigkeiten in der gelehrten Welt Nachricht bekommen könnte. Vielleidt wissen Sie, lieber Freund, i in oder um Büdcebuig einen Ort, der alle diese Eigen-' schäften verbinden Ist etwa Güttingen von dieser Beschaffenheit zwarj so eilig nigstens noch Ich muß indessen sonst schiende Das wäre ein Paradies. Es ist ebejn-nicht damit, "denn ich muß we» oder zwei Jahre allhier aushalten. anfangen, darauf bedacht zu sein, eine Jahre so nacheinander hin und, ein m m am Ende halie idi weiter nichts getan als vegetiert.« 157