Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 9 - September
- Date
- 1929-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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philosophische Abhandlungen in einer Sprache lesen konnten, die sie Wahrhaftig verstanden und zu deren Lektüre sie nicht erst wieder eines Kommentars und einer Umwandlung in die eigene Umgangssprache bedurften'' . Man könnte beinahe sagen: der Jude Moäes Mendelssohn habe nicht bloß den Juden, sondern auch den Christen deiner Zeit die deutsche Sprache wiedergegeben. Aber wenn er diesen letzteren zugleich den Blidt für den Wert der eigenen Kultur mit öffnen half, so hat er seinen Glaubensbrüdern gegenüber für diese Wertung doch viel mehr geleistet. Er legte der jüdischen Kulturwelt fortan die deutsche zugrunde er führte die Juden der ganzen W.e 11 zur allgemeinen Kultur zurück, indem er ihnen das Tor zur deutschen Kultur eröffnete, und es isr sem Verdienst, daß die Entwicklung des neuzeitlichen Judentums i n de r gesamten Welt aus der deutschen Kultur hervorgegangen ist, auf ihr sich aufbaute und noch heute auf ihr ruht. Jüdische Kreise um ihn waren es, bei denen die großen Heroen der deutschen Philosophie und Literatur zuerst volles Verständnis fanden,- mit der Verbreitung deutscher klassischer Schriften begann die Aufklärung unter den Juden des Ostens und des Westens, und an der Forschungsmethode der neuen deutschen .Wissenschaft rankte si<h auch die neue jüdische Wissenschaft empor, deren Mutterland die deutsche Judenheit gewesen und geblieben ist. Wir deutschen Juden haben diesen Mendelssohnschen Geist des Verständnisses und der Einschätzung der deutschen Kultur für unser ganzes Geistesleben auch wieder als e t w a s Selbstverständliches .übernommen. Uns heute ist die klassische deutsche Kultur ein unablösbares Teil unseres Denkens und Fühlens und steht in keinerlei Widerspruch und Gegensatz zu all derti Innerlichen, das unser Judentum uns gibt. Was heutzutage freilich so oft als deutsches völkisches Wesen sich ausgibt, ist uns ebenso fremd, wie es einst Lessing und Mendelssohn und ihren Freunden fremd gewesen ist, es liegt so tief unterhalb jener klassischen Kulturhöhe, daß es unseren Blick nicht trüben,. unsere Weitsdiau nicht einengen, unsere Empfindungen für das, was ewig echt und wahr an einer Kultur ist, nicht irre machen kann. Mendelssohns Verbundenheit rpit allem, was wahrhaft klassisch deutsch ist, bleibt in uns deutschen Juden immerdar lebendig, und wenn auch alle außerdeutschen Juden zu ihm voller Verehrung emporschauen, so müssen sie und können gar nicht-anders als anerkennen, daß sie niemals den Weg zur Welt derBildung und Kultur in ihren eigenen Ländern gefunden hätten, Wenn nicht der große deutsche Jude ihnen durch die Pforte der deutschen Kultur vorangeschritten wäre. So hat er aber auch den Weg zur bürger- liehen Freiheit der Judenheit der ganzen Welt erschlossen. Deutschland war freilich nicht das erste Land, das seinen jüdischen Bewohnern die bürgerlichen Rechte gab. Es hat lange genug gedauert, bis endlich diese zuerst von Mendelssohn und seinen christlichen und jüdischen Freunden erstrebte »bürgerliche Verbesserung der Juden« zustande kam, und man kann ganz gewiß nicht diejenigen als große deutsche Kulturträger bezeichnen, die auch heutzutage noch keine andere deutsche Kulturarbeit leisten, wollen, als diesen häßlichen Flecken der Unduldsamkeit am deutschen Gewand immer wieder mit frischen Farben zu erneuern. Mendelssohn selber hat unter dem Gegensatz zwischen seinem bürgerlichen Wollen und seiner tatsächlichen, bürgerlichen Stellung schwer genug gelitten. Aber gerade aus diesem Gegensatz heraus stammen die Grundsätze, die er für die Erlangung der bürgerlichen Freiheit gewonnen und uns überliefert hat und zu denen auch w i r uns noch immer aufs allertreueste bekennen, nämlich: Freiheit im Staate nicht als eine jüdische Forderung, sondern als eine Forderung des Menschenrechtes und der Menschenwürde, bürgerliche Freiheit nicht für den Preis religiöser Opfer, auch nicht unter dem Namen der Duldung, der zu. seiner Zeit so vielgepriesenen Toleranz, sondern Freiheit uneingeschränkt und vorbehaltslos, Freiheit um des Gewissens und der Ueberzeugung halber und endlich Freiheit nicht den Juden zu Nutz, sondern um des Staates selber willen, dessen Wohl und Gedeihen nur auf der gleichmäßigen Heranziehung und gleichberechtigten Mitarbeit aller seiner Bürger beruhen kann. So forderte schon Mendelssohns Freund Dohm in der von beiden gemeinsam bearbeiteten, ersten Emanzipationsschrift die bürgerliche Freiheit der Jucken, so hat Mendelssohn selber io seinem Jerusalem, dem Staate gegeben, was des Staates ist, aber auch von ihm verlangt, daß er dem Bürger gebe, was des Bürgers ist, deni Menschen gebe, was des Menschen ist, und vor allem Gott gebe, was Gottes ist: nämlich Freiheit des Gewissens, Freiheit des Glaubens, Freiheit des Lebens. ■! Von. diesem politischen Aspekt aus begreift sich auch am besten die Theorie der Religion und insbesondere des J udentums, wie sie Mendelssohn in seinem Jerusalem aufstellti: / denn sie war im Grunde aufs stärkste durch diese 152