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Der Orden Bne Briss · 1929-09-01 · Nr. 9 - September · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1929
Issue
Nr. 9 - September
Date
1929-09-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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ein kostbares Schaustück, eine Rarität, eine Sehens* Würdigkeit, die man wirklich gesehen haben mußte, wenn man selber etwas gelten wollte. Jude und Europäer, Jude und Deutscher, Jude und Denker, Jude und Schriftsteller, Jude und Welt* weiser, dieses »und«, j diese ungewohnte Verbindung wirkte wie ein!Wunder und viel stärker zunächst auf die Umwet als auf die jüdische Welt ^Daß Moses Mendelssohn auch in die Tiefe wirkte und nicht oloß ein Kultur m e n s c h , sondern auch ein Kultur träger und Kultur* förderer und Kultur f ü h r e r gewesen ist, haben zu seiner Zeit natürlich nur die wenigen erkannt, die seines Qejstes waren und seinen Einfluß an sich selber verspürten. Und ebenso natürlich ist es wiederum, daß wir heute diese Tiefenwirkungen viel besser zu schätzen wissen, als es die bloß naiv staunende Bewunderung seiner . Zeitgenossen vermochte. Wir haben für jenes Staunen gar kein Verständnis mehr. Daß ein Jude Glied der geistigen und kulturellen Umwelt ist, bedeutet für uns etwas ganz selbstverständliches ,• es ist so, daß seine Ablösung von der Umwelt uns geradezu als ein Unding erscheint. Die Einwurzelung dieser Selbstverständlichkeit verdanken wir Moses Mendels so h n. Es ist etwas Großes, daß all das, was ein hervorragender Mensch, als Höchstes erstrebt und errungen har, im Laufe der Zeit für die Seinigen zu einer Selbstverständlichkeit wird, die eines besonderen Einsatzes gar nicht mehr bedarf. Der Geist eines Moses Mendelssohn ist heute i n u n’s a 11 £.n lebendig. Selbst diejenigen unter uns, die in der Verbindung zwischen Judentum und Umwelt dem ersteren das Primat zuerteilen und nicht bloß ein jüdisches Volkstum, sondern auch einen eigenen selbständigen jüdischen Kulrurkreis hergestellt sehen wollen, denken nicht daran auf die Teilnahme des einzelnen Juden an der gesamten Kulturwelt zii verzichten und lehnen es durchaus ab, ihn in das geistige Ghetto des Mittelalters wieder zü bannen. Auch sie wollen jenes »und« nicht aufgeben, wenn sie auch jn der Gleich Wertung der beiden so verbundenen Teile mit Mendelssohn nicht einig gehen. Für ihn gab es in der Tat kein Primat des einen oder anderen Teiles. »So ganz Stockjude sein zu Wollen, geht schon nicht/ und ganz Nichtjude, geht noch minder«. Mendelssohns Weg führte heraus aus der Enge des stockjüdischen Kulturkreises, verlor sich aber ebenso wenig in jener Assimilation, die zwar gerade leider durch, die ihm nahestehen», den Kreise gepflegt wurde, jedoch von ihm und seinen wirklichen Anschauungen gänzlich wegführte. Für ihn bedeutete Judentum nichts Minderwertiges, nichts Unterwertiges, nichts Nebensächliches, nichts Gleichgültiges/ es stand ihm vielmehr ebenbürtig' und gleichwertig auf derselben Linie wie die Kulturwelt ringsum, zu der er sich und der gesahnten Judenheit zum ersten Mal seit Jahrhunderten den Zugang wieder erschloß. Er fand in seinem Judentum alle geistigen und sitnkfien Werte wieder, die er draußen in der neu erschlossenen Welt in anderer Beleuchtung entdeckte, und wenn er: diese Gleichwertung vielleicht nicht immer theoretisch, logisch, philosophisch bis ins kleinste hinein! als stimmend erweisen konnte, so bestand sie doch aufs stärkste in seinem jüdischen Empfiqden und beeinflußte von hier aus seine Lebenshaltung als treuer und aufrechter Jude. Daraus, floß eben der Zauber seiner Persönlichkeit, der auch unsere Seele noch berührt und den Menschen lebendig an unsere Seite stellt. Dabei war jene Vereinigung von Judentum und Weltkultur, wie sie Moses Mendelssohn lehrte und lebte, nichts Neues in der jüdischen Geschichte, ja sogar von ihm selber aus alter Quelle geschöpft. Er hat diese Erfassung des Judentums nicht erfunden, sondern nur wieder entdeckt, die Quelle nur wieder erschlossen. Sie war durch sein Inneres heimlich hindurch geströmt, als sgine äußere Entwicklung noch ganz im Bannkreis dfcs Ghetto lag. Für die jüdische Mitwelt war damals diese Quelle seit langem verschlossen. Der More Nebuchim des großen Philosophen Moses Maimonides — denn dies war jene Quelle — lag seit vier Jahrhunderten im Bann. Er war vor allem der Jugend bei Strafe des Bannes verschlossen ,- man sah in ihm keinen »Führer der Irrenden«, sondern einen Verführer, der nicht vom Irrtum befreite, wie sein Verfasser es geglaubt und gewünscht hatte, der vielmehr erst recht die Seelen verwirrte, den Verstand blendete und mit den Toren der Umwelt auch die des Abfalles erschloß. Welche Verkennung des Meisterwerkes jenes Großen, der zu gleicher Zeit die tiefste Einsicht und die demütigste Gottesfurcht besaß, und der in seiner eigenen Persönlichkeit in vollendetster Harmonie lebendig verkörperte, was er in jenem Werke Wissenschaftlich darstellen wollte, die Möglichkeit, ja sogar die Notwendigkeit des Zusammenklangs von Glauben und Wissen, von Religion und Bildung, von Judentum und Weltkultur. Im Leben großer Menschen spielen Zufälligkeiten eine bedeutsame Rolle,- in Wirklichkeit sind es nicht Zu» 153

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