Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 7/8 - Juli/August
- Date
- 1929-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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leitsätze der Umwelt, die der ,X3eneration des Sinai durch Anschauung und Erzählung bekannt waren, deren Kenntnis daher als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Die Divergenzen zwischen dem neuen jüdischen Postulat und den in der nichtjüdischen Umwelt herrschenden Auffassungen, der ungeheuere Fortschritt der jüdischen Gesetzesforderung — menschlich und religiös-sittlich betrachtet — brauchte also als von selbst dem lebenden Geschlecht in die Augen fallend, im Bibeltext erst gar nicht besonders herausgearbeitet zu werden. An unzähligen Stellen wird von wirtschaftlichen, agrarischen, soziologischen Zuständen ausgegangen, von ,Rechtsverhältnissen, Menschen und Sachen betreffend, für die uns heute im allgemeinen die unbedingt als Voraussetzung für ein richtiges Bibelverständnis erforderliche Kenntnis der kutturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse«, vor dreieinhalb Jahrtausenden fehlt. Samson Raphael Hirsch s. A. trifft das Richtige, wenn er die Bibel sozusagen nur ein — mit allerdings minutiöser historischer Genauigkeit berichtendes — ganz knapp gehaltenes Stenogrammheft nennt. Das gesamte Kolleg könne man nur dann verstehen, wenn map auch das in den Kreis des Lernens miteinbezöge, was als Erläuterung und Auslegung in der Form der mündlichen. Lehre gleich dem Bibelwort durch die Offenbarung dem jüdischen Volk als ewiges und lebenspendendes Gut übereignet worden ist. In der Tat: brauchte schon eine Generation — und mit ihr alle späteren, die noch der direkten Tradition vom Vater auf den Sohn teilhaftig wurden — die mündliche Lehre, um den breiten theoretischen Unterbau für die Praxis des gottgewollten Lebens zu erhalten, so ergibt sich zwingend die Notwendigkeit für uns, sie kennen zu Jemen, die wir erst wieder bestrebt sind, aus andersartiger Umwelt in die uns seit Generationen verloren gegangene Welt des Judentums neu hineinzu wachsen. Man kann die Bibel, auch im, bezwingend-schönen Deutsch Bubers und Rosenzweigs, nicht einfach wie ein Heldengedicht oder einen Roman lesen, wenn man über das reine Sentiment hinaus diesem. Buch als Wegweiser und Gesetzesquelle „ näher kommen will. Es genügt auch nicht etwa allein, den Kommentar Raschi’s mitbeizugeben. Auch er ist, so groß an Wissen und tiefstem Oedankenreichtum dieser autoritative Kommentar ist, — für uns schon zu knapp uncf1 aphoristisch, antwortet nicht auf hundert Fragen, die wir Späteren beim Lesen der Sidra haben, um ihren Text, der iuns, — schief betrachtet und oberflächlich verstanden, oft genug zu Widerspruch und Kopfschütteln hinreißt, — richtig erfassen und in seiner ganzen zwingenden Klarheit, Logik und Gröiße in uns aiifnehmen können. Samson Raphael Hirsch hat als bisher Einziger den im Prinzip richtigen Weg gewählt. Er hat — und dies wuchs organisch aus seinen jahrelang wiederholten Vorträgen über die jeweilige Sidifa hervor — eine deutsche Uebersetzung des Fürifbuch abgeschlossen und mit einem’deutschen Kommentar versehen, der religionsphilosophisch, sprachkritisch und historisch der Materie Herr zu werden sucht. Ich weiß, daß dieser Kommentar der heutigen Kritik viel Angriffsflächen bietet: er ist in vieler Hinsicht auf eine Art von Homiletik eingestellt, die uns heute nicht mehr adäquat ist, künstelt unnötig viel aus grammatikalisch heute anders erkannten sprachlichen Zusammenhängen heraus, spricht eine Sprache, die für den heutigen modernliterarisch gebildeten Juden viel zu langatmig und weitschweifig ist. Und doch: was besagen all i diese Ausstellungen — es gibt gewiß noch mehr! — gegen die. Riesenmenge wundervoller Erklärungen und Gleichnisse, gegen dieses feine seelische Einfühlen in den Stoff, gegen diesen Schatz des Wissens, der in Fülle in dem Kommentar' ausgestreut ist und uns beim ernsthaften Bemühen die Bibel in einem völlig neuen, ungleich erhabenerem Licht erscheinen läßt als vordem, und uns ihren Inhalt ohne Trugschlüsse und verkleinernde Fehldeutungen aus Eigenem erst richtig nahebringt! S. R. Hirschs Kommentar war eine wirkliche jüdische Tat und im Prinzip stellt er die einzige Möglichkeit dar, dit Bibel wieder in den Mittelpunkt des Lebens und des Denkens der jüdischen Menschen zu stellen. Was folgt aus dem, daß wir hier das richtige Prinzip gefunden haben: die Bibel irj deutscher Spräche auf Grund dpr autoritativen Auslegungen der gfoßen Kommentatoren und d.er mündlich geoffenbarten,inMi schn/ih undOemarah niedergelegten, L|ehre zu kommentieren? Es muß von den großen Organisationen d^r deutschen Judenheit — Landesverbände, Großloge, Großgemeinden — eine deutsche Bibelübersetzung (natürlich auch mit hebräischem ifext) herausgegeben werden, zu der ein geistig hochstehendes, die besten Köpfe 'des traditio-