Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 3 - März
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Feier begann am 12. Januar 1929 mit einem Vorakt, als Br. Rechtsanwalt Dr. Fritz Oillis in geschlossener Loge Ober »Lessing und die Logen« sprach. Er führte etwa folgendes aus: Lessings Verhältnis zü den Logen ergibt sich unmittelbar aus seinem Werke, aus den »Oesprichen von Emst und Falk«, mit denen der Idee nach zusammengehören »Nathan, der Weise« und die »Erziehung des Menschengeschlechts«, denen sich als wichtigstes Werk die schönste Tat seines Lebens zugesellt, nämlich sein Leben selbst. Ernst und Falk gipfeln in dem Oedanken, daß Nation, Gesellschaft, Religion notwendige Trennungen unter den Menschen herbeiführen, und daß der Freimaurer- oder der Logengedanke sich m i t zum Ziel setzt (neben anderen humanitären Bestrebungen), jene Trennungen, die auch unter den günstigsten Bedingungen nicht fehlen, so eng als möglich wieder zusammen zu ziehen. Es handle sich nicht um solche Uebel, die den mißvergnügten Bürger machen, sondern Um Uebel, ohne die auch der glückliche Bürger nicht sein könne. Diese Idee werde erprobt durch den praktischen Grundsatz der Logen, einen Jeden ohne Unterschied der Nation, der Religion und des Standes aufzunehmen. Das Ordensgebot, jeden würdigen Mann unterschiedslos aufzunehmen, verwirklichte er in dem Sinn, daß er jeden würdigen Mann, jede Menschengruppe, die durch Unterdrückung litt, also unter jenen mehrfach erwähnten Trennungen, in den eigenen Lebenskampf aufnahm. Heine hat auf diesen sozialen Kern in Lessings Wirken in sehr glücklich formulierten Aeußerungen hingewiesen. Man versteht deshalb auch, warum Lessing den Berliner Aufklärern nicht hold war. Nach alledem ist klar, warum Lessing sich für die Juden einsetzen mußte. Es ist das bewußte Eintreten für aHes, was einen Anspruch hatte, aus den Niederungen des Lebens in eine, höhere glücklichere Sphäre gebracht zu werden. 1749 und ^1779, am Anfang und am Ende eines vollen Menschenalters, stehen die beiden Werke, in denen, Juden mit- Nichtjuden in Konflikt treten. Aber wie groß ist der Unterschied der beiden Werke! Im- Erstlingswerk die Charakterzeidtnung sehr schablonenhaft. Der Jude erscheint als Edelmertsch, die Christen fast alle minderwertig. Außerdem erscheint aber der Jude nicht in seiner Wesenheit, sondern in einer Situation, in der schließlich jeder andere ähnlich handeln würde, j Es wird eben nur der Satz ausgesprochen, daß ein Jude genau so seine Pflicht erfüllen kann wie jeder andere, und daß man sich erst durch ein besonderes Wohl- Verhalten die Achtung der anderen erwirbt. 1 In Nathan dem Weisen dagegen ist entscheidend, daß Nathans Menschentum aus seinem Judentum erwächst. Während im Erstlingswerk das Bekenntnis »Ich bin ein Jude« am Schluß erfolgt und Bestürzung hervorruft, sind Nathans erste Worte auf die Frage, welche Religion denn die beste sei, »Ich bin ein Jud.« Die Gegensätze sind in Nathan dem Weisen vielleicht überbetont, um die Lösung, die Aussöhnung der Gegensätze, eindrucksvoller hervortreten zu lassen. Die 3 Ringe sind nicht wie bei Boccaccio k a u m zu unterscheiden, sondern überhaupt nicht zu unterscheiden. Alle Ringe sind echt, wenn die Brüder, ungeachtet ihrer Verschiedenheit, in unbestochener, von Vorurteilen freier Liebe wetteifern. Die hieran anknüpfenden Worte ... . komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohitun, mit innigster Ergebenheit in Oott zu Hilfe«, sind uns nicht nur ihres gedankenreichen Gehalts wegen lieb und teuer, sie sind uns auch kostbar wegen der Form, denn es ist diese Formulierung, die gerade jüdischen Logen so leicht die Verbindung mit Lessing herstellt. Wenn man jene Worte nochmals und immer,wieder liest, dann ordnen sie sich von selbst zu den symbolischen Zeichen Wohltätigkeit, Bruderliebe, Eintracht. Wenn eine jüdische Loge sich nach Lessing ' benannt hat, so ist das gerechtfertigt durch die Lehre und das Leben dieses Mannes. Und doch wird man, wenn man die Oedanken des Emst und Falk konsequent zu Ende denkt, in dem Bestehen von jüdischen Logen eine Inkonsequenz erblicken müssen. Denn auch das Sein als Jude ist eine Trennung, die in einem Orden, der Lessings Vorstellungen «entspricht, aufgehoben werden sollte. Aber noch gilt es vorerst, jüdische Gegensätze zu versöhnen, und dann ist die Wiederholung des Lessing’schen Ausspruchs hier angebracht: »Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die gerade ist«, oder wie es in der I^ingparabel heißt: »Erst bei den Kindes-Kindes-Kindem werden sich der Steine Kräfte äußern.« Fünf Generationen kamen, seitdem Lessing die Augen schloß. Er wußte und wollte, daß sein Werk nicht für den Tag geschaffen sei, sondern für die Ewigkeit. Deshalb lebt er noch unter uns, und gerade in diesem Kreise