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Der Orden Bne Briss · 1929-03-01 · Nr. 3 - März · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1929
Issue
Nr. 3 - März
Date
1929-03-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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haupten, daß die Kameradschaftsehe »nur sinnlich« auf gebaut wäre, weil in ihr die Verantwortung vor dem Kind ausgeschlossen wird, erscheint mir so abwegig, als wolltemanjede gebundene Ehe mit Kindern als »völlig arferotiscb« bezeichnen. Selbstverständlich ist es möglich, daß die Kameradschaft, die allenthalben schon jetzt in gebundenen Ehen vorhanden ist, künftig in Kameradschaftsehen fehlen könnte. Ich vermag mich auch nicht moralisch darüber zu entrüsten, daß der Wille zur Kinderlosigkeit vertraglich festgeiegt wird. Denken denn wirklich zwei Menschen, deren Gefühle für einander zur Vereinigung und gemeinsamen Lebensführung* drängen, zu diesem Zeitpunkte an das Kind? Das wäre keine Gattenwahl, sondern bewußte Zuchtwahl. Liebe ist doch wohl um ihrer selbst willen da: in harmonischen Fällen sei das Kind ' 0 die Krönung, anderenfalls ist es immer ein bedenkliches Glück. Um die Parallele zwischen der gebundenen und der Kameradschaftsehe fortführen zu können, wäre noch der Fall der Scheidung infolge Zerrüttung u. a. m. zu berücksichtigen. Die gesetzlichen Bestimmungen der bürgerlichen Ehe zwangen bisher zu den bekannten entwürdigenden Komödien, denen infolge allgemeiner moralischer Ablehnung in naher Zukunft der Gesetzgeber ein Ende bereiten wird.» Es bleibt als Unterschied der Kameradschaftsehe der Fortfall einer jeden Unterhaltspflicht, für die bei Kinderlosen, in ihrer Erwerbsfähigkeit Ungehemmten keine zwingenden Gründe vorgebracht werden können. Die von vornherein ins Auge gefaßte Möglichkeit der Trennung ohne spätere Versorgung wird zu einer größeren Sorgfalt bei dec Wahl des Kameraden führen, es wird also eine bessere Auslese stattfinden, die nicht nur den unmittelbar Beteiligten, sondern auch der Volksgemeinschaft* zugute kommen wird. Die Ehekameraden werden mit der stets vorhandenen Möglichkeit einer erleichterten Trennung im Rücken im Verhalten zu einander während des Zusammenlebens rücksichts- und verantwortungsvoller* sein und gerade dadurch einen längeren Bestand ihrer Ehe sichern. Ganz besonders würde dieser Zustand die Selbständigkeit der Frau fördern, diesichimmer aufnahmefähig erhalten muß und nicht im Eheschlendrian ersticken darf, da sie damit zu rechnen hat; auch einmal wieder auf ihren eigenen Beinen imj Leben stehen zu müssen. Die Kameradschaftsehe als Prostitution zu bezeichnen,. dürfte, milde gesagt, eine falsch^ pegriffsanwendung sein. Gerade hier liegen frei gewählte Beziehungen vor; weit nähen läge es, eine. Ehefrau, die sich aus materiellen Gründen verheiratet hat oder sich trotz Widerwillens jjegen den Mann nicht scheiden läßt, einer Dirne gleichzusetzen. Auch die zeitliche Begrenzung der Kameradschaftsehe rechtfertigt keinerlei Aburteilung der »Spruchberechtigten«. Der Wille zum Kinde wird auch in der »Durchgangsehe« — einer . durchaus treffenden Bezeichnung — zum Durchbruch kommen und sie damit konsolidieren. Da die Kameradschaftsehe viel leichter Frühehe sein kann, wird sie in vielen Fällen dazu beitragen, die Gefühle der Jugend, die sich sonst zersplittern bezwf verkümmern, rein und natürlich zu erhalten. Da außerdem das unter den gegebenen Verhältnissen bestehende Ventil des Konkubinats als einer zwischen den Polen Ehe und Prostitution liegenden Notgemeinschaft nicht hinwegzudiskutieren ist, sehe icltMji der neuen eherecht- Jichen Konstruktion den weiteren Vorteil, daß möglicherweise in Zukunft in Ländern mit verbreiteter Kameradschaftsehe für das Konkubinat kein Platz mehr sein wird. Die Kameradschaftsehe, für Amerika vielleicht eine Notwendigkeit, hat auch bei uns ihre Daseinsberechtigung neben der gebundenen Ehe, wenn sie auch noch keine Rettung aus der Ehenot bedeutet Es bleibt zu prüfen, ob die von Bruder Rieger gemachten Vorschläge einer wirtschaftlichen Umstellung der Frau in der Ehe einen Schritt zur Besserung darsteifen. Die der heutigen jüngeren Generation vorge-' worfene Ehescheu hat überwiegend in materiellen Sorgen ihre Ursache. Viele junge Paare würden aufatmen und zur Ehe schreiten, wenn man ihnen nicht den aus einer anderen Zeit überkommenen Maßstab aufoktroyieren wollte. Bei der zum Glück der jüngeren Generation selbstverständlich gewordenen Berufsausbildung der jungen Mädchen läßt sich bei entsprechend bescheidenen Ansprüchen fast stets ein Zusammenleben ermöglichen. Die Rechnung ist sehr einfach : Der Mann erhält sich allein, das Weib sorgt als Mädchen selbständig für sich; folglich müßte es für eine gemeinsame Haushaltsführung erst recht reichen. Es ist ein selbstmörderisches Beginnen, während der besten Jahre auf ein eheliches Zusammenleben zu verzichten, weil es nicht für eine standesgemäße Vierzimmerwohnung mit der Unterhaltung des dazu gehörigen Dienstpersonals reicht. Die jetzt aufwachsende Generation wird sich sogar mit dem

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