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Der Orden Bne Briss · 1929-02-01 · Nr. 2 - Februar · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1929
Issue
Nr. 2 - Februar
Date
1929-02-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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verloren geht. Es ist z. B. sehr bezeichnend, daß im Buch Jona die Heiden von Ninive von Oott gnädig aufgenommen werden, diezwar im sittlichen Sinne Buße tun, aber ihre heidnische Religion nicht aufgeben. Und so sehr die Bibel Israeliten die Neigung zum Götzendienst zum Vorwurf macht, so beschränken sich die Vorwürfe, die die Propheten gegen die Heiden erheben, auf sittliche Gebrechen. Pietät als solche hat eben nach, biblis'cher Anschauung ihren Werl; die Treue der Heidenrdie »ihren Gott nicht vertauschen wollen«, wird sogar einmal den Juden als Muster vorgeführt, die »ihre Ehre eintauschen gegen Nichtiges«. Und. so gewiß das Judentum den Tag ersehnt, da »Gott zum König wird über die ganze Erde«, so weit ist es davon entfernt, die plötzliche Durchsetzung dieses Gottesglaubens, die gewaltsame Abschneidung der religiösen Wurzeln, im Glaubenskampfe erzwingen zu wollen. Damit aber sind wir bereits in die Kritik der zweiten Möglichkeit eingetreten, die Lessing durch den Verdacht, durch die »Vermutung« seines Richters eröffnet. In der Voraussetzung, von der er ausgeht, daß die Religionen »vor Gott und Menschen angenehm machen« sollen, stimmen wir auch als Juden dem Dichter zu. Nur wer Gott .angenehm ist, ist es auch den Menschen und umgekehrt, lehren unsere Weisen (Sprüche der Väter UI 10)-. Und wenn er fortfährt, daß Glaubenskämpfe und Verfolgungen einer Religion unwürdig sind, die Liebe säen und Liebe ernten will — wer könnte ihm volleren Herzens beipflichten denn wir Juden, als Opfer jahrtausendelanger Vetfolgungen? Nun aber meint der Dichter, daß wir das Schwert, das gegen uns geschwungen wurde, selbst geschliffen hätten, indem wir unsere Religion im Gegensatz zu den heidnischen als die einzig wahre bezeichnet hätten. Und allerdings hat das Judentum Religionen, deren Polytheismus nicht dem Wahrheitsbedürfnis’ entsprach und die' die Forderung der Selbstheiligung nie in den Mittelpunkt der Glau^ensübung stellten — allerdings, sage ich, hat das Judentum solche Religionen nicht als vollwertig anerkannt und]die Hoffnung ausgesprochen, daß sich einst alle Menschen im Glauben an den einen Gott {der Heiligkeit verbinden werden. Allein diese Hof fnjing als solche ist weder unduldsam, noch muß | sie notwendig Haß erwecken, geschweige Haß verdienen. Jene Juden, die vor *2000 Jahren der heidnischen Welt die Botschaft von dem einen Gott verkündeten, haben, soweit sie überhaupt - 32 verstoßen wurden, eine ungeheure Anziehungskraft {ausgeübt; und auch von den ersten Aposteln des Christentums kann nicht behauptet werden, daß der Haß und die Verfolgungen, auf die siie1 manchmal stießen, ihnen zur Unehre gereichen. Aber] freilich enthielt ihre Botschaft einen neuen Gedanken, der dazu führen mußte, daß bald nachdem'das Christentum im römischen Reiche die Herrschaft erlangt hatte, die Propaganda des Schv-ertes anstelle der Mission des Wortes trat: es war der Oedanke, daß niemand zum Vater kommen kann, es sei denn durch den Sohn, daß jeder dem ewigen Verderben verfallen sei, der nicht das christliche Dogma von der Erlösung durch den Gottessohn sich zu eigen machte. In-dieser Richtung aber ist das Christentum völlig vom Judentum abgewichen, und zwar nicht nur selbstverständlich im Dogma selbst, sondern vor allem im Glauben an seine alleinseligjmachende Kraft Mit vollem Recht hat pereitsj Moses Mendelssohn der Meinung seines Freundes, daß die Quelle der christlichen Unduldsamkeit im Judentum liege, widersprochen. »Nach den Grundsätzen meiner Religion«, schreibt er ai Lavater, »soll ich niemanden, der dicht nacl unserm Gesetz geboren ist, zu bekehren suclen. Dieser Geist der Bekehrung, dessen Ursprung einige so gern der jüdisdun Religion aufbürden möchten (!), ist derselben gleichwohl schnurstracks zuwider. Alle Völker der Erde, glauben wir, seien von Gott angewiesen worden, sich an die Oesetze der Natur und an die j Religion der Patriarchen zu halten- Die ihren Lebenswandel nach dem Gesetze dieser Natur unc| der Vernunft einrichten, werden »tugendhafte Männer von anderen Nationen« genannt; und diese sind Kinder der ewigen Seligkeit Ich] habe das Glück, so manchen vortrefflichen Mann, der nicht meines Glaubens istj zum Frekinde zu haben. Wir lieben uns aufrichtig, ob (wir gleich... in Glaubenssachen verschiedener Mefnung sind. Niemals hat mir mein Herz heimlich zugerufen: schade um die schöne Seele!] Wer da | glaubt, daß außerhalb seiner Kirche i keine Seligkeit zu finden sei, dem müssen ^dergleichen Seüfzer gar oft in der Brust aufsteigen.« . Wenn Lessing trotz dieser Anschauungen seines Freundes an seinem Vorwurf gegen das Judentum festhielt, so hat er ihm zwar ojbjektiv sicher Unrecht getan; und doch können wir ihn verstehen. Mendelssohn galt ihm gar nicht als vollgültiger Ausleger des Judentums; die {Worte seines Dramas von Nathan: »Welch einj Jude! und der so ganz nur Jude scheinen will«, be-

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