Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 1 - Januar
- Date
- 1929-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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der Autorität der geschichtlichen Ueberlieferung — an deren Stelle soll die Ueberzeugung von seinem Olauben treten, diese aber ist unmöglich ohne vorherige Pröfung. Nicht auf Treu und Olauben, sondern auf die durch Freiheit des Denkens erlangte Wahrheit und Ueberzeugung soll die Religion sich gründen. — Religion als objektiver Besitz ohne subjektive Ueberzeugung ist wertlos. Eine ernsthafte Prüfung des überkommenen Glaubens läßt sich allerdings nur durchführen, wenn man die historischen Oründe, die Zuverlässigkeit der Autoritäten in Zweifel zieht. Von innen heraus also, aus tiefer Religiosität überwindet er den Autoritätsglauben, nicht durch Vernünfteln — denn das ist ihm verhaßt — sondern durch den rechten Oebrauch der Vernunft, durch richtige, höhere Wertung des Tuns. »Denn der Mensch ist zum Tun, nicht zum Vernünfteln erschaffene Die fortschreitende Erkenntnis hat die wahre Religion nicht gefördert: »Der Erkenntnis nach sind wir Engel, und dem Leben nach Teufel.« Es ist im Grunde genommen dasselbe, was unsere Weisen betonen: Nicht das Lernen ist die Hauptsache, sondern das Tun. Das aber schließt das Fragen und Forschen nicht aus; auch unsere Heilige Schrift verlangt es ausdrücklich: »Forschen und prüfen sollst du aufs beste.« Lessing fordert ernsthafte Prüfung; dife bloßen historischen Oründe genügen ihm nicht; er hält es für unklug, nur unter Berufung auf sie die Aufopferung der Vernunft zu ^erlangen und alle Schwierigkeiten unter das Joch des Glaubens zu zwingen. Er verlangt eine wirkliche unbefangene Vergleichung der verschiedenen Religionen, nicht nur um die eine oder die andere als die -einzig wahre zu erweisen, sondern vielmehr, um in allen »Merkmale der Göttlichkeit« aufzusuchen. Er wird damit zum Begründer der vergleichenden Religionswissenschaften, die soviel zur Vertiefung unseres Verständnisses für religiöse Vorgänge und damit auch viel zur Annäherung der Religionen untereinander beigetragen haben. Schon hier zeigt sich eine Unterscheidung zwischen geschichtlichem Glauben und religiösem Glauben. Er hat diese Gedanken weiter geführt, ja zu einem Problem erhoben in einer Schrift, die er im Anschluß an jene berühmten Veröffentlichungen der »Fragmente eines Ungenannten« (d. i. Hermann Samuel Reimarus) herausgab. Das eigentliche Thema dieser kleinen Schrift: »Ueber den Beweis des Oeistes und der Kraft« ist die Frage: »Was beweisen historische Die Historie nichts beweisen. Wahrheiten für die Rel'gion?* Der historische Beweis, der nur auf fremde Erfahrung sich stützt, gibt ihm nur relative; Gewißheit, reicht darum nicht aus. Nie können zuiälüge Geschichtswahrheiten zum Beweis von notwendigen Vemunftwahrheiten dienen, jdenn diese seien höherer, jene niederer Ordmjing. Ein Wunder dürfte darum keine Beweiskrajft für die'Wahrheit der Lehre besitzen. > , Und noch wichtiger ist fin Anderes: »Eine historische Wahrheit glauben«, heißt sie für' wahr halten, ohne daß sich dajvus Konsequenzen. für das persönliche Verhaltet des Glaubenden ergäben. Dagegen zwingt deriOlaube an die religiöse Wahrheit zu »wagen«. Er muß die Lebensr führung entscheidend beeinflussen, kann also für die Religion Das bedeutet nichts Geringeres als die Ausmerzung des Historischen aus der Religion. Die religiöse Wahrheit bedarf ihrer nicht, trägt ihre Wahrheit in sich selbst. Diese innere Wahrheit gilt es nunmehr zu erweisen. Damit hat Lessing die Religion auf sich selbst zurückgeführt und zu ihrer tieferen Eifassung die Wege gewiesen; Denn nun mußte die Frage nach dem Wesen der Religion von neuem gestellt werden. Er sieht ihren Kern nicht im Dogma, nicht in der Lehre, sondern in der Gesinnung, die sich in praktische Betätigung umsetzt. So überwindet er den Intellektualismus, der sowohl die Orthodoxie, wie den Deismus der Aufklärungsepoche beherrscht hat, und führt hinüber zur Religion der Humanität, deren unsterblicher Verkünder er im »Nathan« geworden ist, »Nathan der Weise« ist) eine religiöse Dichtung. Die Worte. »Introite rtarri et hic Dii sunt* — »Tretet ein^ denn auch fiier sind Götter« — setzt der Dichter bewußt auf den Titel dieses Werkes. Die] Bühne war ihm eine Kanzel, von der er der Menschheit seine Religion zu künden gedachte. Und der Kern seiner Religion ist »zu handeln«, niefit andächtig zu schwärmen, ist die Liebe, frei vf>n Vorurteilen, ist Sanftmut, herzliche Verträglichkeit und Wohltun, ist innigste Ergebenheit |n Oott. Wie tief er diese »Ergebenheit in Gott« als Inbegriff religiösen Lebens empfindet, offenbart jener Erschütternde Bericht, den Nathan [von seinem! Unglück und seiner inneren Erhebung gibt, wieer, da Christen sein Weib mit sieben hoffnungsvollen Söhnen in Oath ermordet hatten,; »drei Tag und Nächte in Asch und Staub vor Gott gelegen, und geweint — geweint? — »i 3 -