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Der Orden Bne Briss · 1929-01-01 · Nr. 1 - Januar · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1929
Issue
Nr. 1 - Januar
Date
1929-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Menschen? Wohin habt ihr es endlich kommen lassen?« —! Und nun führt Lessing, der Dichter der »Minna von Barnhelm«, der »Emilia jOalotti«, der Schöpfer des deutschen Dramas, {den Oedemütigten, den Verfolgten, den Juderj, in die beste Gesellschaft, auf die Bühne des deutschen Theaters, nicht als Spottfigur und Karikatur — im Gegenteil! Er läßt ihn hier seine! geistige und moralische Ueberlegenheit zeigen, ler macht ihn zum Verkünder von Ideen der Aufklärung und. der Humanität. I Es ist in unseren Tagen üblich geworden, die Epoche der Aufklärung, mit einiger Geringschätzung zu behandeln, sie als nüchtert^, seelenlos und religionsfcindlich abzutun ufrid, man neigt vielfach dazu, auch die der Humanität In diese Verurteilung einzubeziehen, weij man in ihr mehr eine Schwäche als eine Städte sehen möchte. Damit wäre auch Lessing Und sein Wetk überwunden. Wohl, seine historische Stellung ist nicht zu erschüttern, ab:r für die Gegenwart scheint er .nicht mehr die befruchtende, Leben spendende Kraft zu sein, als die selbst die Größten — Goethe, Schiller — ihn (in den Xenien) priesen: »Vormals im Leben ehrten wir Dich wie einen der Göller. Nun Du tot bist, herrscht über die Gei >ter Dein Geist.«, Aber Lessing lebt auch heute noch! Auch heute noch dürfte, sollte seine Gedankenwelt unser Denken — mehr noch uns :r Tun — beeinflussen, denn — das muß mit besonderer Betonung gesagt werden —• er will letzten Endes nichts anders als gutes W allen, als edle Tat. Seine Zeitgenossen wie auch die folgenden Generationen sahen in ihm mehr als de (Schöpfer des ersten deutschen Lustspiels, des deutschen Dramas, überhaupt, mehr als den mutigen Literaten und klaren Theoretiker, mehr als den scharfen Kritiker und unbestechlichen Kunst richter; er war ihnen Befreier und Retter, Kämpfer und Verkünder. Wie er in Literatur und Kunst gegen al Vorurteile zu beide zog, die deutscheT Dichtun von dem Drucke der französischen Herrschat befreite, so wurde*er auch zum Befreier ererbt gesellschaftlicher und religiöser Vor »teile. In seinem dichterischen Schaffen wie in sein Leben vollzieht er den Bruch mit jener unheilvollen Tradition, die Mendelssohn in wehmütiger Klage verurteilt: »O, ihr meine Nebenmenschen, die ihr Kinder eines andere^ Glaubens seid, bedenkt, daß das Liben einejn — 15 v geringen Wert hat, wenn es nicht mit allen :hten und Vorzügen des geselligen Menschen bunden ist. Von aller bürgerlicher Ehre ent- ' feint, zur niedrigsten Stufe herabgestoßen, die das Stände des gesitteten Lebens unterscheiden, Id innen wir die Talente und die Fähigkeiten, die U is die milde Natur in so reichem Maße als i| ren übrigen Kindern gegeben, weder ausbilden rioch 4 an wenden, noch zu unserer Nebennienschen Bestem1 gebrauchen. Man tut alles ^Mögliche, um utis zu unnützen Bürgern zu fi lachen, und dann wirft man uns vor, daß wir glicht nützlich genug sind.« { Lessing war wohl einer der ersten in der fcleihe bedeutender Menschen, die sich selbst (von solchen Vorurteilen befreit haben und dem Juden brüderlich die Hand reichten. Das darf Imm nie vergessen werden! Die Emanzipation [ward damit vorbereitet, die Befreiung aus dem Ghetto angebahnt, der erste Schritt zur Rettung getan. Lessing fühlte sich selber als Retter; :r war es aus innerer Berufung. In seinen »Rettungen« — so nennt er selbst einige Aufsätze aus der ersten Hälfte der 50 er Jahre; will er nicht, etwa nur berichtigen, sondern will die Namen berühmter Männer mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit untersuchen, unverdiente Flecken ihnen abwischen, die falschen Verkleisterungen ihrer Schwächen auflösen. Er erstrgbt damit historische Gerechtigkeit. Das aber setzt eine Betrachtungsweise der Oeschichte voraus, die man geradezu religiös nennen muß. »Ungerecht wird die Nachwelt nie sein«, sagt er selber »auch Tugenden und Laster wird sie nicht ewig verkennen. Ich begreife es sehr wohl, daß jene eine Zeit lang beschmutzt und diese aufgeputzt sein können; daß sie es aber immer bleiben sol heit nicht g sammenfia'lig hat und von dei dem Eigensinn ten, läßt mich die Weis-' tauben, die den Zualler Dinge geordnet sich auch in dem, was von der Sterblichen abhängt, anbetungswürdige Spuren finden.« So gelten seine »Rettungen« denn auch vornehmlich religiösen Menschen und religiösen Vorgängen; bald sind es Oegner Luthers (Lemnius und Cochläus), bald ein des religiösen Indifferentismus Angeklagter (Cardanus), bald eine von der Orthodox’e bekämpfte Sekte (die Herrenhuter), für die er sich einsetzt, oft mit einer Wärme, wie sie nicht der beauftragte, sondern nur der berufene Anwalt empfindet Es ist Re-- ligiosität, die ihn hierbei erfüllt, allerdings eine Religiosität, die sich frei zu machen sucht von

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