Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 12 - Dezember (12.1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- Seite 246 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6727475-6029143-6074780--1918-4868536- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Blühen -and Reifen gebracht werden, in der Stunde, die der Nachtruhe vorangehe, solle jede Anstrengung und Erregungsmöglichkeit unbedingt abgeblendet werden. Besonderen Wert legt Müller-Claudius mit Recht auf die »Kunst des Verbietens«. Unbedenklich seien natürlich alle die kleinen, zahllosen Ordnungsverbote, die das Verhalten des Kindes im Rauhr, am Tisch, in der Haltung, der Kleidung, beim -Sprechen regeln, formen und kultivieren. Sowie aber das Verbot auf eine irgendwie verwurzelte Neigung, einen Trieb, eine Lust, einen eingeborenen -oder eingewachsenen Hang^ sloße, entfalte, es seine Gefahren und. bedürfe einer besonderen Technik. In solchen Fällen müsse' dem einen Hang, der alten Sucht, eine andere Sehnsucht gegenübergestellt, eine Lustumschaltung vorgenommen werden, An die Stelle einer blinden mechanischen Strenge müsse eine Wissende, helfende, psychologisch kluge Strenge treten. Vornehmlich sei auf das leichtverletzliche GeltungsgefühJ im Pubertätsalter Rücksicht zu nehmen. Der junge Mensch sei gern stark.. Er rechtfertige mit instinktiver Freude das Vertrauen, das man ihm schenke und-das ihn stolz nasche.- Wohlwollen ohne Strenge sei Ausdruck schlaffer Oesinnung. Strenge ohne Wohlwollen überreize das Kind. Die wohlwollende Strenge sei daran erkennbar, daß sie nicht nur fordere, sondern daß sie zugleich wisse, was sie fordern dürfe. Zum Schluß weist Müller-Claudius noch auf einen Umstand hin, der oft heimlich und hinterhältig in der Kihderseele dem Reifen zum gesunden Menschentum entgegenwirke: Unsere Kinder-lernten zu zeitig hassen. Statt des unmittelbar angescbauten Lebens empfange das Kind yiel zu früh in verzerrenden Schlagworten eine Fülle abwertender Typenbilder: vom gierigen Kaufmann, vom ausbeutenden Unternehmer, Vom vaterlandslosen Proletarier, vom gottlosen Protestanten, Vom scheinheiligen Katholiken, vom zersetzenden Juden, vom rückschrittlichen Deutschnationalen, vom Demokraten mit dem Dolchstoß, vom frech-eingebildeten Preußen, vom dumm-plumpen Bayern usw. Haß sei ein Fremdkörper in der Seele des Kindes, der am Charakter und an den Nerven .fresse. Müller-Claudius schließt mit der Mahnung, über der Stählung' des Körpers des Kindes die Pflege der Nerven nicht zu vergessen. Er hat in seiner kleinen Schrift die schwere Aufgabe bewältigt, Ergebnisse der Wissenschaft dem -pädagogischen und psychologischen Laien — und das sind die meisten Eltern heute noch — verständlich zu machen, ohne dabei jemals flach zu werden. ■ Fritz Goldschmidt (Spinoza-Loge). *> W. Hanauer, Frankfurt a. M.; Die jüdisch-christlichen' Mischehen. (Alfg. Statistisches Archiv Bd. 17. H. 4. 1928). v Das in unserm Logendistrikt besonders aktuelle Thema der Mischehe findet hieryon Seiten des bekannten Soziaimediziners Br. Dr. H. eine eingehende statistische Bearbeitung;. Hier sei nur eine kurze Inhaltsangabe der einzelnen Kapitel aufgeführL 9 1. Die Häufigkeit der Mischehen. Aus ihm gebt hervor, in welch erschreckendem Maße die jüdischen Mischehen zugenommen haben; kommen doch 1921/24 auf 100 reinjüdische Ehen in Hamburg 74,9, in Berlin 54,3, in Frankfurt a. M. 50,6, in Breslau 31,2 Mischehen; aber auch in Ländern mit noch relativ vielen Landgemeinden, wie z. B. Bayern 37,3, Baden 20,9, Hessen 17,5. 2. Die Zunahme der jüdischen Mischehen in Deutsch-, land. Sie wuchsen in der Zeit von 1901/17 von 14 auf1 42% vermehrten sich also Um das dreifache, während1 christliche Mischehen nur um 100*/0 Zunahmen. | 3. Die Beteiligung der Geschlechter. Die jüdischen! Männer, die Mischehen eingingen, waren 1921/25 20,6 zu 14,9 Frauen, in Berlin sogah 27-,1 zu 15,4 Frauen. 4. Die zahlenmäßige Beteiligung der nichtjüdischen Konfessionen an den jüdischen Mischehen. Die Protestanten * beteiligen sich in stärkerem Maße als die Katholiken. 5. Neu geschlossene und stehende Mischehen. 6. Die jüdischen Mischehen in außerdeutschen Ländern. In den nordischen Staaten wurden im Verhältnis zu jüdischen Ehen jüdisch-christliche Mischehen geschlossen: 1880/89 96,8, 1900/05 95,2, 1906/10 62,5. Die Abnahme im letzteren Zeitraum ist zu erklären durch die starke ostjüdische Einwanderung, die die Zahl der Juden in Kopenhagen im 20. Jahrhundert mehr ah verdoppelt hat; in Schweden: 1901/08 88% in Holland nur 12%. 7. Die Mischehen in moralstatistischer Hinsicht Die häufige Sterilität und die niedere Geburtenziffer sind veranlaßt einerseits dutch das relativ hohe Heiratsalter der Partner, andererseits durch die soziale Stellung und die in religiöser Beziehung sicherlich freiere Auffassung bezüglich der Konzeptionsverhinderung; die Todgebuttenziffer ist — allerdings kleine Zahlen! — sehr gering. Die Qualität der Nachkommenschaft läßt sich in statistischer Hinsicht nicht erfassen. Die Ehescheidungen sind häufiger. 8. ln dem letzten Kapitel — .Die Aetiologie und Soziologie der Mischehen — kommt Hanauer auf viele Punkte zu sprechen, die sich natürlich statistisch nicht .bewerten lassen, z. B. die Konfessionsverteilung in den einzelnen Ländern und in den einzelnen Bezirken der Länder; die Kleinheit der jüdischen Landgemeinden, die den heiratsfähigen Juden kaum eine Auswahl für die Ehe gestattet; die Abkehr von der Tradition; das Verschwinden der gesellschaftlichen Gegensätze zwischen Juden und Christen (trotz der Zunahme des Radau- und Pöbelantisemitismus); und dann als wichtigster Grund für die Zunahme der Mischehe, neben der Abkehr von der Tradition, der Eintritt des jüdischen Mädchens, bis hoch hinauf in die früher vermögenden Schichten, in das Erwerbsleben. Endlich das durch die Kriegsverluste bedingte Mißverhältnis in der Zahl der Geschlechter, wodurch die weiblichen Heiratsfähigen zur Zeit wohl einen Ueberschuß von 40 °/s aufweisen. So bildet die Hanauersehe Publikation mit ihren Literaturangaben eine Fundgrube für jeden, der sich mit dem Thema in. wissenschaftlicher Beziehung befassen will. , Was nun die praktischen Folgerungen grade aus dem letzten-Kapitel seiner Arbeit betrifft, so ist Br. Hanauer, wie bekannt sein dürfte, nicht bei der Theorie stehen geblieben. Seinen Bestrebungen verdanken wir die am 28. Oktober 1928 gegründete »Gemeinnützige lüdische Eheberatungsstelle« in Frankfurt a. M-, die, mit einem Netz von Vertrauensmännern ausgestattet, in praktischer Weise der Zunahme jüdischer Mischehen entgegen arbeiten wird und der der Referent von Herzen Erfolg I wünscht. Prof. Dr. Rob. Dreyfuß (Frankfurt a. M.). 1 Klüger, Karl: Das elfte Gebot. Vertag von R. Löwit, Wien-Berlin. 1928. 164 S. Eine heimlich-unheimliche Welt führt uns der Verfasser dieses kleinen Buches in 15 schönen, formvollendeten I 246 —