Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 12 - Dezember (12.1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- Seite 224 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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sicherlich ein Wettvolles ist, eines Ideales zu harren. Es liegt -darin leicht die Oefahr, daß man die erhabene Idee bereits für eine Erfüllung hält, daß man den Besitz eines edlen Programms schon als Besitztum ansieht, daß man dem Ideale nachzugehen meint, wenn man hingeht, um sich zu begeistern. Heute sind wir in dieser Beziehung skeptischer geworden, skeptischer gegenüber den Programmen, gegenüber den schönen Worten; wir sollten auch skeptischer sein gegenüber der schimmernden Rede vom bloß allgemein Menschlichen, über dessen verschwimmender Fern* man zu leicht die Nähe der ersten, deutlichen Forderung vergißt und verliert. Andern huma'nen Ideal halten wirunbe dingt fest, aber wir wollen ihm auf^dem bestimmten und darum schwierigeren Wege, der bei uns selbst anfängt, nahe kommen, es in seiner ganzen gebietenden Unmittelbarkeit zu feigen gewinnen. « Damit ist ein Wesentliches uns'neu gegeben: in dieser Bestimmtheit, Deutlichkeit und Unmittelbarkeit des Menschlichen, die wir von uns fordern, erleben wir das Menschentum als unser jüdisches Menschentum, unsere jüdische Humanität. Mensch schlechthin, das ist' ein fernes, abstraktes Ziel; Jude, das ist ein bestimmter Anfang. Das ist die neue Form des Ideals, der bedeutungsvolle Fortschritt: wir treten in die sichere, gegebene Verbindung mit dem Ideal. Das Ideal wird konkreter, es wird persönlicher. Und damit — und das kann nicht genug gewürdigt werden — ist die Erziehung zum Ideal ganz bestimmt vor jeden von uns hinge-, stellt. Unser Ideal führt uns zur Selbsterziehung, weil es aus der deutlichen Selbsterkenntnis hervortritt. Unsere Logen in unserem Vaterlande sind so Logen jüdischer Menschen, Stätten der Erziehung zu jüdischen Men sehen— jedes dieser beiden Worte trägt den gleichen entschiedenen Ton. Man kann einen Menschen nur erziehen aus all dem Innersten und Eigentlichsten heryor, aus dem er gemacht Ist. Man kann ihn nicht erziehen, indem man ihn von sich selber fonführt, sondern indem , man ihn zu sich selber hinführt, nicht, indem man ihm sagt: gib dein Ich auf, sondern indem man sagt: erkenne den Wert deines Ich, deines Eigenen und Besonderen, und ringe darum, dieses dein Persönliches zu vervollkommnen, zu veredeln, auf daß du, der du von Oottes wegen und von Geschichte wegen ein Jude bist, ein Jude wirst im idealsten Sinne des Wortes. Nichtvon unseremjudentum fort, sondern durch unser Judentum hindurch führt der Weg Zu u ms ehern Menschentum. Hierin ist unserer Beziehung zu allen den anderen, zumal denen im Vaterlandes die wahre Freiheit und Selbständigkeit und damit ganze Echtheit und Innigkeit gegeben. Auch hier offenbart sich ein wesentlicher Fortschritt. Während man früher die Verschiedenheiten, die Besonderheiten der Menschen zu etwas Trennen-; dem machen wollte, das zu überwinden wäre, bietet sich jetzt in den Besonderheiten des Menschen ein Besitztum, ein wesentliches Out dar* sie werden uns jetzt der gerade Weg zur Verbindung mit anderen. Wir können einem anderen etwas sein, nicht indem wir uns auf« geben, sondern indem wir ganz das sind, was wir sind, ganz im idealsten Sinne, was wif sozusagen von Gottes Gnaden sind. Besonderr heit ist kein Trennendes, sondern ein Wert, den wir dem großen Oanzen hinzufügen. Wir stellen uns aufrichtig in ein großes Ganzes hinein, wir wollen uns ihm geben; aber wir wollen dies tun, nicht indem wir uns aufgeben, wie man es. früher bisweilen wünschte, sondern indem wir uns ihm ganz hingeben, uns als Juden mit, unserer Besonderheit, mit unserer Eigentümlichkeit, mit unseren^ Eigenen. Hiermit haben auch unsere Logen unstreitig eine neue Bahn, die neue bestimmte Form ihrer idealen Aufgabe erhalten. Dieses Ideal haben nicht einige Menschen geschaffen, es entspringt noch weniger den Anregungen einer einzigen Persönlichkeit, die es in die anderen hineingetragen, hätte. Redensartenkannmaowohlhersteilen,Worte kann man zubereiten, Tendenzen in einen Kreis hineintragen; aber Ideale werden aus der Gesamtheit hervorgeboren, so wie Geschichte geboren wird. Auch der feinste, der edelste Oeist kann sie nicht schaffen. Was ihm gegeben wird, ist, wie schon gesagt, daß er sie erkennt, auf sie hin weist, zu ihnen hinzuführen, ihnen den Weg zu bereiten sucht. Der eigentliche Rück-! ^schritt, die eigentliche Reaktion ist es, wenn man eine Gesamtheit in einer dahingegangenen Periode, so wertvoll und reich sie war, festhalten, Ideale in ihrem Kommen hindern will. Es ist, auch ein vergebliches Bemühen; denn man kann sich Menschen entgegenstellen, aber nicht der! Geschichte. Und wie alles Vergebliche hat es | die eine Wirkung nur: es macht alt. Das ist die große Gefahr für unsere Logen, daß sie innerlich alt werden kannten. Ein alter Ben Briss, das sollte ein Widerspruch irr sich selbst sein. Es ist oft schwer, dem Neuen undGroßen, welches wird, 224