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Der Orden Bne Briss · 1928-11-01 · Nr. 11 - November (11.1928) · p. Seite 206

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1928
Issue
Nr. 11 - November (11.1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 206 (sequence 10)
Language
German
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begleitet'nicht, wie es bei trüberen Liedern üblich war, mit Harmonien des Dichters Worte, vielmehr schildert der. Klavierpart in völliger Selbständigkeit den lokalen undszenischen Teil des Gedichtes, eine für die damalige Zeit unerhörte revolutionäre Tat, die nur ihresgleichen 40 Jahre später in Richard Wagners Kunsttat findet, der für das Musikdraraa in analoger Selbständigkeit das Orchester verwendet. Schubert malt inj »Erlkönige mit dem Klavier die Sturmnacht, aus deren Stimmen das phantastische Gedicht herauswächst, die Singstimme belauscht und deutet sozusagen die Töne des Klaviere. So wie hier im »Erlkönig« die Komposition eine kongeniale Neuschöpfung der Dichtung bedeutet, verfährt Schubert in . » I4. allen seinen Liedern ntit dem feinsten künstlerischen Taktgefühl, stets paßt sich die Komposition der d;chterischen Inspiration an. »Er hat Töne für die feinsten Empfindungen, Gedanken, ja Begebenheiten, und so tausend- ■ faltig sich . . des Menschen Dichten und Trachten bricht, so vielfach seine. Musik.« (Robert Schumann.) Für die j Lyrik Goethes, Heines oder Platens findet Schubert in gleicher Weise die stimmungsgemäßen. Töne wie für die volkstümlichen Müllerlieder, ebenso meisterhaft sind seine Naturschilderungen z.B. in den ossianischen Gesängen oder in der Winterreise. Mit Recht sagt Franz Liszt: »Wohlklang, Frische, Anmut, Träumerei, Leidenschaft, Besänftigung^ Tränen und Flammen entströmen Dir aus Herzens Tiefen und Höhen und faßt Hissest Du die Gtöße Deiner Meisterschaft vergessen ob dem Zauber Deines Gemütes.« Wenn unserejOrdensgemeinschaft in Einheitmit der gesamten: Kulturwelt Schuberts gedenkt, so wollen wir unseren Dank durch die Tat beweisen, indem 4vir mehr als bisher von seinen 17 iäbrig Franz Schubert Werken in unseren Festlogen zu Gehör bringen. Seine »Litanei« wird ja in Trauerlogen gesungen; warum nicht auch, um nur einige wenige Lieder zu nennen, »Wehmut«, »Orenzen der Menschheit«, »Wanderers Nachtlied«, oder »Tod | und das Mädchen«? Zudem sollten Logen, denen Streicher zur Verfügung stehen, Schuberts Kammermusik eifrig studieren, um “auch aus d esen unermeßlichen Schätzen einiges unseren Brüdern zu Gehör zu bringen. Oerade in unserer Zeit, in der die Kunst sich in artistischen Spielereien aufzulösen droht, tut uns die im Volksempfinden wurzelnde frische Kraft Schuberts not, in ihm hat die musikalisch — melancholische Natur unserer deutschen Heimat-ihren vollkommensten Ausdruck gefunden und somit wird Schubert vor allen Dingen die Aufgabe erfüllen, die große Masse des Volkes der wahren Kunst wiederzugewinnen. Je mehr man sich mit Schuberts Muse beschäftigt, immer und immer wieder wird man überrascht sein über die Unerschöpfliphkeit und Mannigfaltigkeit seiner Kunst, aus dfer alle seine Nachfolger bis auf unsere Tage Anregungen geschöpft haben. Und somit bewahrheitet sich Friedrich Nietzsches prophetisches Wort: »Franz Schubert, ein geringerer Artist, als die andren großen Meister, hatte doch von allen den größten 'Erbreichtum an Musik. Er verschwendete ihn aus voller' Hand und aus gütigem Herzen; so daß die Musiker noch ein paar Jahrhunderte an seinen Gedanken und Einfällen zu zehren haben werden. In seinen Werken haben 'wir einen Schatz von unverbrauchten Erfindungen; andere werden ihre Größe im Verbrauchen haben. Dürfte man Beethoven den idealen Zuhörer eines Spielmannes nennen,' so hätte Schubert darauf ein Anrecht, selber der ideale Spielmann zu heißen«. 30 jährig — 206 —

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