Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 11 - November (11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 204 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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in der ausge- Lektor hat. Es liegt eine bittere Ironie darin, daß der kindliche; weitabgewandte Talmudjude das Verhängnis , nur mittelbar erlebt, während gerade seine tüchtige, resolute Frau Schewa von den Verhältnissen zum Selbstmord getrieben wird. Üebrigens ist die Erzählungauch stilistisch sehr fein. Die ganze Jargonfärbung im Tonfall und das spezifisch Jüdische in der Milieu-Schilderung ist meisterhaft wiedergegeben. Viele Jahre lang hat dann Frisch keine größere : Arbeit mehr geschrieben. Eine Reihe' bedeutender Essays von ihm erschienen Frankfurter Zeitung, er betätigte sich als zeichneter Uebersetzer; später wurde er eines der größten deutschen Verlagsinstitute. Dann war er während des Weltkrieges So'dat und flach Kriegsschluß längere fZeit Heraus; geber -der ausgezeichneten Monatsschrift »Der neue Merkur«. Es scheint, als ob sich die* Kraft des .Dichters mehr als anderthalb Jahrzehnte .gestaut hätte, um dann ein um so bedeutenderes Werk zu schaffen. - Vor kurzem nun überraschte er mit seinem ersten großen Roman »Zenobi«, einem Buche, das sich in der überaus umfangreichen, neueren deutschen Erzählungsliteratur absoluter .Singularität ,rühmen kann. "Was psychologischen Scharfblick; völlige Neuartigkeit des Vorwurfs, bewußt-künstlerische Ignorierung alles üblichen traditionell-banalen Romanberwerks anbetrifft, steht dieses tragikomische Buch in unserer Literatur einzigartig da! — Gewiß, wir haben eine große Anzahl bedeutender Romane, die uns ein viel umfassenderes Weltbild vermittln, deren Schilderungsreichtum von Menschen, Zuständen, Begebenheiten quantitativ um vieles reicher ist, — wir haben aber wenig Bücher, die einen, fast möchte man lächelnd sagen, idealen Menschen unserer Zeit mit solcher Allgemeingültigkeit, mit solch’ poetischem Tiefsinn erfassen und ihn mit solch’ dichterischer Kraft und Totalität | zu einer symbolischen, beinahe mythischen Gesti steigern. Man kann Menschen und! von verschiedenen Seiten aus sehen, traurigen und von der komischen, beiden Seiten aus zugleich zu und zu gestalten, ohne stilwidrig zu wirken, ist höchste Kunst! Wie wenig wirkliche Tragikomödien gibt es in der Weltliteratur. Der größte Dichter, Shakespeare,. hat keine geschrieben! Bei ihm liegen die verschiedenen Betrachtungsformen oft unvermittelt nebeneinander. Nur der Don Quichote ist ein zeitloses, unerreichtes tragikomisches Meisterwerk und die alte Ti(lit empor- :hicksale Von der Sie von betrachten Eulenspiegelgestalt, heute in der Dichterpersönlichkeit eines Bemard Shaw seltsam Fleisch und Blut geworden, schillert zuweilen ins Tragikomische. — Ist es nicht höchstes Lob! für Frisch, daß man bei der Lektüre seines Werkes sofort an diese beiden unsterblichen Gestalten denkt, die in Zenobi keinen Epigonen, sonjdern einen aus grotesk-romantischer Sphäre in unsere Zeit übersetzten jüngeren Bruder mit einem ganz eigenen Gesicht erhalten haben? — Bei Zenobi ist ebenso wie bei Leo im »Verlöbnis« ein das'ganze .Leben bestimmenderZwjespalt zwischen Phantasie und der Realität des Daseins vorhanden, aber während in dem Jugendwerk alles in trostloser Trauer ausklingt, zeigt Frisch hier zum ersten Mal, welcher Humor ihm auch zur Verfügung iteht. | Zenobi ist ein armer Waisenjunge, um den sichr niemand kümmert, und der zunächst in ärmlicher Umwelt glanz- und freudlos aufwächst. Allein er ist jedoch nach jeder Richtung hin etwas Höheres und Besseres als seine gesamte Umgebung. Ein unwiderstehlicher Drang,* auch etwas Besseres zu scheinen, 4iat von ihm Besitz ergriffen. Er handelt förmlich in verständlicher Notwehr gegen die traurige Realität seiner miserablen Existenz und wird so zu einer Art »Hochstapler«. Diese Bezeichnung darf aber hier nicht mißverstanden werden. — Der beste Weg, um rjhe' ganze Feinheit der Frisch’schen Dichtung zü würdigen, ist der Vergleich mit der bekannten Behandlung des Hochstapler- Themas etiya bei Thomas Mann, Flake, Wedekind und Hasenclever. Um wieviel tiefsinniger und hochstehender ist dieses Kunstwerk! Zenobi schlüpft nicht in verschiedene Masken, um sich Vorteile zu erringen, sondern er handelt, — einem unwiderstehlichen Zwange folgend, — wie der geniale Schauspieler aus künstlerischem Oestaltungsdrang, und vor allem aus — Altruismus, um anderen zu helfen, andere zu retten. Das macht ihn uns so sympathisch! Darum wirkt er nicht so unbehaglich, wie die genialischen Betrüger Wedekinds, Hasenfclevers usw., sondern wir veifolgen seihe aus tiefer Weltweishejt geborenen Narrenspossen und tollen Streiche geradezu mit Jubel und Beifall und freuen uns lachend, wenn sie gelingen. — Zenobis Tun ist übrigens eine ebenso geistvollwitzige wie praktische Kritik unserer sehr verbesserungsbedürftigen Gesellschaftsordnuhg, und sie ist nicht bitter lind negativ, denn er hat ja Respekt vor den Gestalten, die er Vortäuscht, er bejaht sie! Zudem spielt gr bloß'solche Rollen, deren Träger kraft ihrer Stellung ide- — 204 —