Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 11 - November (11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 203 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Leben und Kunst Wurzel fassen konnte. Er entstammt einer orthodox-jüdis den Familie, genoß — ursprünglich zum Theo logen bestimmt — die sorgff und durfte dann bald in. Deu turientenexamen [ machen un Aber schwerstes Menschenl^i Tragik müssen dem in erträg hältnissen Herangewachsenei i vertraut sein 1 . . . Denn gleich die 1902 erschienene Novelle erzählt in ganz schlichter und c arum nur um so ijhen, wohlhabenergreifenderer Form die schwei von dem Leiden pnd Sterben qi begabten Knaben. — Es ist ein Dichter, ohne zu tasten, Meisterwerk beginnt. Hier v i rcütige Oeschichte res zartbesaiteten, nicht häufig, daß gleich 'mit einem it, der. seltene Fall eingeireten. Dieses Buch hat,! wie alle, auch mich einst bei seinem Erscheinen bis ins Innerste erschüttert, und erst vor •> kurz« :rh habe ich den Eindruck von damals nachge) dft, es wirkt heut noch genau ebenso stark wie!vor 25 Jahren! In dem Jahrzehnt vor dem Kriege haben eine ganze Reihe unserer bester Schriftsteller das gleiche Thema, den frühen T< d| eines von .verständnisloser Umgebung in gang, gehetzten Knaben erzählt. U. a Emil Strauß 1904 seinen me odiösen vorzeitigen Unterschrieb •# »-Freund Hein«, Hermann Hesse 1905 die schwermütige Anklage »Unterm Rad« und seinen wundervollen »Mao« damals in der Luft, und nebejn traten bedeutende pädagog die Vorwürfe erhoben und Die zünftige LiteratürgeschlcHtslschreibung hat es bisher nicht genügend bea :htet,. daß Efraim Frisch der erste war, der diese: tiefernste, grundlegende Problem in seinem »Ver öbnis« gerade zu auf eine dichterisch-novellistische Formel gebracht hat. Bei ihm ers:heink es außerdem noch erweitert und vertieft durch den jüdischen Grundakkord, Es ipielt in einem gaiizischen Ghetto, und einjgaizes Stück Juden kultur wird plastisch — alles :utn Greifen nahe — vor uns aufgerollt. Als Fqlgi jahrtausende 'anger Bedrückung und Einengung ist in der geistigen Entwicklung gerade Ides östlichen Oh« ttos mit seinem verknache ten Cheder und meinem einseitigen »Lernen« '<lesl Talmuds und der Thora die ästhetisch-individuelle, sowie kör|:erhebe Erziehung völlig zt rückgedrängt von einer rein ethischen und logisc i-ijationalen. Die ost; irdische Kleinstadt, von gjeisti j begrenzten,ärmiid ichen, schwer arbeitenden Menschen bevölkert, deren Assimilierungsprozeß noch nicht begonnen tigste Erziehung Chland sein Abij frei studieren, i und geheime ich-normalen Vertrotzdem sehr Sein erstes Werk, »Das Verlöbnis« »Lerner«, heran, düstere Elternhaus 'dedrich Huch 1907 Das Motiv lag vielen Dichtern sdhi Reformer auf, s sefung verlangten. duldet keinen künstlerisch begabten ’Phantasten. In freudloser Umgebung wächst, der. hochbegabte Leo, einer der besten Wir sehen das ernste und* vor uns-; der jaufrecht-tyrann sehe, haiite Vater spricht nur wefiig; — aber m t diesem Wenigen wird die ganze Gestalt läufs schärfste charakterisiert. — Die . zarte, scheu-furqhjsame Mutter 'kann den Sohn nicht schützend Der Junge, in dem alle Keime eine > großen. Künstlers stecken, gerät in die gefähr iche Pubertätszeit. Eine phantastische, hoffnungslose'Liebe erfaßt ihn; er dichtet sich die ganze Welt um; Träum und Realität fließen in seiner Phantasie rätselhaft durcheinander. Die Visionen werden ihm zur tiefsten Wirklichkeit. U id der ehrgeizige Vater quält in verständnisloser Weisenden unglücklichen Knaben, der jetzt mit dem Alltag nicht mehr zurechtkommt. Mit unnachahmlicher Schlichtheit, in verhaltener \ /ortkargheit, wird der Tod des armen Jungen erzählt. »Das Verlöbnis« ist sicherlich mit eine der besten um die Jahrhundertwende entstandenen .deutschen Erzählungen, ein Kunstwerk von bleibendem Wert, nicht zuletzt auch eine e nzigartige jüdische Novelle. Man prophezeite dimals demi Dichter eine große Zukunft und ,war:ete mit Spannung auf neue Werke von ihm. Frisch aber; forcierte seine große Begabung durch ius nicht. Er ließ sich Zeit. Das am Horizcnt des deutschen Theaterlebens plötzlich hell a rfstrahlende Genie Max Reinhardts! schlug ihn in seinen Bann. JEr •wurde für viele Jahre bei Re nhardt Dramaturg, nebenbei Theaterberichterstatti r großer deutscher Zeitungen, ünd als Frucht lieser langen und eingehenden Beschäftigung nit der Bühne veröffentlichte er 1910 sein geistreiches, erfahrungs- und erwägungsreiches Buch »Von der Kunst des Theaters«. Es ist zum 'eil in Dialogform abgefaßt; Schauspieler und Kritiker diskutieren über grundlegende, . philoso ihisch - ästhetische Fragen; die Begriffe »Drama«; »Schauspielkunst »Dekoration« und »Raum« verden in scharfr sinniger Weise analysiert. ' Im selben Jahre ließ der Dichter wiederum eine jüdische Novelle »Die Kintine« erscheinen. Rührte »Das Verlöbnis« auch, an Allgemein- Menschliches, an Schmerzen,, die jeder empfind lichere O ganismus in seine r - Jugend; kerinqn gelernt hat, so gestaltet »Die Kantine« lediglich jüdische Not undwird. zur ergreifenden Klage über die massenpsychologisch e Verständnislosigkeit gegenüber der jüdischen B ivölkerungsigruppe, I — 203 —