Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Festnummer zum Ordenstage ; Nr. 10 - Oktober (10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 186 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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leichter werden.' Aber das wagte er nicht, da er fühlte, daß die unreine- Macht ihn in ihrem Besitz hatte, und er das Bifd der 'Zauberin stets vor r Augen sah. Nur zuweilen stellte er sich in einen Winkel und hüllte sich in den Tallis, und es quollen die Töne ihm von den Lippen, daß die Hörer ein Schauer ergriff und sie in Weinen ausbrachen Einmal, als die Frau ihm ein Milchbad bereitete und ihre Tränen darin hinein vergoß, Fiel er ihr um den Hals und bat, sie solle ihn sofort nach der großen Synagoge tragen lassen, denn er rfwar schon sehr krank. In der großen Synagoge sang er das Gebet für die Genesung kranker Kinder, andere behaupten, es war die große Beichte, die er da sang, denn er fühlte, daß es ‘‘mit ihm zu Ende ging. Alle Anwesenden hng£n an bitterlich zu / weinen. Als er fertig war rifef er.: »Nun ist mir schon leichter.« Und er starb. Jene .Melodie aber wird noch heute in Wilna und im ganzen Lande gesungen. Auch der Schammes, so,bescheiden seine Stellung in der Gemeinde auch war, schwang sich zuweilen zu heroischer Größe empor. Einem solchen Schammes, der es trotz seinerdienenden Stellung, durch besondere Eigenschaften des Geistes und des Herzens es dahin gebracht hatte, daß kein Mensch weit und breit ihm eine Bitte abschlug, und er dadurch in seiner Vaterstadt Wilna eine ganze Ajnzahl wohltätiger und Lehranstalten gründen konnte, hat der berühmte Wiener Prediger Dr. Adolf Jeflinek vor etwa 40 Jahren in einer besonderen Predigt ein Denk« mal errichtet.! ’ Einen Kranz von Legenden hat das Volk bereits um die Gestalten jener Schamossim gewunden, '‘ die in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts s bei Pogromüberfällen auf Synagogen in der Verteidigung der Heiligen Lade ihr Leben ließen. So spiegelt die Phantasie und das Gemüt des jüdischen Volkes in ernster und heiterer Weise jenes: JStück jüdischen Lebens ab, das sich in der jüdischen Gemeinde, deren Trägern und Institutionen verwirklichte.! Aussprüche über die Gemeinde. Von Michael Guttma'nn. I. Als Rabbi Jochanan ben Zakkai vor 1860 Jahren die persönliche Gunst, des triumphierenden Kaisers 'für die Gründung einer neuen Lehrstätte in Anspruch nahm, ahnte man kaum die Tragweite seines bescheiden klingenden Wunsches. Es verging geraume Zeit, bis sieh seine Tat geschichtlich auswirken konnte.- Lind worin lag das Geschichtsmäßige, das keimartig Wirkende dieser Tat? In nichts anderem, als in der Schaffung eines neuen Gemeinschaftsprinzips, einer Gemeinschaftsform, die den Rahmen zu einer entwicklungsfähigen Neugruppierung der zersprengten Judenheit geboten hat. Die^von R. Jochanan eihgeleitete Gemeinschaftsform ist im wesentlichen die uns wohlbekannte Gemeinde. Neu war dieser Begriff auch damals nicht. Jüdische Gemeinden, 'verschieden an Größe und Bedeutung, hat es sowohl in Palästina als auch in der weitverzweigten Diaspora schop lange vor Jabneh gegeben. Und doch hätt^ die Gründung R. Jochanans etwas Eigenartiges an sich, etwas, das der jüdischen Gemeinde eine neue Entwickelung vorzeichnete. Es ist das schärfer abgegrenzte, in sich geschlossene Gemeinschaftsleben. Den Gemeinden des Vorexils fehlte diese Abgegrenztheit Das Prinzip äußerer und innefer Selbständigkeit im nachexilischen Sinne des Wortes war ihnen schon aus rein geschichtlichen Grütiden vor* enthalten. Alle zogen ihre KJräfte aus einem "^Heiligtum, alle schöpften ihre Bielehrung aus einer Quelle. Es waren gleichsam Strahlen, die einem einzigen, festen Mittelpunkte zu^trebten.1 ' Die Zerstörung Jerusalems als 'des festen Mittelpunktes f|ir Staat und Heiligtum hätte daher sehr leicht das Weiterbestehep dieses strahlen» -mäßig gegliederten Judentums gefährden können, wenn nicht zur rechten Zeit die Verselbständigung der Gemeinde zu einer unabhätigigen und in sich geschlossenen Gemeinschaftseinhjeit eingesetztj hätte. Wohl hatte Rabbi Jochanan; ben Zakkai in der Wahl Jabnehs nicht so sehr die Umbildung aller Gemeinden zu ganz^ gleichen, j in jeder Hinsicht unabhängigen und nebengeordneten Gemeinschaftseinheiten im Auge. Er dürfte vielmehr an die Schaffung eines neuen Mittelpunktes gedacht haben,, der, durch die Patriarchenwürde gefestigt, die Judenheit des In- und Auslandes von neuem Zusammenhalten sollte. Doch 'hatte diese: neue Art der Zentralisierung nicht mehr jene organisch wirkende Mittelpunktskraft, die einst alle, auch die weit zerstreutet Gemeinwesen fcu beherrschen ver» — 186 — .i