Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Festnummer zum Ordenstage ; Nr. 10 - Oktober (10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 176 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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Technik des modernen jüdischen Religionsunterrichts. Y'on Jacob Stall. , ) Fürsorge für die religiöse Unterweisung der Jugend gehörte von jeher zu den vornehmsten Aufgaben , der jüdischen Gemeinde. Außere und innere Gestaltung des Unterrichtsbetriebes sind aber in der Neuzeit, seit das westeuropäische Judentum in die Kultur der Umwelt verflochten ist) tri hohem Maße von der allgemeinen staatlichen Schulorganisation sowie von der herrschenden pädagogischen Anschauung der Zeit bedingt und beeinflußt. So ist auch die Technik des nfoderngn jüdischen Religionsunterrichtes eine Folge der modernen pädagogischen Bestrebungen. * Arbeitsschule« ist das Losungswort der modernen Richtung, die den Unterrichtsbetrieb unserer heutigen Schule beherrscht. Man versteht darunter die Schule, die nicht durch autoritatives Darbieten der Lehrenden und nur passives Aufnehmen der Lernenden, durch Aufgeben und Abhören, sondern durch eine Methode wirkt, die, vom Standpunkt des Kindes ausgehend, Probleme durch Selbsttätigkeit der Kinder zur Lösung bringt, die eine Methode an wendet, welche durch gemeinsame, Kräfte und Selbstentfaltung fördernde Arbeit wirkt. Gemeinschaftliches Werkschaffen ist ihr allgemeines methodisches Leitbild, wobei gegebenenfalls auch manuelle, körperlich-technische Arbeit, aber nur soweit es in der Natur des Stoffes begründet liegt, in den Dienst der Problemlösung gestellt wird. Sie behauptet ihren Platz also auch da, wo es sichum Fragestellungen-der Geisteswissenschaften handelt, wo nicht durch Kneten und. Aussdincidbn, sondern durch selbständfge gemeinsame Lösungsversudie" und Anwendungen selbsttätige Arbeit der Kinder geleistet wird. Kann in einem Unterricht, wie es der Religionsunterricht ist, die Technikjder modernen Arbeitsschule Anwendung finden? . . Wer Menschen erziehen will, daß sie frei, selbstverantwortlich und mit eigener Lust und Liebe im Guten leben, muß sieglauben lehren an ein Unbedingtes, Absolutes, Ewiges,muß Motive in der jugendlichen Seele wecken, die durch es bestimmt werdenunddieden Menschen änleiten zum Guten. Vertrauensvolle Ehrfurcht vor Gott, das ist es, was einen Menschen über sich hinaus und zu einem besseren Ich erheben-. kann. In der Arbeit am Menschen — und das ist nun einmal die Tätigkeit des Erziehers —, die ihm zeigen soll, was wert ist und was nichts wert ist, findet darum der Religionsunterricht als unentbehrliche Erziehungsmacht seihen Platznatürlich nicht jener, der nur lernen, womöglich auswendig zu lernen aufgibt und etwas abhört — vielmehr ein Unterricht, der das Gewissen bildet und das Herz erfüllt mit Gefühlen der Scheu und Ehrfurcht vor dem Heiligen, der Begeisterung weckt für alles Gute und Edle. Religionsunterricht ist in erster Linie GewiSsensbildung. * Gefühle entstehen aber nicht durch bloße Gedächtnis- oder kalte Verstandesarbeit, Gefühle müssen erlebt werden. Re igionsunterricht ist daru|m notwendiger als jeder ai dere ein Erlebnisunterricht. Und damit ist schon ausgesprochen,daß die moderne Arbeitstechnik im Sinne des Erlebnisses für den jüdischen Religionsunterricht eine berechtigte, uneriäßlihe und nicht’’einmal neue Forderung bedeutet. 1. Gefühle haben ihre Wurzel im Unbewußten. Religiöses Erleben wird namentlich in den empfang* liehen jugendlichen Jahren intuitiv erfaßt. . Besinnt man sich als religiöser Mensch darauf,, was am meisten Eindruck gemacht und uns dadurch geholfen hat, so stößt man auf bestimmte Menschen. Man kann sie nicht vergessen, weil sie sich, etwa in den empfänglichen Jagendjahren, zu tief in c ie Seele hineingelebt haben. Sie treten einem entgegen,.wenn, man in religiöser oder sittlicher Beziehung etwas erlebt oder etwas zu entscheiden hat. Das religiös r Gefühl derjugend hat seine erste Wurzel in der Aus; trahlung dersie beeinflussenden Persönlichkeit. Derjugend- ' l.che Glaube an die Unverbrüchlichkeit des Guten und Erhabenen, an die Unbedingtheit des sittlichen Seins wurzelt im Erziehe rvorbild. »Es seien diese Worte — der Lehre — in dei lern Herzen — dann kannst du sie einschärfen deinen Kindern.« Die religiöse1 Lehrerpersönlichkeit ist das erste Erfordernis für die Kunst religiöser Bildung, sie ist dieVoraussetzungjallerTechnik im jüdischen Religionsunterricht. Die Persönlichkeit des Lehrers ist hier alles. Mag einer in der- Lehre vom Rechnen odef in der Natur ein Mensch sein, wie er will, das spielt keine so große Rolle; aber im Religionsunterricht kommt alles auf den Menschen an und seine Würde. » , / 2. Das Bildungsmaterial für religiöses Erleben liefert uns der Stoff,- jeder weiß, wo er zu finden ist: es ist in. erster Linie geschichtlicher Stoff, Geschichtedes jüdischen Volkes in seinen biblischen und nachbiblischcn Gestalten und Geschicken. Die jüdische Geschichte stellt uns die Erscheinung eiper hohem geistigen Überwelt dar, und das ist es gerac e, was wir nötig haben-, wenn wir eine geistige We t erbauen wollen in der jujgendlichen Seele, welche durchwebt ist von Ehrfurcht und religiöser Scheu. In den Gestalten der biblischen Gesdiichte tritt uns eine solche Welt am anschaulichsten entgegen.1 Das Sein, die Allmacht, die Allwissenheit Gottes, das t! I -! 176