Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Festnummer zum Ordenstage ; Nr. 10 - Oktober (10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 154 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Vereinswesen, schon seit den Verfolgun» gen des Mittelalters im Aufblühen, hatte manchen Uebelgrand gezeitigt. Blickt man in ein großstädtisches Vereinsverzeichnis der Vorkriegszeit, so ernpfindet man ähnlich, wie .beim Durchblättern eines Tierzüchterverbandsorganes mit sginer Unzahl von Spezialvereinen. Die llebermenge von Vereinen mit oft absonderlichsten Zwecken und Statuten züchteten Mißbrauch der Humanität seitens der Empfänger, unkontrolliertes und unsystematisches Dilettieren der Leitung, Brachlegen wichtiger Wohlfährtsgebiete, Vernachlässigung dringender Unter-' stützungsfälle, Ausschluß und Entfremdung wertvoller Hilfskräfte. Hier Wandel schaffen, hieße oft in ein Wespennest greifen. Die .Inflationszeit hat sich in diesem Funkte als. heilsam erwiesen. Mir dem Zusammenschmelzen der Stiftungskapitalien lind Vereins vermögen -wurden die oft rückständigen Satzungen; an denen so manche Institution sich halb zu Tode Würgte, ebenso alle Vereinsmeierei und ' Eigenbrötelei hinfällig. Auf der andern Seite traten in urfd nach dem, Kriege an die Gemeinden neue erhebliche soziale Aufgaben heran, die im bestehenden Vereinswesen weder Raum noch hinreichende Befriedigung fanden. So nahm denn die Zedoko in Verwaltung und Haushalt der Gemeinde 'wieder neben Tauro und Awaudo die ihr gebührende und in alter Zeit eingeräumte ebenbürtige Stellung ein. Ueberdies hätte die ällgemeirrfc Sozialpolitik einen Aufschwung genommen, dem auch die jüdische W ohlfahrtspflege durch Einbeziehung neuer Arbeitsgebiete und Einführung neuer Arbeitsmethoden Rechnung, tragen mußte., In Berlin entfällt auf Zedoko über ein Drittel 'dreimal soviel als auf die Verwaltung) d?s Gesamt- ‘etats Alle hier berührten Gebiete der Sozialpolitik werden eindringlich bearbeitet. In eine gewaltige Leistung teilen sich 64 Angestellte ynd 1200 ehrenamtlich tätigeMitglieder; der Bezirke. Daß die von den Rabbinern geübte Seelsorge eine beträchtliche Komponente bildet, wird in den Gmeindeberichten anerkannt, wie überhaupt diesem Amte in der jüdischen . Wohlfahrtspflege Deutschlands eine führende Rolle zugewiesen ist An hervorragender Stelle steht unter den mitwirkenden Faktoren der Gemeinde -Zedoko, wie auch rn anderen Gemeinden, der Bruder- und SchwesternbuncI der^ Bne Briss-Logen * Ein ähnliches Bild bildet Breslau. Von-dem Etat nimmt die Zedoko 1 « bis 'Ju in Anspruch. Besonderes. Augenmerk wird dem notleidenden Mittelstände gewidmet <auch Mittelstandsküche). Rechtshilfe wurde nach dem letzten Jahresbericht in 7227 Fällen gewährt. Die Gemeinde steuert bei, wozu die öffentlichen Stellen nicht herangezogen werden können : rituelle Verpflegung, Durchwandererversorgung u. dgl. In Frankfurt a. M. belastete die Gemeinde 1926 ihr Budget für Wohlfahrtspflege nur njit ’/n- Doch ist in den letzten Monaten hierin ein wesentlicher Wandel eingetreten. Frankfurt weist übrigens eine Berufsberatungsstelle, ein Hilfskomitee für die notleidenden Brüder im Auslande und ein solches für die osteuropäischen Juden auf. Jüngst |st auch eine Eheberatungsstelle geschaffen worden. Heiratsvermittlung wird geplant. Hamburg, wo, wie bemerkt, die Gemeinde 'nicht für den Kultus zu sorgen hat, gibt von seinen Einnahmen die Hälfte für Wohlfahrt aus. Die Gemeinde hat u. a. als Hilfsmitte einen Warenkleinhandel eingerichtet. Dresden braucht für Zedoko 1 /„ bis Leipzig f/4 bis 1 „ Köln '/s bis */., Nürnberg 1 IM (Zuschuß zu den tatkräftig wirkenden Vi München 1 .. bis 1;, (darunter Chaluzim bildung), Wien (mit 170 Vereinen, die ca. 2 Millionen Schilling verausgaben) leistet für offene F ürsorge etwä 1L, im Ganzen über ’/s des Gesamt« :tats. JZentralisierung, die private und Vereinstätigkeit; keineswegs ausschließt, birgt mancherlei* Gefahren, zumal auf einem Gebiete, auf dem Individualisieren, persönliches Einfühlen, reife Menschenkenntnis, Takt und andere Imponderabilien rwiegen uner» den Ausschlag geben, ^ber gerade hier übe nicht allein ihre Vorteile, sie ist geradezu läßlich. Sie wird sich überall bewähren; wo Persönlichkeiten, die im reinsten Sinne des Wortes in der Zedoko sich ihren Lebensberuf gewählt haben, Amtsschimmel, Paragraphenreiterei, Bürokratismus nicht äufkotnmen lassen. Die Zedoko muß in alle Häuser und Herzen der Gemeinde getragen werden. Wenn es Gemeinden gibt, die buchstäblich ihre materielle Erhaltung den Toten (den (Einnahmen aus den Beerdigungstaxen) zu verdanken haben, so muß das Gemeindeleben durch möglichst allgemeine Teilnahme an dem Schicksal der Lebenden, der Armen bereichert werden. Allen jenen, die sich Jüdischer Lehre und jüdischem Kultus entfremdet haben, soll sie einen Einigungspunkt, ein gemeinsames Arbeitsfeld bieten, das Bewußtsein der Zusam-j mengehörigkeit stärken. In Vorträgen, Kanzjelreden, öffentlichen Berichterstattungen belebe man Seelische Anteilnahme an dieser,so anregenden und dprch Erfolge erfreuenden Arbeit. Man halte jedem 4ie Ver- 1 antwortung vor Augen, die er, wenn er sichj abseits stellt, an der Zunahme der Selbstmorde, des Kinderelends, der Taufen mit trägt, ja auch der Verbrechen: Der Mensch, der hungert und darbt, verlieft leicht sittliche Hemmung und wird zur Bestie. — 154 - * I