Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Festnummer zum Ordenstage ; Nr. 10 - Oktober (10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 144 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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\ n zfei^ r die Gemeinde, das neunztslmte Jahrhundert-, das einen vollen Umsturz -ihrer Existenz herbeiführte und sie überdies der zersetzenden Kritik ' der Individuen preisgab, Allmählich ist eine Zeit der Klärung und der Selbstbesinnung eingetreten, die den grenzenlosen Individualismus überwunden, den Segen, der von der Gemeinde ausging, ihre großen geschichtlichen Leistungen wieder erkanrti hat. I leute gilt es, aus dieser Erkenntnis die Folgerungen zu ziehen und die Zusammengehörigkeit in den Gemeinden zu stärken. : Die Gemeinde> die in der Vergangenheit das stärkste Bollwerk für die Erhaltung des Judentums gewesen ist, wird es auch in Zukunft bleiben. - 1 Jüdische Gemeinde und jüdische Religiosität. Von Max Wiener. Eine Gemeinde ist niemals arm.« Dieses alte jüdische Worr denkr gewiß zuerst daran, daß vereinte Kräfte noch so schweren wirtschaftlichen Anforderungen gewachsen scheinen, zumal ihre Leistungsfähigkeit nicht nur in einer Fülle einzelner gegenwärtig lebender Menschen ruht, sondern die Kraft kommender Generationen zur Unterstützung jetzt zu vollbringender Aufgaben vorwegnehmen kann. Es ist aber ebenso in einem tiefen geistigen Sinne auszulegen, wenn man es in der Bedeutung . versteht, daß der seelische Besitz von Religionsgemeinschaft und Religionsgemeinde den einzelnen sich nach Gon sehnenden Menschen trägt und erhält. - : ’ Gehen wir vom allgemeinen religiösen Leben unserer Täge aus. Mari hat seil einer Reihe von Jahren sehr oft und wie uns scheinen will — in übertriebener Weise auf die Symptome aufmerksam gemacht, die vom Beginn unseres Jahrhunderts ab das Wiedererstärken religiöser Gesinnung, die Zukehr zu gottgläubiger Welt- und Daseinserfassung anzeigen sollen. An dieser Be-'’ urteilung unserer Zeit ist bestimmt soviel wahr, daß sich zahlreicher besinnlicher Seelen eine Unzufriedenheit mit den Ergebnissen unsrer Zivilisation bemächtigt har, in welcher die persönlichkeitsfeindlichen, urilebendigen, mechanisierenden Gewalten, Jas unschöpferische rechenhafte Wesen in den verschiedensten Bezirken unsrer Wirklichkeit, in Gesellschaft, Staat und Wirtschaft, oft auch in der diese spiegelnden Kunst und ganz gewiß in der wissenschaftlichen Durchdringung der Dinge, die Herrschaft an sich gerissen hatten Es trifft weiterhin zu, daß heutzutage sich mächtige Gegenströmungen geltend machen. Man ist vielleicht nicht mehr so gänzlich ungläubig gegen die Freiheit1 in der Welt und gegen die Kraft, starker Persönlichkeiten, die diese Freiheit zu‘Wirklichkeitsformung nützen. Man erfährt eigenständiges aus dunkler Tiefe emporquellendes Schaffen, z. B. im politischen Lehen, ganz gleichgültig, ob dieses von demokratischen Führern gestaltet wird, oder ob ein moderner Cäsarismus regiert. Man glaubt an die Möglichkeit, mit gutem Willen Kriege verhindern zu können. Also muß dodi wohl in diesem Willen kein Müssen, sondern ein freies Können. und Schaffen stedeer. In Philosophie und Wissenschaft wird das »Leben«, das geheimnisvolle, unableitbare, dasj eine frühere , Generation von Geschichtsschreibern und Naturforschern einfach für tot, für einen Aberglauben I erklärt hatte, wieder sehr lebendig/ lund mit dem/ Leben wird das Seelische, das Ge'^ihaltige, das freie Ich wieder in seine Rechte eingesetzt. Damit wird Gott — sei es als Allpersönlichkeit oder als sinn voller Urgrund alles Seienden und Wirkenden wenigstens wieder zu einer erlaubten! Frage, nad dem ein Geschlecht vor uns die verneinende Ar wort sich gegeben hattel' , Ja, Gott ist wieder zur Frage geworden/ und es ist gewiß "vom Standpunkt der Religion aus hoffnungsvoller, wenn Gott dem bisher Ungläubigen zur Frage wird als dem Gläubigen. Was bedeutet dieses Ergebnis aber den großen Massenreligior|en, den christlichen Kirchen, was besagt es für jdas Judentum? Die Sache liegt wohl so, daß d|ese neu erwachende Religiosität viel mehr außerhalb des Schattens jener .geschichtlichen Gebildej sich regt,/ alsdaß die unleugbar vorhandene Sehnsucht nach einem letzten und ewigen Sinn von Welt und Leben innerhalb der uralten Mauern ihre Befriedigung sujhte. Der Grund aber steckt darin, daß das, frojnme Suchen, wo es überhaupt mehr ist als bloßes bichunbefriedigtfühlen, wo es nicht grundsätzlich (jede Lösung verwirft, daß dieses Suchen meisten^ die Bindung , durch Gemeinschaftswerte — seien es (dogmatische Sätze oder auch nur deren weltanschaulicher;Gehalt, seien es symbolisch^ Formeln! und Riten wie im Judentum — nicht erträglich findet. Die einzelne Seele sucht den eigenen.; ihr alleijn gehörenden Gott. Der Individualismus, der die! alten 144