Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 9 - September (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6727475-6029143-6074775--1793-4868414- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I einreiße, um einzureißen — da er doch sichtlich bp aller Kritik stets auf neue, höhere Lebensformen (oder öeist- und Kunstformen) hinauswill — Die Gefahren und Schattenseiten des Intellektualismus — wer kennte sie besser als der Jude selbst? Er, der gerade vermöge seiner Uebergeisfigkeit oft zu einem verhängnisvollen Uebermaß von Selbstkritik neigt! Gerade^wer es mit dem judentum gut meint (und noch immer züchtigt, gleich den Propheten, derjenige sein Volk, der es lieb hat), wild hier gewisse unerfreuliche Erscheinungen einräumen. t Sie sind zu bekannt und zu oft getadelt, als daß man sie noch besondeis namhaft zu machen brauchte. Aber wojtfgemerkt: sie sind nur. die Kehrseite eines/Vorzuges; der Schatten, der das Licht begleitet/das notwendige Minus, das nun einmal zu diesem starken Plus gehört. Das ist also auch ein Stück Selbsterziehung und damit eine Kulturaufgabe des modernen Judentums, da ja die Selbsterziehung einer so großen und wirkungsreichen Volkspersönlichkeit mehr oder minder auch der Gesamtmenschheit zugute kommt: die Fehler des Intellektualismus nach Möglichkeit von sich abzutun, aber sich die Kraft und Klarheit des Intellekts als eine Kulturkraft ersten Ranges zu bewahren. Auch hier wiederum .‘Synthese. Synthese ist es auch, was eine andere, tiefe Antinomie im Judentum zu . Überdrücken berufen ist: Individualismus "und Gemeinschaftsgeist. Auch hier wird vom Judentum Gegensätzliches ausgesagt, gilt auch Gegensätzliches von ihm. Massengefühl, Massensolidarität ist den Juden so oft im Guten wie im Bösen zugesprochen worden; ein tiefjüdisches und zugleich selbsthasserisch-antijüaisches Genie wie Otto Weininger hat es auf ^eine boshafte, mehr witzige als erschöpfende Formel gebracht. . . . Auf der anderen Seite wird den Juden gerade der höchstentwickelte und übersteigerte Individualismus aufgemuzt — der ja wiederum in ihrer kritischen Hellsichtigkeit mitbegründeft) sein mag. Die wirkliche oder angebliche Un-, fähigkeit des Juden zur Staatbildung (übrigenis' wohl etwas mehr historisch Erworbenes alsi Eingeborenes) hat diesen Individualismus zur! Voraussetzung — dessen sich ja der klassische jüdische Witz und Humor . so ausgiebig bemächtigt hat, daß hier kaum noch etwas zur Charakteristik hinzugefügt zu werden braucht. Und auch hier liegt eben das Heil in der Synthese.— Der jüdische Geist war immer groß in seinem -idealistischen Drang zum Absoluten. Seine Zukunftlinie bewegt sich auf das Ideal zu, das natürlich immer nur annäherungsweise •; erreicht werden kann. Verzerrungen sind zü tilgen, Ursprüngliches ist in seiner Reinheit wuderherzustellen, wertvoll Neues hinzuzug^- winnen. Scheinbar »Reaktionäres« kann sich i als fortschrittlich, entwicklungfördernd efweisen. Der Geist des alten Judentums ist ein gutes Gegengewicht gegen Materialismus und Mammonismus. . . . Bleibt immer noch das grpfle Problem des Juden im Verhältnis zu dem nationalen Volkstum, dem er seit Jahrhunderten zugehört, an dessen Kultur er das Beste mitgeschaffen hat Auch hier bleibt für den Juden der Zukunft, soweit er nicht extremerTLösungen wie der zionistischen zuneigt, die wahre Aufgabe: die Synthese — das immer tietere Hineinwachsen in jenes Volkstum — und ji n sich selbst zugleich. Das Zweite ist für den modernen Juden vielleicht das Schwierigere; denn das Fremde durchdringt er mit großartiger Einfühlungsfähigkeit;' sich selbst aber droht er in übergroßer Empfänglichkeit und Beweglichkeit oft zu verlieren. Sein i Beitrag zur deutschen Kultur ist ja kaum zu überschätzen; kulturell ist er durchaus Deutscher; möge er dafür sorgen, daß er zugleich iauch Jude bleibe! Das ist seine eigentliche Külturaufgabe. —; 1 Eine jüdische Ehevermittlungssteile •- i i Von Benno Basch, Magdeburg. .. Der Gedanke einer amtlichen Ehevermittlung, wie er jetzt von jüdischer Seite angestrebt wird, ist an sich kein Novum. In den deutschen Kolonien hatte der Frauenbund der deutschen Kolonialgesellschaft zum erstenmal eine offizielle Eheanbahnung organisiert, die kurze Zeit bestand und einige Erfolge zu verzeichnen Hatte. Der erste Versuch einer behördlichen Eheanbahnung in Deutschland ging von Magdeburg aus und wurde hier während des Krieges jvom Schreiber dieser Zeilen veranlaßt Da in i der breiteren Oeffentlichkeit über diese Magdeburger 128 — i